Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Ein Wohnzimmer des Typs WBS70 war circa 19 bis 20 Quadratmeter groß, meistens gab es einen Balkon, das Sofa stand vielleicht rechts, ein Tisch dazu, dort eine Zimmerpflanze und links an der langen Wand eine Anbauwand. An diese Basics werden sich viele erinnern, die in einer dieser Wohnungen aufgewachsen sind.

WBS, das stand für Wohnungsbauserie, und die faszinierte Matthias Nebel schon früh. Dem freien Bühnenbildner, der vor 20 Jahren »aus dem Westen« nach Berlin kam, begegnete die Platte, wie die Bauten aus den 70er-Jahren mehr oder weniger liebenswert genannt wurden, immer wieder auf der Wohnungssuche: »Ich habe damals viele Plattenbauwohnungen angeschaut. Ich wollte sehen, wie ich in anderen Räumen wohnen könnte als in den typischen Berliner Altbauten«, sagt Nebel.

Abwesenheit der Möbel als Ausgangspunkt für die eigene Vorstellung

Fragen wie »Wie transportieren Grundrisse bestimmte Vorstellungen: eine bestimmte Form von Effizienz, ein Familienbild und letztlich ein Gesellschaftsbild?« ließen ihn nicht los. Und auch deswegen ist Nebel glücklich darüber, sein eigenes Wohnzimmer in der Ausstellung Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs in Dresden-Hellerau zeigen zu können. Wer allerdings denkt, auf diesen vielleicht 20 Quadratmetern auch eine der typischen Hellerau-Anbauwände zu finden, der kann lange suchen. Denn Nebel präsentiert einen leeren Raum. Die Abwesenheit der Möbel als Ausgangspunkt für die eigene Vorstellung.

Jüdische Ossis IV ist Teil des Programms »Fragments of Life and Art. Jüdisches Leben in Kunst und Kultur« und wird vom Institut für Neue Soziale Plastik organisiert.

Deren Leiterin Stella Leder will mit Jüdische Ossis IV zeigen, »wie Menschen in sozialistischen Diktaturen um geistige und künstlerische Freiräume rangen. Oft waren es Jüdinnen und Juden, die zugleich gegen die Unterdrückung ihrer kulturellen und religiösen Identität einstanden«. Heute, da »politische Bewegungen auf dem Vormarsch sind und jüdische Sichtbarkeit weltweit infrage gestellt wird, haben uns die Erfahrungen ›jüdischer Ossis‹ sehr viel zu sagen«, betont Leder.

Auseinandersetzung mit der DDR und der Frage, was an Materiellem und Immateriellem geblieben ist

Ihr Hörspiel Dancing Queen, basierend auf ihrem Buch Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten – Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte, war für Nebel Ausgangspunkt für seine Auseinandersetzung mit der DDR und der Frage, was an Materiellem und Immateriellem geblieben ist, auch wenn »die Oberflächen inzwischen anders aussehen«, sagt Nebel, den »diese Überzeitlichkeit« interessiert.

Zeigen Grundrisse ein bestimmtes Gesellschaftsbild?

Einen anekdotischen Ostalgietraum, das ist dem 1984 geborenen Künstler wichtig, à la »Diese Untertassen hatte ich auch mal«, den möchte er nicht. »Stattdessen geht es darum, dass die Vergangenheit auf eine andere Art wieder nahekommt.«

In der Küche von Simon Ostaschenko triff Vergangenheit auf Gegenwart: zwei riesige Tscheburaschka-Figuren neben einer Puppe in Uniform, ein Tisch mit weißem Tuch, ein Bild einer Familie. Seine »Moskauer Küche« ist der scheinbar gemütliche Gegenentwurf zu Nebels freiem Wohnzimmer.

Fragen der Identität und Fragen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen

Aber eben nur scheinbar, denn auch Ostaschenko setzt sich mit Fragen der Identität und Fragen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander: »Gerade die Küche ist ein Ort, an dem sich Familiengeschichte über Gegenstände vermittelt. Vorhänge, Tischdecken, alte Möbel oder Erbstücke tragen Erinnerungen über Generationen weiter«, erzählt der in der damaligen Sowjetunion geborene und in den 90er-Jahren in Deutschland aufgewachsene Künstler.

Ihn interessiert vor allem der »eklektische Charakter dieser Einrichtungen: Man richtet sich mit den Dingen ein, die man hat. Viele Möbel sind älter und werden weitergegeben. Das ist einerseits pragmatisch, andererseits sind diese Gegenstände eng mit familiären Erinnerungen verbunden«. Privatleben, Küchenpolitik, oppositionelles Leben nennt der Künstler, der sich seit mehreren Jahren mit seiner russischen Identität beschäftigt, als Stichworte für seine Installation, mit der er eine gewisse Gemütlichkeit zeigen möchte. »Trotz aller Kritik gibt es eine Komponente von reflexiver Nostalgie. Man soll die Vergangenheit nicht schönreden, aber die Installation soll trotzdem eine Atmosphäre von Heimeligkeit vermitteln.«

Die beiden Installationen der jungen Künstler werden in Jüdische Ossis IV zu zwei Erfahrungsorten, die nach der Möglichkeit des Privaten in autoritären Systemen fragen.

Umrahmt wird die Ausstellung, die vom 22. September bis zum 31. Oktober im Festspielhaus Hellerau zu sehen sein wird, von Audio-Interviews mit Zeitzeugen sowjetischer Dissidenz, filmischen Interviews mit jüdischen Zeitzeugen der DDR, dem Film Find a Jew von Anna Narinskaya und Igor Sadreev sowie einem von Erica Zingher moderierten Gespräch mit den Filmemachern.

Die Ausstellung wird nicht zuletzt wegen ihrer Aktualität für Gesprächsstoff sorgen, weit über Küchen, Wohnzimmer und Hellerau hinaus.

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