Porträt der Woche

Der Barockmusiker

»Das Lesen und Studieren hat mein Denken über Religion und Ethik sehr geprägt«: Moshe Haas (60) aus Freiburg Foto: RITA EGGSTEIN

Als ich zwei Jahre alt war, hat meine Familie meine musikalische Begabung entdeckt. Mein Onkel setzte sich ans Klavier und bat mich nachzusingen, was er spielte. Bald galt ich als Sopran-Wunderkind. Mit sechs Jahren bekam ich Geigenunterricht. Mein Opa, den ich sehr liebte, und meine Mutter wünschten sich das. Sie selbst hatte als junges Mädchen Geige gelernt, konnte aber nicht weiterspielen, weil sie 1944 – da war sie sieben Jahre alt – ins Konzentrationslager Bergen-Belsen kam.

Wegen der Musik habe ich Israel immer wieder verlassen. Seit Sommer 2025 bin ich nun Kantor in Freiburg. Das ist bei uns eine Art Familientradition: Mein Vater und drei seiner Brüder übten ebenfalls diesen Beruf aus. Davor war ich 16 Jahre lang Sänger im Opernchor in Tel Aviv, doch meine Frau und ich empfanden die politische Situation in Israel als sehr belastend. Wir wollten weg.

Ich wurde 1966 geboren und bin in Bat Jam aufgewachsen

Ich wurde 1966 geboren und bin in Bat Jam aufgewachsen, in der Nähe von Tel Aviv. Erst mit Ende 50 wurde ich hauptberuflicher Kantor. Aber ich habe seit Langem immer wieder in jüdischen Gemeinden ausgeholfen, dadurch hatte ich bereits sehr viel Erfahrung. Und natürlich hat mich meine Familie stark geprägt. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der immer gesungen hat: als Kantor in der Synagoge und bei vielen anderen Auftritten, oft auch außerhalb Israels, und für zahlreiche Schallplatten-Produktionen.

Meine Mutter hatte ebenfalls eine wunderschöne Gesangsstimme, und sie war ein Naturtalent. Einer meiner Onkel war Simon Hass, ein berühmter Kantor in London. Eigentlich ist Hass unser Familienname, doch als ich zum Studium nach Basel kam, wurde mir klar, dass dieser Name in einem deutschsprachigen Land problematisch ist. Deshalb änderte ich meinen Namen in Haas. Als Kantor in Freiburg habe ich vielfältige Aufgaben. In der Israelitischen Gemeinde vertrete ich den Hauptkantor, und bei der liberalen Gemeinde in Konstanz werde ich gelegentlich eingeladen, Gottesdienste zu gestalten. Außerdem bin ich Kantor in der liberalen Gemeinde der Egalitären Chawurah Gescher in Freiburg, dort dirigiere ich auch einen Chor. Und ich beteilige mich an jüdischen Kulturveranstaltungen und Konzerten.

Mein Leben war immer geprägt von Musik. Immer habe ich die Musik geliebt. Ich war in einem künstlerisch ausgerichteten Gymnasium und spielte mit meiner Geige im Orchester. Dann wollte ich ans Curtis Institute of Music, das ein renommiertes Konservatorium in Philadelphia ist. Mit einem Vollstipendium konnte ich dort drei Jahre lang studieren, in der Zeit, als ich zwischen 18 und 21 Jahre alt war. Damals habe ich dort schon öfter in der Synagoge ausgeholfen, wenn jemand gesucht wurde zum Singen oder zum Ausrollen und Lesen der Tora. Die Ausbildung in Philadelphia war sehr anspruchsvoll. Ich musste täglich viele Stunden üben, der Leistungs- und Konkurrenzdruck war sehr hoch.

Wegen der Musik habe ich Israel immer wieder verlassen.

Mit 21 Jahren kehrte ich zum Militärdienst nach Israel zurück. Das war für mich wie ein Kulturschock. Das Training draußen begann im Winter, durch den gefrorenen Boden und den Matsch trugen meine Hände, die ich zum Geigespielen brauchte, einige Schäden davon. Eines Tages forderte mich ein Sergeant auf, mit meiner Geige für die Truppe zu spielen. Als ich ihm meine Hände zeigte, war klar, dass das nicht möglich war.

Ich erhielt als Musiker von Anfang an einen Sonderstatus

Es dauerte etwa eineinhalb Monate, bis sie sich regeneriert hatten. Ich erhielt als Musiker aber von Anfang an einen Sonderstatus und wurde deshalb nicht in einer Kampfeinheit eingesetzt, sondern im Kulturprogramm für die Soldaten. Dadurch war ich privilegiert. Meine nächste Station nach dem Militärdienst war Basel. Eine Bekannte von mir hatte dort an der Musikhochschule Cembalo studiert, an der Schola Cantorum Basiliensis für Alte Musik. Sie empfahl mich dort, und so studierte ich Barock-Geige und im Nebenfach Gesang. Mir ist die klassische deutsche Musik sehr wichtig, mein Lieblingskomponist ist Johann Sebastian Bach. Einer meiner Lehrer war der bekannte Violinist und Dirigent Thomas Hengelbrock. Ich lebte bei einer jüdischen Familie und lernte nebenher Deutsch, ohne einen Kurs zu besuchen.

