Meine sehr geehrten Damen und Herren,
soeben wurde am Eingang unserer Akademie eine Mesusa angebracht. Die an den Türpfosten angebrachte Kapsel beinhaltet eine kleine Pergamentrolle. Auf dieser finden sich handgeschrieben zwei Abschnitte aus der Tora.
Das Anbringen der Mesusa folgt einem biblischen Gebot und findet sich an allen jüdischen Gebäuden. Sie erinnert all jene, die in das Haus oder aus ihm herausgehen, an Gottes Gebote im Alltag.
Mit dieser jüdischen Tradition eröffnen wir heute ein Haus für die ganze Vielfalt jüdischen Denkens und jüdischer Erfahrungen. Für die über 1700 Jahre alte Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland ist dieses Haus; ist diese Jüdische Akademie ein Meilenstein.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, noch 2010 hat der Ideengeber für diese Akademie, mein Amtsvorgänger Dieter Graumann, hier in Frankfurt gesagt, ich zitiere: »Noch niemals haben Juden hier in Deutschland so frei, so sicher und so gut leben können wie gerade jetzt.«
Lieber Dieter, es schmerzt mich, heute mit Gewissheit sagen zu können: Du hattest Recht. Denn heute, am 2. November 2026, muss ich sagen: Jüdisches Leben in Deutschland ist so bedroht wie seit dem Menschheitsverbrechen der Schoa nicht mehr.
Der 7. Oktober 2023 war das größte Massaker an Juden seit der Schoa. Seitdem erleben wir einen explosionsartigen Anstieg des Judenhasses. Der 7. Oktober 2023 teilt die Zeit. Ein Davor, in das es kein Zurück mehr gibt. Ein Danach: Menschen fühlen sich in Deutschland wieder ermächtigt, Juden Hausverbote zu erteilen. Das Internet wird überschwemmt von antisemitischen Verschwörungserzählungen.
Parteien, in denen der Antisemitismus ein Zuhause gefunden hat, schicken sich an, Regierungen in Bundesländern zu führen. Nichts davon geschieht heimlich, still und leise. Der Judenhass muss sein Dasein nicht mehr im Verborgenen fristen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
In Deutschland 2026 ist die Behauptung, Antisemitismus habe »keinen Platz in unserer Gesellschaft« in der Sache falsch. Wer das behauptet, leistet leider keinen Beitrag zur Bekämpfung des Hasses, sondern lässt ihn weiter gedeihen. Wer behauptet, Judenhass habe keinen Platz, der verleugnet die Realität. Der Hass hat sich diesen Platz längst genommen. Auf unseren Straßen, in unseren Medien, in der Kulturszene, und an unseren Bildungseinrichtungen.
In seinem Kern ist der Antisemitismus immer auch eine Verschwörungserzählung. Ein Versuch, die Widersprüche der Welt aufzulösen, indem man den Juden jegliche Schuld zuschiebt. Der Judenhass ist der Feind jeder Differenzierung. Der Feind jeder Aufklärung. Der Feind jeder offenen Begegnung.
Neben Zivilcourage und neben dem Rechtsstaat muss man den Hass deshalb genau mit diesen Mitteln bekämpfen: Mit Offenheit, mit Aufklärung, mit Begegnung. Kurz: Man muss den Hass bekämpfen mit Bildung, Bildung und nochmals Bildung.
Dieses Haus, diese Jüdische Akademie, wurde geschaffen, um über das Judentum aufzuklären und auch die positiven und schönen Seiten des Judentums zu zeigen. Das wird sie auch tun. Und doch: Nach dem 7. Oktober ist es auch die Aufgabe dieses Hauses, dem Judenhass die Stirn zu bieten. Und das eben gerade mit den Mitteln, die einer Akademie zur Verfügung stehen.
Diese Jüdische Akademie wird Raum geben für Differenzierung. Für unangenehme Fragen ebenso wie für schwierige Antworten. Für Zumutung im besten Sinne des Wortes. Im Talmud steht geschrieben: »Das Lernen ist groß, denn es führt zu Taten.« Genau unter diesem Motto soll das Wirken dieser Akademie stehen.
