Frankfurt

Transparentes Haus

Ein strahlend schöner Herbsttag in Frankfurt am Main. Die Sonne scheint am Vormittag und blendet die Ehrengäste, die vor dem Eingang der Jüdischen Akademie des Zentralrats der Juden in der Senckenberganlage stehen, gut geschützt von einem großen Polizeiaufgebot. Sie warten auf Frank-Walter Steinmeier. Doch der Bundespräsident und seine Frau Elke Büdenbender werden sich verspäten – wegen einer Fehlermeldung, die der Pilot erhielt, als das Flugzeug in Berlin schon auf der Startbahn stand.

In Frankfurt drängen sich derweil die Kamerateams vor dem Gebäude. Sabena Donath, Co-Direktorin der Jüdischen Akademie, sagt in die Mikrofone: »Es ist ein Ort für Debatten und Diskurse, zum Lernen, zum Fragen und auch manchmal für Streit. (...) Wenn Sie das Haus betreten, stehen Sie zwischen einem alten Gebäude und einem Neubau. Genauso verstehen wir unsere Arbeit.«

»Sichere Räume für innerjüdische Debatten neu aufmachen«

Einer der Journalisten scheint noch nicht überzeugt. Er fragt: »Wie kriegt man die nichtjüdische Bevölkerung im Alltag rein? Es müssen ja die Gruppen angemeldet sein. Es wird also doch wieder möglicherweise eine spezifische Klientel, obwohl Ihr Interesse ja sein müsste, wir wollen es so breit haben wie möglich ...« Und Donath antwortet geduldig: »Schauen Sie, das Haus ist doch so transparent. Genauso verstehen wir uns auch.« Ziel sei, »sichere Räume für innerjüdische Debatten neu aufmachen zu können« und gleichzeitig »in die Stadtgesellschaft, in die Bundesrepublik und auch nach Europa hinaus zu wirken«, sagt sie am selben Tag im Deutschlandfunk Kultur. Die Erwartungen sind geweckt – und sie könnten nicht größer sein.

Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, hofft, »dass das ein Ort des Streits wird, des Diskurses, der Wissensgewinnung, der Erkenntnis – und dass man hier wieder lernt, mit Ambiguitätstoleranz umzugehen und um Wahrheit zu streiten, auch wenn die Positionen meilenweit auseinander sind«.

Und Avichai Apel, orthodoxer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, freut sich, »dass wir hier ein Zentrum haben, die Jüdische Akademie, wo wir auch etwas ausstrahlen können. Nicht als ›Licht für die Völker‹, sondern wir müssen erst einmal sehen, ob wir uns selbst ein Licht sein können«. Als Reaktion auf die Krawalle und Plünderungen in der Mainstadt sagt der Rabbiner: »Am vergangenen Wochenende haben wir hier Menschen auf den Straßen gesehen, die sehr weit entfernt waren von Weisheit.«

Unterdessen ist Steinmeier mit einem Ersatzflugzeug in Frankfurt gelandet und an der Senckenberg­anlage eingetroffen. Zunächst zerschneidet er vor dem Gebäude gemeinsam mit seiner Frau, mit Zentralratspräsident Josef Schuster, dem hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (CDU) und Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) ein Band.

Kurz nach 12 Uhr werden alle Ehrengäste in den Akademiesaal im ersten Stock gebeten, einen Raum mit einer großen Fensterfront und einer Decken­beleuchtung, die fast so wirkt wie Tageslicht. Auf der Leinwand beginnt eine Übertragung aus dem Erdgeschoss: Dort bringen die Gemeinderabbiner Avichai Apel und Julian-Chaim Soussan, begleitet vom Bundespräsidenten, jeweils eine Mesusa an.

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Politprominenz betritt den Saal

Dann bricht die Übertragung ab, die Politprominenz betritt den Saal. Aber was ist mit der dritten Mesusa? Elisa Klapheck, Rabbinerin des Egalitären Minjans der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, hatte im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen angekündigt: »Ich finde es ein sehr schönes Signal, dass drei Rabbiner:innen die Mesusot anbringen – das zeigt den Pluralismus.«

Das Gebäude in der Senckenberganlage steht an einem symbolträchtigen Ort.