1995 zog ich wieder nach Israel und gab Kindern Geigenunterricht. Ende 1996 begann wieder eine neue Etappe: Ich studierte Gesang in London bei Andrew King, einem Tenor und Gesangslehrer, der auf Alte Musik spezialisiert ist. Auch dort war ich wieder bei der jüdischen Gemeinde involviert, und zwar im Chor. Als Geigenmusiker war der Wettbewerb so hart und aussichtslos, dass ich mich immer mehr umorientierte, hin zum Gesang. Einige Zeit lebte ich in Köln, studierte Musikwissenschaft und lernte die deutsche Sprache nun gründlicher. Anschließend zog es mich für ein paar Jahre nach Freiburg. Ich hatte Projekte in Zürich, in Straßburg und Paris, weshalb für mich der Standort sehr günstig war. Meist habe ich mit Chören gearbeitet.

Dann begann meine Zeit im Opernchor in Israel, 16 Jahre lang war ich dort ein führender erster Tenor. Daneben habe ich auch in kleineren Ensembles für jüdische Musik ausgeholfen und freiberuflich gearbeitet. 2010 lernte ich in Israel meine Frau kennen. Auch sie liebt Musik, ist aber in anderen Bereichen aktiv: Sie ist Übersetzerin und Autorin und in der israelischen Friedensbewegung engagiert. Ihre Gruppe »Weg zur Heilung« koordiniert Fahrdienste, die palästinensische Kinder zur medizinischen Behandlung in Krankenhäuser bringen. Darum kümmert sie sich auch nach unserem Wegzug von Freiburg aus weiter, sie arbeitet online. Wir wollten Israel verlassen, weil uns die Situation dort so stark belastet hat. Deshalb schrieb ich mehrere Chöre und Synagogen in Deutschland an, um mich zu bewerben. Irina Katz, die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg, lud mich ein, und so entwickelte sich alles weiter. Wir sind froh, dass es geklappt hat.

Sieben Mitglieder der Friedensgruppe meiner Frau wurden sofort getötet oder verschleppt

Der 7. Oktober 2023 war schrecklich. Sieben Mitglieder der Friedensgruppe meiner Frau wurden sofort getötet oder verschleppt. Von den Verschleppten hat niemand überlebt. Ich verstehe die Wut, die Trauer, die Angst und die Traumatisierung, die diese Massaker ausgelöst haben. Aber ich kann trotzdem nicht unterstützen, was die israelische Regierung macht. Das Judentum, in dessen Tradition ich erzogen wurde, fordert friedfertigen Umgang mit anderen Völkern, auch dann, wenn es Probleme gibt. Das Lesen und Studieren, unter anderem der Schriften orthodox-jüdischer Denker, hat mein Denken über Religion und Ethik sehr geprägt.

Meine Eltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel emigriert. Mein Vater hat öfter von seiner Vergangenheit erzählt.

Meine Eltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel emigriert. Mein Vater hat öfter von seiner Vergangenheit erzählt. Die Nazis kamen in sein galizisches Dorf, ein SS-Mann wollte seinen Vater mitnehmen. Als der Vater aus dem Haus trat, liefen alle seine zehn Kinder schreiend hinter ihm her. Der SS-Mann schickte ihn wieder zurück. Es war klar, dass die Familie nun fliehen musste. Sie sind gleich in der nächsten Nacht weggegangen, in die Sowjetunion. Später schickte sie Stalin nach Sibirien.

Nach Kriegsende wollte mein Vater mit seinem Zwillingsbruder nach Palästina. Sie waren zuerst in einem Lager für »Displaced Persons« in Ulm, dann auf einem Einwandererschiff, das von den Briten abgefangen wurde. Nach einiger Zeit in einem Internierungslager in Zypern gelangten sie nach Palästina. Irgendwann lernte er dort meine Mutter kennen. Sie hat weniger über ihre Geschichte gesprochen. Meine Mutter wuchs in Budapest auf und wurde 1944 ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Das alles hat sie sehr traumatisiert.

Meine Mutter wollte nie Filme über den Holocaust sehen

Sie wollte nie Filme über den Holocaust sehen. Ihr Vater, also mein Opa, hat mehr berichtet. Er war ein sehr lieber Mensch. Er hat uns mit einer gewissen Leichtigkeit über sein Überleben in der Zeit des Nationalsozialismus erzählt, um uns nicht allzu sehr zu verstören. Nun leben meine Frau und ich ausgerechnet in Deutschland. Bevor wir entschieden, dauerhaft hierherzuziehen, habe ich meiner Frau im August 2024 Freiburg gezeigt, das ich ja schon kannte.

Sie mochte die Stadt. Sie fand die Menschen freundlich und war begeistert vom Ökoquartier Vauban, denn sie ist sehr besorgt wegen der Klimakrise. Uns gefällt es hier sehr gut. Trotzdem war der Start für meine Frau nicht ganz einfach, sie musste anfangen, Deutsch zu lernen. Ich war bisher in vielen Ländern unterwegs, aber nun schätze ich unser Leben in Freiburg sehr.

Aufgezeichnet von Anja Bochtler

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