Die Jüdische Akademie ist damit eine Manifestation jüdischen Lernens. Sie steht in einer jahrtausendealten Tradition, der Tradition unserer Religion. Eine Leerstelle, die es bisher gab, füllt diese Akademie künftig. Sie wird zeigen, dass jüdisches Leben so viel mehr ist als jüdisches Leiden.
Die jüdische Gemeinschaft leistet in vielen Bereichen ihren Beitrag zur Gesellschaft. Die Jüdische Akademie ist ein weiteres Angebot an alle Bürger dieses Landes, die sich mit dem Judentum auseinandersetzen möchten. Ein intellektueller Anziehungspunkt. In gleichem Maße besteht diese Jüdische Akademie für unsere jüdische Gemeinschaft. Sie füllt eine Leerstelle als erste Bildungseinrichtung ihrer Art seit der Schoa. Als Einzige ihrer Art in Europa.
Sie ist ein Anker für die jüdische Gemeinschaft, sie bietet Schutzräume für innerjüdische Debatten. Sie bietet einen Raum, in dem Vorstellungen unserer jüdischen Zukunft wachsen und reifen können. Es war ein wahrlich langer Weg, den wir von einer Idee bis zum heutigen Tag gegangen sind und den ich selbst seit zwölf Jahren als Präsident des Zentralrats begleite. 2013 hat die Bildungsabteilung, als Vorgänger der Jüdischen Akademie angelegt, ihre Arbeit aufgenommen.
Es musste ein Ort gefunden werden - das ist gelungen! Im Jahr 2020 haben wir mit der Stadt Frankfurt einen Kaufvertrag abschließen können und die Baugenehmigung erhalten. 2021 erfolgte hier der erste Spatenstich, 2024 haben wir das Richtfest gefeiert. Weder eine globale Pandemie, noch ein Krieg in Europa oder eine ausgewachsene Energiekrise haben es vermocht, dieses Vorhaben zu stoppen. Denn heute stehen wir hier.
Dass diese Jüdische Akademie nun besteht, wäre nicht denkbar gewesen ohne den herausragenden Einsatz und das Wirken einiger Menschen: Lieber Dieter, ich habe dich bereits erwähnt und bin dankbar, diesen Moment mit dir zu teilen. Im Jahr 2010 hast du am 9. November in der Paulskirche hier in Frankfurt eine fulminante Rede gehalten. Du hast dort gesprochen von, ich zitiere, einem »neuen, gemeinsamen, lichtdurchfluteten Haus von frischer bunter jüdischer Vielfalt«. Ich glaube, du hattest ein wirkliches Haus im Sinn. Einen wahrhaften, jüdischen Ort. Wir befinden uns heute darin.
Mit Trauer denke ich daran, wer heute nicht bei uns sein kann. Harry Schnabel seligen Angedenkens war derjenige, der beherzt den Bau dieses Hauses vorangetrieben hat. Es schmerzt mich sehr, dass er den heutigen Tag nicht miterleben kann. Umso mehr freut es mich, dass seine Familie heute hier ist: Liebe Sophie, lieber Tobias, lieber David: Danke, dass ihr diesen Moment mit uns teilt.
Nach diesem großen Verlust sind Sie, sehr geehrter Herr Schwarzbart, aus langjähriger Freundschaft zu Harry Schnabel eingesprungen. Als Bauherrenvertreter haben Sie entscheidenden Anteil an diesem Erfolg und ich danke Ihnen dafür von Herzen.
Danken will ich auch Ihnen, Herr Bappert, der Sie als Projektsteuerer allen vorhin geschilderten Hindernissen getrotzt haben! Dass dieses Haus heute aussieht, wie es aussieht, dass sich auch mit seiner Architektur eine ganze Rede füllen ließe, verdanken wir Zvonko Turkali und seinem Büro, Turkali Architekten.
