Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  26.07.2026 10:26 Uhr

Frau Rusowsky, Sie sind 2010 aus Chile nach Berlin gekommen. Welche Unterschiede haben Sie entdeckt?
Viele Gemeinden in Südamerika wurden von europäischen Einwanderern gegründet – sie sind also wie hier aschkenasisch geprägt, etliche Rabbiner haben sogar einen deutschen Ritus dorthin gebracht. Über Generationen hinweg hat sich diese Tradition aber mit der lateinamerikanischen Kultur und sefardischen Einflüssen gemischt, und wir haben eine eigene Identität entwickelt. Unsere Gottesdienste sind stark gemeinschaftlich geprägt. Musik, auch mit Instrumenten, spielt eine große Rolle. Viele sind »Masorti«, die Familien sitzen eng beieinander, es ist sehr herzlich.

Haben Sie diese Wärme hier vermisst?
Ja, aber es gab auch Dinge, die mich beeindruckt haben. Die Beteiligung von Frauen am religiösen Leben war selbstverständlicher. In meiner Synagoge in der Oranienburger Straße lesen Frauen aus der Tora und tragen Tallit.

Heute lassen auch Sie sich am Abraham J. Heschel Seminar zur Masorti-Rabbinerin in Potsdam ausbilden.
Ja, und ich habe dort einen Studenten aus Argentinien kennengelernt. Uns wurde klar, dass es in Berlin keinen Ort gibt, an dem wir die spezifische Kultur unserer Heimatländer wirklich wiederfinden konnten. So haben wir »Judaismo Pop« gegründet.

Wer kommt zu Ihnen?
Spanischsprachige Juden, vor allem aus Argentinien, Chile und Uruguay. In den vergangenen Jahren ist die lateinamerikanisch-jüdische Gemeinschaft deutlich gewachsen. Viele sind aus wirtschaftlichen, politischen oder familiären Gründen nach Deutschland gekommen. Interessanterweise haben einige familiäre Wurzeln in Deutschland. Ihre Vorfahren flohen einst von hier nach Südamerika – in gewisser Weise schließt sich dadurch ein Kreis.

Sie bieten einen »Kabbalat Schabbat Latino« an. Was passiert da?
Der Freitagabend ist in vielen lateinamerikanischen Gemeinden der wichtigste Gottesdienst der Woche. Wir singen die Melodien, die wir aus unserer Heimat kennen, mal sitzen wir im Kreis und nicht zum Aron Hakodesch gerichtet. Nach dem Gebet gibt es auch mal Kiddusch mit Empanadas, und einmal habe ich Alfajores gebacken! Es geht aber nicht nur um Musik und Essen.

Worum geht es noch?
Ein Beispiel: Vergangene Woche jährte sich der Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994 mit 85 Toten. Dieser Tag hat sich in das kollektive Gedächtnis von Juden in Lateinamerika eingebrannt. Hier wird kaum daran erinnert. Deshalb haben wir einen jährlichen »Shabbat de la Memoria« ins Leben gerufen. Dabei übersetzen wir auch auf Deutsch und Englisch. Unser Ziel ist es nicht nur, spanischsprachigen Jüdinnen und Juden ein Zuhause zu geben, sondern auch unsere Geschichte und Kultur zu teilen.

Mit der Gründerin von »Judaismo Pop« sprach Mascha Malburg.

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