Porträt der Woche

Reihe 9, außen

»Meine Musiklehrer waren die besten der Welt. Viele von ihnen waren vor den Nazis geflohen:« Diana Sims-Silbermann (78) aus Düsseldorf Foto: Anne Orthen

Porträt der Woche

Reihe 9, außen

Diana Sims-Silbermann spielt Cello und ist Theaterärztin. Sie hat immer denselben Platz

von Claudia Irle-Utsch  01.11.2026 08:25 Uhr

Heute singe ich nicht mehr, ich rauche. Aber: Ich spiele Cello. Das ist ein so schönes Instrument, es gleicht der menschlichen Stimme. Und meine Leidenschaft für die Musik und die Medizin verbindet sich auf eine wunderbare Weise an der Oper am Rhein in Düsseldorf. Ich bin Theaterärztin und habe immer denselben Platz: Reihe 9, außen. Ein paar Mal im Monat bin ich im Einsatz und werde immer wieder gebraucht.

Mein Mann und ich sind große Musikliebhaber. Wir unternehmen sehr gern Musikreisen. Fahren etwa zum Salzburger Mozartfest oder nach Verbier, nach Aix-en-Provence, Neapel oder Berlin. Kennengelernt haben wir uns in einer Studentenkneipe in Ulm. Ich war damals am Theater die Jüngste im Ensemble und fragte, wo ich denn junge Leute treffen könnte. Die anderen sagten: Geh mal in diese Kneipe. Dort traf ich Matthias Silbermann. Seine Familie war absolut dagegen, dass wir heiraten.

Der Großvater durfte damals nicht wissen, dass ich jüdisch bin

Matthias war katholisch. Er hatte bei den Regensburger Domspatzen gesungen, ist später aber aus der Kirche ausgetreten. Dass er mit einer Jüdin zusammen war, galt in der Familie als Skandal. Der Großvater durfte damals nicht wissen, dass ich jüdisch bin. Matthias war blond und blauäugig und das einzige Kind, und dann so etwas! So dachte die Familie damals. Wir haben trotzdem geheiratet, am 9. Dezember 1977.

Zudem bin ich auch noch Amerikanerin: Ich wurde 1948 in San Francisco geboren. Mein Vater war Saul E. Silverman. Er war ein kluger Mann. Sein BWL-Studium hat er mit der höchsten Auszeichnung abgeschlossen, mit summa cum laude. Als ersten Preis konnte er eine Anstellung bekommen. Aber nicht mit einem jüdischen Namen! Also nannte er sich fortan Edward S. Sims. Väterlicherseits kommt meine Familie aus Osteuropa, die Oma war aus Kyjiw. Nach Amerika ging die Familie lange vor dem Holocaust. Die Familie meiner Mutter, Luise Kaufmann, kam schon 1850 nach Amerika. Die Kaufmanns waren erfolgreiche Kaufleute und siedelten sich an der Westküste an.

Als ich etwa acht Jahre alt war, zog meine Familie nach Los Angeles. Wir lebten in Beverly Hills. Schon an der Highschool entdeckte ich meine Liebe zum Gesang. Ich war eine extrem begabte Sängerin. Mit 15 Jahren gewann ich meinen ersten großen Gesangswettbewerb. Meine Mutter hat mich sehr gefördert und engagierte für mich einen Gesangslehrer. Nach dem Schulabschluss begann ich, an der University of California Gesang zu studieren. Ich sang dort auch im Opernstudio.

Ich trage einen Davidstern – und hoffe, dass man mich anspricht.

Über ein Stipendium konnte ich mit 19 Jahren an die Juilliard School in New York wechseln. Unsere Lehrer waren die besten der Welt. Viele von ihnen kamen aus Europa, waren vor den Nazis geflohen. Wie viele andere amerikanische Sänger ging ich nach dem Studium nach Deutschland. Dort fehlte nach dem Krieg eine ganze Generation. Ich bekam eine Anstellung am Theater in Ulm.

Ich liebte das Singen und vor allem die Oper

Zwei Sommer zuvor war ich in Italien unterwegs, sang in Florenz, Siena, Lucca. Ich liebte das Singen und vor allem die Oper. Dort hatte ich die Möglichkeit, nicht nur schöne Töne zu produzieren, sondern auch Spielkunst zu zeigen. Ich konnte eine Rolle kreieren: Da war Darstellung, da war Klang, da war Bewegung. Irgendwann habe ich die Ulmer Oper verlassen. Ich war nicht zufrieden mit mir, hatte versäumt, in Deutschland weiterhin Gesangsunterricht zu nehmen, kam nicht mehr so recht weiter. Ich überlegte, ob ich nicht etwas ganz anderes machen könnte. Mein Mann war damals im Zahnarztstudium. Er riet mir zur Medizin. Ich war unsicher.

