Neujahr

Mit Tatkraft und Ausdauer

Wenn wir bald das Schofar hören, dann soll sein Klang für uns im wahrsten Wortsinne ein Weckruf sein. Foto: Vetre Antanaviciute Meskauskiene/Vecteezy

Eine »Schande für Deutschland« hatte der 2023 verstorbene Wolfgang Schäuble einst die »Alternative für Deutschland« genannt und ihr bei anderer Gelegenheit außerdem vorgeworfen, durch sie werde »hemmungslos alles demagogisch missbraucht, was man missbrauchen kann«. Solche Sätze sind in der politischen Debatte heute längst kein Aufreger mehr. Besonders sind sie trotzdem, Schäuble äußerte sie nämlich bereits im Herbst 2014, zu einer Zeit, als die AfD noch als bedeutungs- oder zumindest harmlos galt.

Wenige Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erscheint Schäubles Analyse nun so weitsichtig wie nie. Früher als viele andere hatte er das Gefahrenpotenzial erkannt, das von der neuen Gruppierung ausging, und die klaren Worte gefunden, für die andere etliche Jahre brauchten. Heute, da ein rechtsextremer Landesverband sich anschickt, in Querfront mit den Steigbügelhaltern aus Sahra Wagenknechts Parteikonstrukt eine Landesregierung zu übernehmen, wird dieses Potenzial von der theoretischen Größe zur realen Bedrohung.

Das schöne und erfüllende Tagesgeschäft

Liebend gern hätte ich meine Gedanken zu Rosch Haschana 5787 mit einem anderen Thema eingeleitet als einem deutschen Rechtsextremismus, der vor unseren Augen seinen zweiten Frühling erlebt. Zahllose andere Geschichten würde es zu erzählen geben, von der Heimkehr der letzten lebenden israelischen Geiseln im Oktober 2025 über das zehnjährige Bestehen des Helene-Habermann-Gymnasiums im Juni dieses Jahres und die Neuwahl unseres Gemeindevorstandes im Juli bis zur 20-Jahr-Feier der Einweihung der Hauptsynagoge in diesem Herbst. Die Arbeit für eine jüdische Zukunft in unserer Stadt bleibt weiterhin das schöne und erfüllende Tagesgeschäft, und rein geografisch ist Magdeburg von München weit entfernt.

Aber leider stehen die Dinge nicht so, dass wir unbeschwert über Jubiläen oder Gemeindeprojekte sprechen könnten. Alles, woran wir bauen und was wir hier tun, spielt sich in einem gesellschaftlichen, politischen und, ja, geschichtlichen Rahmen ab, der anders als in früheren Zeiten nicht mehr einfach ausgeblendet werden kann. In unseren eigenen Räumen, auf der metaphorischen Insel unserer eigenen jüdischen Gemeindeinstitutionen, sind wir zwar physisch in Sicherheit. Die Stürme werden heute allerdings immer heftiger, und sie kommen uns viel, viel näher. Wir leben nicht länger jenseits der Geschichte. Die Geschichte hat uns eingeholt.

Damit muss die jüdische Gemeinschaft sich heute arrangieren, und sie darf bei aller Sorge nicht den Fehler machen, das von einer Position der Selbstverzwergung aus zu tun. Der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt hat bereits am Montag in einem Statement gezeigt, wie es gehen kann, und bewundernswert kämpferisch betont: »Dies ist unser Land. Das Land, in dem jüdische Familien über Generationen lebten. Das Land unserer Kinder.« Gemeint war damit Sachsen-Anhalt, der Gedanke gilt jenseits von Halle, Dessau und Magdeburg aber ganz genauso.

Möge es für uns alle ein Jahr der Erneuerung in Stärke sein.

Dass manche Menschen – darunter zuvorderst Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft – nicht abwarten werden, was genau eine AfD-Regierung in ihrem Land oder ihrem persönlichen Umfeld anrichtet, liegt umgekehrt auf der Hand. Nicht wenige werden womöglich zu dem Schluss kommen, dass ihre Kinder woanders eine bessere Zukunft finden können, und in Anbetracht der Lage kann man dies niemandem verübeln.