Im ersten Stock begrüßt nun Josef Schuster die Gäste. Die Jüdische Akademie fülle eine Leerstelle, »denn sie ist im wahrsten und im eigentlichen Sinne genau das: ein jüdischer Ort. Ein Ort, an dem wir als Jüdinnen und Juden aufhören, zu Gast zu sein. Ein Zuhause«. Steinmeiers Rede fällt sehr aktuell aus: »Ich habe eine klare Erwartung an alle politischen Parteien: Im Ringen um die Macht darf der Schutz jüdischen Lebens niemals zur politischen Verhandlungsmasse werden. (...) Wo über Koalitionen verhandelt wird und Regierungen gebildet werden, muss das Bedingung sein. Antisemitismus darf nirgendwo in Deutschland Einfluss auf die Regierungsarbeit bekommen«, so der Bundespräsident.

»Wellenbrecher gegen Antisemitismus«

Hessens Ministerpräsident wird noch deutlicher mit Blick auf die Linkspartei, die am 20. September die Wahl zum Abgeordnetenhaus in der Hauptstadt gewonnen hat: In Berlin werde eine Partei nicht trotz, sondern wegen ihres Antisemitismus gewählt. Mit solchen Leuten koaliere man nicht. Das gelte auch für die Rechten im Land. Und Frankfurts Oberbürgermeister erhofft sich von der Jüdischen Akademie einen »Wellenbrecher gegen Antisemitismus«.

Nach den Reden geht es wieder ins Erdgeschoss. Dort bringt Rabbinerin Klapheck zu guter Letzt die dritte Mesusa an – zuvor hat sie dem hessischen Ministerpräsidenten erklärt, es gebe nicht nur »Herren Rabbiner«, sondern als Anrede natürlich auch die »sehr geehrten Damen Rabbinerinnen«. Dann können sich die Gäste in allen Etagen umsehen, vom Erdgeschoss der ehemaligen Professorenvilla bis in die Lounge im obersten Stockwerk des Neubaus.

Doron Kiesel, Co-Direktor der Akademie, sagt über das Ensemble: »Es hat Elemente, die mich ans Bauhaus erinnern, und andere, die an die klassische Moderne erinnern. Es hat eine enorme Transparenz. Es ist unsere Aufgabe, hier Wissen zu vermitteln, aber auch infrage zu stellen, durchsichtig zu machen, zu analysieren. All das wird hier auch architektonisch umgesetzt. Und das gefällt mir.«

Ein großer Tag für Sabena Donath und Doron Kiesel

Es ist ein großer Tag für Sabena Donath und ihn. Kiesel wirkt glücklich. Über die lange Zeit des Baus, begonnen 2021 und durchgeführt von Zvonko Turkali Architekten an der Senckenberganlage – die Kosten für das Projekt wurden zunächst auf 25 Millionen Euro veranschlagt und betrugen letztlich 40 Millionen Euro –, sagt er: »Ja, es gab Phasen, wo wir gar nicht mehr wussten: Wird es noch was? Auf der anderen Seite sahen wir, der Bau geht weiter. Ein Stein wird auf den anderen gelegt. Kurzum, wir waren optimistisch. Aber natürlich konnten wir uns nicht vorstellen, wie es am Ende aussehen würde. Und ich bin begeistert.«

Das Ensemble steht an einem symbolträchtigen Ort, erklärt Kiesel: »Da hinten ist das Institut für Sozialwissenschaften, wo Adorno und Horkheimer gewirkt haben. Und dort das Messegelände, die Festhalle, dort wurden die Juden hingeführt, bevor sie deportiert wurden.«

Am Abend wird Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) in einer Rede unterstreichen: »Frankfurt am Main mit seiner reichen jüdischen Tradition ist als Sitz dieser einmaligen Akademie geradezu prädestiniert.« Ihr sei »der Kampf gegen den Antisemitismus und auch die Erforschung des jüdischen Lebens in der Gegenwart eine Herzensangelegenheit«.

Ihren Besuchern will die Jüdische Akademie ein vielseitiges Angebot machen – von öffentlichen Veranstaltungen bis zu Fortbildungen für Lehrkräfte in Schulen, aber auch Polizei oder Justiz. Eine große Konferenz ist für April 2027 geplant – unter dem Titel »Krise und Kritik. Jüdische Perspektiven auf Konflikte der Gegenwart«. Im Juni soll es um »Die Sehnsucht nach Autorität. Der autoritäre Charakter und die Zukunft der Demokratie« gehen. Und im November 2027 steht die Tagung »Der Einzige. Gottesverständnisse im Judentum im Wandel der Zeit« auf dem Programm. Fünf Programmleiter, darunter Gila Baumöhl und Christian Kasten, werden die Inhalte mitprägen. Es bleibt spannend. Oder wie Kiesel es ausdrückt: »Jetzt gibt es kein Zurück mehr.«

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