Mit 32 ein Medizinstudium beginnen? Ist das nicht ein bisschen spät? Gut war, dass ich aus Amerika sehr gute Noten mitgebracht hatte. 1980 konnte ich in Düsseldorf mit dem Studium beginnen. Das passte bestens, denn mein Mann hatte in Erkrath seine erste Stelle als Zahnarzt bekommen. Ich bestand alle Prüfungen auf Anhieb, promovierte, wurde Fachärztin für Allgemeinmedizin und arbeitete viele Jahre im Krankenhaus auf der Inneren Abteilung und in der Anästhesie. Und ich war Notfallmedizinerin.

Mit 55 Jahren wurde mir der ständige Nacht- und Wochenenddienst zu anstrengend. Also wechselte ich in die Pharma­medizin und arbeitete als Prüfärztin. Es ging um Studien an noch nicht zugelassenen Medikamenten. Ich hatte davor noch einen Master in Pharmamedizin an der Uni Essen gemacht. Johnson & Johnson fragte an, ob ich bei ihnen die Abteilung für die Phase 1 der medizinischen Studien in Deutschland leiten könnte. Darauf war ich spezialisiert. Ich habe zugesagt und bin dabeigeblieben, bis ich mit 75 Jahren in Rente ging.

Ich selbst bin in Amerika in einer liberalen Reformgemeinde groß geworden

Ich selbst bin in Amerika in einer liberalen Reformgemeinde groß geworden. Seit ich im Kindergarten war, bin ich sonntags zur Sunday School gegangen. Ich erinnere mich gut daran, dass wir jedes Jahr ein tolles Sommercamp hatten. Am Schabbes fand unser Gottesdienst in einer Art offenen Kapelle statt. Wir hatten besonders gutes Essen und waren schick gekleidet. Das war so schön! Wenn ich daran denke, bin ich ganz gerührt und habe Tränen in den Augen. Wir haben mitten in der Natur das Judentum gefeiert. In Deutschland vermisse ich es, zu einer liberalen Gemeinde zu gehören.

Jeden Freitag begehen mein Mann und ich den Schabbat. Es ist ein wohltuender Abschluss der Arbeitswoche für uns. Wir nehmen uns Zeit, um uns darüber zu freuen, dass wir gesund sind, dass wir genug zu essen haben und um uns daran zu erinnern, dass Gott uns empfiehlt, für die nächsten 24 Stunden »runterzukommen« und auszuruhen. Wir machen uns dann etwas Schönes zu essen und sprechen das Gebet über Kerzen, Wein und Brot.

Wichtig ist mir mein Engagement bei dem vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisierten Projekt »Meet a Jew«.

Wichtig ist mir mein Engagement bei dem vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisierten Projekt »Meet a Jew«. Ich gehe in Schulen, spreche mit den Kindern und Jugendlichen über das Judentum und auch über den Unterschied zwischen Jüdischsein und der aktuellen Politik Israels, dass man eben nicht alles über einen Kamm scheren sollte.

Wir sind fast immer zu zweit in den Schulen, und ich habe meist jemanden bei mir, der religiöser ist als ich, aber nicht dogmatisch. Die Schülerinnen und Schüler sind fasziniert von den Kaschrut-Gesetzen oder von den jüdischen Feiertagen. Ich finde, die einzige Lösung im Miteinander ist die direkte Begegnung. Wie kann ich mir eine Meinung bilden, wenn ich nie einen Juden oder einen Palästinenser kennengelernt habe?

Als ich 1973 nach Deutschland kam, lebten nur wenige Jüdinnen und Juden im Land

Als ich 1973 nach Deutschland kam, lebten nur wenige Jüdinnen und Juden im Land. Ich habe aber nie antisemitische Reaktionen mir gegenüber erlebt. Auch bei meiner Arbeit – immer in katholischen Krankenhäusern – hatte ich wissentlich nie einen Nachteil. Aber jetzt ist es in Deutschland furchtbar.

Nie im Leben zuvor habe ich einen Davidstern getragen. Aber seit sechs bis acht Monaten fühle ich mich dazu gezwungen. Ich möchte zeigen: Ich bin Jüdin, ich gehöre zu diesem Volk. Ich bin stolz darauf, dass ich zu dieser Gruppe von Menschen gehören darf, die in Wissenschaft, Kultur, Philosophie oder Literatur so viel bewirkt haben, obwohl sie eine so kleine Minderheit sind.

Ich hoffe, dass die Leute mich ansprechen und mit mir ins Gespräch kommen. Man muss nicht mit der israelischen Politik einverstanden sein, aber Israel muss immer das Recht haben, als Staat zu existieren! Ich engagiere mich gern. In der Obdachlosenhilfe habe ich wunderbare Leute kennengelernt. Ich bringe mich beim Ambulanten Kinderhospizdienst ein und auch als Lese-Helferin bei Kindern, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. Ich sehe mich wie einen Wanderer zwischen den Welten. In Europa fühle ich mich als Amerikanerin, in Amerika als Europäerin. Doch Jüdin bin ich hier wie dort.

Aufgezeichnet von Claudia Irle-Utsch

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