Unsere eigene Tatkraft aufzugeben, wäre heute jedenfalls das Falscheste, das wir tun können. Gerade jetzt zu Rosch Haschana, da das Buch unserer eigenen Taten für das kommende Jahr noch unbeschrieben vor uns liegt, müssen wir uns auch die Frage stellen, was wir tun können. Ganz gewiss ist die derzeitige Lage nicht die Schuld der jüdischen Gemeinschaft. Als Bürger dieses Landes sind wir von der Pflicht, es vor Schaden zu bewahren und die Werte zu verteidigen, die auch unsere Zukunft sichern, aber mitnichten befreit. Wir tragen Verantwortung, und wir tragen sie jetzt mehr denn je.

Längst wahnhaftes, oft hasserfülltes Abarbeiten am Staat Israel

Keine Frage, ein leichter Start ins neue jüdische Jahr ist dies nicht. Zum Aufschwung der Rechtsextremen kommt schließlich noch ein längst wahnhaftes, oft hasserfülltes Abarbeiten am Staat Israel durch eine politische Linke hinzu, die historisch völlig falsch abgebogen ist und trotzdem statt auf die Bremse lieber beherzt aufs Gaspedal steigt.

Wo die kategorische Ablehnung des einzigen jüdischen Staates zum kulturellen Entréebillett wird, da kann politisch nichts Konstruktives mehr wachsen. Der linke wie rechte Rand sind für den gedeihlichen Diskurs verloren, und sie schwellen beide an.

Vergleiche mit der Situation vor 1933 drängen sich auf, und in der Substanz haben sie auch eine gewisse Berechtigung. In einem fundamentalen Punkt aber unterscheiden sie sich: Jüdische Menschen leben nach mehr als 75 Jahren etablierter demokratischer Kultur in Deutschland und in einer Zeit jüdischer Souveränität nicht länger als hilflose Bittsteller. Wir sind Akteure, und als solche dürfen wir uns vielleicht von Besorgnis leiten, aber nicht von Angst lähmen lassen. Unsere Unterstützer – und die gibt es weiterhin! – stehen mutig an unserer Seite, wenn wir selbst mit Mut vorangehen.

Wenn wir deshalb bald das Schofar hören, dann soll sein Klang für uns im wahrsten Wortsinne ein Weckruf sein. Es sind keine einfachen Zeiten, in denen wir leben, aber es sind Zeiten, die mit Weitsicht zu gestalten wir selbst gefordert sind. Zum neuen Jahr 5787 wünsche ich uns deshalb Tatkraft, Ausdauer und Vertrauen, dem Staate Israel Frieden und unserem eigenen Land Stabilität. Möge es für uns alle ein Jahr der Erneuerung in Stärke sein. Schana towa umetuka!

Die Autorin ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

9. Oktober 2019

Gedenken zum Jahrestag des Anschlags von Halle

Der antisemitische Anschlag von Halle jährt sich am Freitag zum siebenten Mal. Die jüdische Gemeinde, Kirchen, Stadt und zivilgesellschaftliche Gruppen planen Gedenkveranstaltungen auch an den Anschlagsorten

 08.10.2026

Frankfurt

Erst Rivalinnen, dann Freundinnen

Israelische Nachwuchsfußballerinnen aus sieben Jugenddörfern spielen gegen Makkabi

von Katja Sturm  08.10.2026

Münster

Rote Linien für die Roten

Bei einer Veranstaltung mit der Schoa-Überlebenden Eva Szepesi und Zentralratspräsident Josef Schuster verspricht Gregor Gysi, innerhalb der Linken klare Grenzen gegen Antisemitismus zu ziehen

von Stefan Laurin  08.10.2026

Tagung

Krisen der Gegenwart

Auf dem »Media TLV Summit« diskutierten Experten Fragen von Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle der Medien

von Luis Gruhler  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026