In seiner Jugend verstand sich Albrecht Weinberg (1925-2026) stets als Ostfriese. Er sprach Plattdeutsch, aß Grünkohl und führte mit seiner Familie in einer norddeutschen Kleinstadt ein normales Leben. Sein Vater arbeitete als Schlachter und Viehhändler. Doch die Nazis sprachen dem aus einer jüdischen Familie stammenden Weinberg den Status als Bürger ab. Seine Nachbarn und die lokalen Behörden münzten das in handfeste Taten um. Als Kind wurde Weinberg als »dreckiger Jude« beschimpft und bedroht; man bewarf ihn mit Steinen und verspottete ihn mit antisemitischen Liedern. Einkaufen durfte die Familie nur noch eine Stunde pro Tag, und selbst auf einer Parkbank war ihnen das Sitzen verboten. Einer von vier Überlebenden der Familie
In der Reichspogromnacht im November 1938 verwüsteten SA-Männer die Wohnung seiner Familie, die anschließend zwangsumgesiedelt wurde. Auch eine staatliche Schule durfte der junge Albrecht nicht mehr besuchen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts - Weinberg überlebte Zwangsarbeit, Auschwitz, Bergen-Belsen und etliche Todesmärsche - musste er sich als einer von vier Überlebenden seiner Familie völlig neu orientieren. Rund 40 Angehörige, darunter auch seine Eltern, waren ermordet worden. Für Weinberg kam ein Weiterleben in Deutschland nicht infrage; in den USA baute er sich mit seiner Schwester Friedel ein neues Leben auf.
Erst durch die Krankheit seiner Schwester verschlug es ihn in sein Ursprungsland zurück. Wie er das letzte Jahrzehnt seines Lebens trotz seines hohen Alters konstruktiv verbrachte, erzählt der berührende Dokumentarfilm »Albrecht Weinberg - Es ist immer in meinem Kopf« von Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel. Der Film begleitet den hochbetagten Zeitzeugen in seinen letzten Jahren.
In der ostfriesischen Stadt Leer, wo die Familie vor dem Krieg auch ein paar Jahre wohnte, lebt Weinberg mit seiner Pflegerin und Gefährtin Gerda Dänekas zusammen. Der körperlich gebrechliche Mann ist mental hellwach und lässt sich von seiner Helferin zu Gesprächen mit Schülern fahren. Sie schiebt seinen Rollstuhl, pflegt ihn und ist stets eine seelische Stütze. In den Stuhlkreisen mit Schülern erzählt Weinberg anschaulich von Verfolgung, Auschwitz und der ständig lauernden Todesangst. Die Schülerinnen und Schüler sind interessiert und empathisch; sie drücken ihre Bewunderung und Dankbarkeit ihm gegenüber aus. Viele machen Erinnerungsfotos mit Weinberg. Doch nach diesen mitunter sehr herzlichen Begegnungen, in denen er sogar mit Humor punkten kann, ist ihm die seelische Erschöpfung deutlich anzumerken.
Täglich an die Schoa erinnert
Der Holocaust sei »immer in seinem Kopf«, sagt Weinberg in einer Mischung aus ostfriesischem und durch den 60-jährigen US-Aufenthalt englisch geprägtem Deutsch. Allein beim morgendlichen Anziehen werde er durch die auf seinem Unterarm tätowierte Häftlingsnummer täglich an die Shoah erinnert. Dank des charismatischen Protagonisten wirkt der Film nie belehrend, sondern anschaulich. Man sieht Weinberg im Jetzt. Wenn er von der Vergangenheit berichtet, hört man seine Stimme aus dem Off; seine Erlebnisse bebildern die Regisseure mit realen Schauplätzen.
Doch eine Landschaft verliert schnell ihre Anmut, wenn Weinberg erzählt, was er in ihr erlebt hat. Ein zugeschneiter Winterwald ist dann kein Wanderidyll mehr, sondern entpuppt sich als Kulisse eines Todesmarsches, von dem Weinberg damals nicht wusste, wie er enden würde. Die Unterernährung, die Zwangsarbeit und das Grauen um ihn herum ließen ihn mehr als einmal den Tod herbeisehnen. Weinbergs ambivalentes Verhältnis zu Deutschland soll damit auch für ein Publikum verständlich werden, das mit dem NS-Völkermord an den Juden weniger vertraut ist.
Eine Bitterkeit bleibt zurück
Einmal schreibt ein etwa gleichaltriger Pastor, der als Jugendlicher in der Hitlerjugend aktiv war und später als Wehrmachtssoldat diente, Weinberg einen Brief und bittet um ein Treffen. Er erhofft sich eine Art Absolution, die Weinberg ihm weder geben kann noch will. Schließlich treffen sich die beiden und reden; bei Weinberg bleibt am Ende eine Bitterkeit zurück, die dem Pastor offenbar nicht bewusst ist. Weinberg betrachtet den Krieg zwangsläufig aus der Opferperspektive. Dass ein gleichaltriger nichtjüdischer Deutscher wie der Pastor sich durch Selbstgerechtigkeit teilweise seiner Verantwortung entzieht, stößt Weinberg sichtbar auf.
Dennoch genießt der alte Mann, der in seinem Leben so viel Leid erdulden musste, seine Begegnungen mit jungen Menschen sowie die Ehrungen, die ihm zuteilwerden. Das Gymnasium in Rhauderfehn, seinem Geburtsort, ist nach ihm benannt. Seinen hundertsten Geburtstag feiert Weinberg im Rathaus von Leer, wo er zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Doch der Film erwähnt auch seine Anfänge und sein Leben in New York, wo er rund 60 Jahre lang mit seiner Schwester Friedel wohnte und eine Schlachterei betrieb. Beide hatten sich geschworen, nicht zu heiraten. Sie wollten keine jüdischen Kinder in die Welt setzen, denen dasselbe Schicksal blühen könnte wie ihnen. Private Fotos bebildern diese Zeitspanne, und selbst aus der Vorkriegszeit sind Aufnahmen von Albrecht Weinberg und seiner Familie erhalten geblieben. Er hatte sie vor dem Krieg einem Freund anvertraut - und wie durch ein Wunder gingen sie nicht verloren.
So etwas wie Frieden
Auch wenn Weinberg im Film auf dem Gelände von Bergen-Belsen betont, dass er keine Heimat habe, fand er in seiner Geburtsregion Ostfriesland noch einige Jahre so etwas wie Frieden. Der Film erzählt nicht zuletzt eine Liebesgeschichte: die zu seiner treuen Gefährtin Gerda Dänekas. Sie war es auch, die ihn ermunterte, seine Geschichte heutigen Generationen zu erzählen. Die Vertrautheit, das Verständnis und auch die Geborgenheit, die Albrecht Weinberg durch sie erfuhr, haben seine letzten Lebensjahre in Deutschland ganz offensichtlich angenehmer gestaltet.