Frankfurt am Main

L’Chaim! Auf das Leben

Rückschau und Aufbruch, Sorge und Hoffnung: Zwischen diesen Polen schwankte die Stimmung bei der diesjährigen Patenschaftsgala »WIZO Night for Children« der Frankfurter Sektion der internationalen zionistischen Frauenorganisation.

Erstmals fand die Gala im Hotel Meliá Frankfurt City statt. Der Ortswechsel ist aus vielerlei Hinsicht bedeutsam: Zum einen mussten zwei Hotels, die in den vergangenen Jahren die WIZO-Patenschaftsgala beherbergt hatten, kürzlich den Betrieb einstellen. Ihrem Eigentümer, dem Geschäftsmann Ali Ansari, wird vorgeworfen, an der Finanzierung der iranischen Revolutionsgarden beteiligt zu sein. Die Europäische Union, Großbritannien und die Vereinigten Staaten verhängten Sanktionen gegen ihn.

Symbolträchtig zum anderen ist die Lage des neuen Ausrichtungsortes. Das Meliá-Hotel liegt nur wenige Schritte von der Jüdischen Akademie entfernt, die am 2. November im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet wird. »Auf diese Nachbarschaft freuen wir uns«, sagte Bastian Becker, General Manager des Meliá Frankfurt City. In seinem Grußwort unterstrich Becker auch die Nähe zum Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Er würdigte die »Lebensfreude und die unglaubliche Stärke« der jüdischen Gemeinschaft. »L’Chaim!« (Auf das Leben!) sei mehr als ein Trinkspruch, sondern eine Haltung, so Becker.

Langjährige und neue WIZO-Freunde

Die abendfül­lende, von Andrea Kiewel und Ralph Morgenstern moderierte Gala begann mit einem Empfang, bei dem sich langjährige und neue WIZO-Freunde, umringt von den Frankfurter WIZO-Damen, ein Stelldichein gaben. Der israelische Sänger Daniel Waiss eröffnete das Saalprogramm mit John Lennons Lied »Imagine«.

Die Patenschaften sollen dem Fanny Cohen Open House in Sderot gelten, das Therapien anbietet.

Welche Herausforderungen sich auch drei Jahre nach den islamistischen Massakern vom 7. Oktober 2023 stellen, zeigte ein Film, der während des kürzlichen Besuchs der deutschen WIZO-Delegation im Süden Israels gedreht wurde. Dabei stand das Fanny Cohen Open House im Fokus. Das in Sderot, unweit des Gazastreifens, angesiedelte Zentrum bietet unterschiedliche Therapieprogramme für Frauen, Mütter, Kinder und Familien an, die Gewalt erlebt haben.

Dem Fanny Cohen Open House sollen die an diesem Abend eingeworbenen, je 500 Euro für ein Jahr umfassenden Patenschaften gelten. »Gerade dann, wenn die Hoffnung auf die Probe gestellt wird, dürfen wir mit unserer Solidarität nicht nachlassen«, betonte Nicole Faktor. Die WIZO-Präsidentin warb nicht nur um finanzielle Zuwendungen: »Wir brauchen auch Ihr Herz, Ihre Anteilnahme und Ihre Solidarität.« Es sei wichtig zu zeigen, dass Israel Freunde habe.

Nicole Faktors letzte Gala als Präsidentin der WIZO Deutschland

Nicole Faktor kündigte an, dies sei ihre letzte Gala als Präsidentin der WIZO Deutschland. Die internationale zionistische Frauenorganisation nannte sie »eine Herzensangelegenheit« und »eine Gemeinschaft von Menschen, die auch in schwierigen Zeiten Verantwortung übernehmen«. Ihre Ansprache schloss Faktor mit dem Wunsch, »dass Menschen sich weniger von Hass und Propaganda und mehr von Menschlichkeit leiten lassen«.

Den Wert von Hoffnung betonte auch Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef. In seiner Würdigung der WIZO stellte er die Rolle von Frauen bei der Durchsetzung demokratischer Werte heraus. »Manchmal denkt man sich, ob die Welt nicht friedlicher, kinder- und familienfreundlicher wäre, wenn Frauen stärker die Weltpolitik gestalten würden«, sagte Josef. WIZO arbeite tagtäglich an diesem Gedanken, unterstrich der SPD-Kommunalpolitiker.

Seine Verbundenheit mit dem jüdischen Staat brachte Uwe Becker sichtbar mit einer Israel-Motivkrawatte zum Ausdruck. »Ich bin Zionist, und ich engagiere mich dafür«, sagte der Präsident des Hessischen Rechnungshofs und Hessens Antisemitismusbeauftragter. Zionismus drücke »die Sehnsucht nach einem sicheren Ort für jüdisches Leben« aus, so Becker. Dass Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder Angst haben müssten, sei »eine Schande für unser Land«. Becker beklagte die ausbleibende »Menschlichkeit und Solidarität gegenüber Israel«. Es gelte, Mensch zu sein und Haltung zu zeigen.

»Zuverlässigkeit, Vertrauen, Engagement, Herz und gelebter Zionismus«

Auch Marc Grünbaum rief zur Unterstützung der Menschen in Israel auf. Der Co-Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt dankte Nicole Faktor und den »vielen wunderbaren starken Frauen der WIZO«. Die Frauenorganisation stehe, so Grünbaum, für »Zuverlässigkeit, Vertrauen, Engagement, Herz und gelebten Zionismus«.

Eine WIZO-Gala erschöpft sich nie in Ansprachen von Würdenträgern. So war auch dieser Abend von vielfältigen Begegnungen an den Tischen, einem kulinarischen Programm, berührenden musikalischen Akzenten und auch ausgelassenem Tanz gezeichnet. Stets standen zudem die Frankfurter WIZO-Damen bereit, um Patenschaften entgegenzunehmen.

Am deutlichsten kam das Wechselspiel von Sorge und Hoffnung in Michel Friedmans Keynote zum Ausdruck. Sichtlich angefasst wirkte der einstige Funktionär, der heute als Philosoph, Publizist und Autor reüssiert. Den Befund von CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz, jüdisches Leben in Deutschland sei nicht sicher, bestätigte Friedman: »Das ist ein Offenbarungseid der Bundesrepublik Deutschland.«

Im Nachgang zum 7. Oktober 2023 habe sich die jüdische Gemeinschaft »einsam und plötzlich konfrontiert mit der Gleichgültigkeit der vielen« wiedergefunden. Umso kämpferischer verteidigte Friedman das Existenzrecht des jüdischen Staates: »Regierungen kommen und gehen, der Staat Israel wird bleiben. Wir als Diaspora sind darauf angewiesen, dass es diesen Staat gibt«, unterstrich er.

»Ich habe jede Sekunde bei der WIZO genossen. Weil ich etwas tun konnte.«

Esther Sharell

Im Engagement der WIZO-Frauen erblickt Michel Friedman einen Funken Hoffnung: »Wir sind nicht hilflos. Wir können zeigen, dass Menschen Menschen helfen können.« Mit Esther Sharell wurde an diesem Abend eine weitere WIZO-Veteranin gewürdigt. Aus Anlass eines baldigen Jubiläums der früheren WIZO-Schatzmeisterin soll im Beit Heuss im Jugenddorf Hadassim eine ihr gewidmete Plakette enthüllt werden.

»Ich habe jede Sekunde bei der WIZO genossen«, bedankte sich Sharell. »Weil ich gespürt habe: Ich kann etwas tun.« Viel getan haben auch die Gäste der diesjährigen »WIZO Night for Children«: Nach Veranstalterangaben kamen mehr als 560 Patenschaften zusammen.

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