Von Beginn an, zunächst als Bildungsabteilung und nun als Jüdische Akademie, wird die inhaltliche Arbeit dieser Einrichtung gestaltet von der Direktion: Von Sabena Donath und Doron Kiesel. Ich danke euch beiden für euer Herzblut und euren langen Atem. Es ist geschafft! Und gleichzeitig ist es erst der Startpunkt einer großen und sehr verantwortungsvollen Aufgabe.
Dass diese Akademie hier steht, als Teil des Kulturareals Senckenberganlage, hat auch seinen Grund. Ich danke deshalb ganz ausdrücklich dem heutigen Landesbeauftragten im Kampf gegen Antisemitismus und damaligem Kämmerer der Stadt Frankfurt, Uwe Becker.
Besonderer Dank gilt der Bundesregierung, und hier insbesondere dem Bundesministerium des Innern. Minister Dobrindt und seiner Vorgängerin, Frau Faeser, die heute bei uns ist. Ihre Unterstützung hat dieses Haus möglich gemacht. Sie ist Ausdruck einer Verantwortung für jüdisches Leben, die wir sehr zu schätzen wissen.
Außerdem danken wir dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt. Ihre Unterstützung hat entscheidend dazu beigetragen, dass aus einer großen Idee dieser Ort werden konnte. Herr Ministerpräsident Rhein und sein Vorgänger Herr Bouffier sind heute bei uns, ebenso Herr Oberbürgermeister Josef und Sie, sehr geehrte Frau Roth.
Ausdrücklich danken will ich auch der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, stellvertretend für alle Partner für Ort: Für gute Zusammenarbeit schon in der Vergangenheit und gute Nachbarschaft in der Zukunft!
Hier in Frankfurt am Main bestand in den 1920er Jahren das Jüdische Lehrhaus des Franz Rosenzweig. Hier wurde im Jahr 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Hier wird 2026 die Jüdische Akademie eröffnet.
Hier in Frankfurt fließen Vergangenheit, Gegenwart und, dessen bin ich mir sicher, Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ineinander. Zentraler Teil des jüdischen Erbes ist das Wirken Leo Baecks sel. A. Als Rabbiner, als Denker und Lehrer prägte er das deutsche Judentum.
In der Zeit nationalsozialistischer Verfolgung stand er Menschen bei und gab ihnen geistigen Halt. Seine Verbindung von Gelehrsamkeit und Menschlichkeit bleibt für den Zentralrat der Juden ein Vorbild. So hat der Zentralrat der Juden seinen Sitz im Leo-Baeck-Haus in Berlin, dem Gebäude ebenjener Rabbinerschule, in der Baeck selbst unterrichtete. Leo Baeck sagte nach dem Zweiten Weltkrieg, ich zitiere: »Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.« Wer wollte es ihm verdenken?
Meine Damen und Herren,
Heute jährt sich der Todestag Leo Baecks zum 70. Mal. Heute eröffnen wir diese Jüdische Akademie. Heute schließt sich ein Kreis. Es ist unser Anspruch als Jüdische Gemeinschaft, in Deutschland zu Hause zu sein. Dieser Anspruch ist seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr selbstverständlich. Umso wichtiger ist es, ihn zu vertreten und ihn zu untermauern. Dieses Haus ist das Sinnbild für diesen Anspruch.
Die Jüdische Akademie füllt eine Leerstelle, denn sie ist im wahrsten und im eigentlichen Sinne genau das: Ein jüdischer Ort. Ein Ort, an dem wir als Jüdinnen und Juden aufhören, zu Gast zu sein. Ein Zuhause. Ich danke Ihnen allen für ihr Kommen und Ihre Teilnahme an der Eröffnung der Jüdischen Akademie.
Vielen Dank!
Ich darf Ihnen nun einen kurzen Film zur Akademie und ihrer Geschichte ankündigen, gefolgt vom Grußwort des Bundespräsidenten.