Porträt der Woche

Die Erinnerung muss bleiben

»Wenn ich von meinem Leben erzähle, bekommt Geschichte Gesichter«: Thomas Gabelin kam Dezember 1944 im Ghetto auf die Welt. Foto: privat

Porträt der Woche

Die Erinnerung muss bleiben

Thomas Gabelin wurde in Theresienstadt geboren. Heute ist er aktiver Zeitzeuge

von Christine Schmitt  25.10.2026 08:53 Uhr

Mein erster Vorname war Denny. Er stammte von einer Liste mit erlaubten Namen, die die Nazis für jüdische Kinder angelegt hatten. Meine Mutter musste einen Vornamen von dieser Liste auswählen. Doch für sie war ich immer Thomas. Später nahm ich diesen Namen auch offiziell an. Ich wurde Ende 1944 im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt geboren. Dass ich überlebt habe, grenzt für mich an ein Wunder. Meine beiden Großmütter waren Jüdinnen. Im September 1944 wurden meine Eltern von der Gestapo verhaftet und deportiert. Zwei Monate später kam ich dort in der sogenannten Hohenelber Kaserne zur Welt, die als Krankenstation diente. Die Bedingungen waren katastrophal. Es gab kein Wasser, manchmal blieb zum Überleben nur geschmolzener Schnee. Ich war schon als Neugeborener von Läusen übersät. Einen Tag nach meiner Geburt musste meine Mutter wieder beim Appell antreten.

Ich habe überlebt, weil meine Mutter mich stillen konnte. Obwohl sie selbst immer schwächer wurde und unter den entsetzlichen Bedingungen litt, hatte sie Milch für mich. Während der knapp vier Jahre, in denen Theresienstadt bestand, wurden dort nach meinen Informationen 25 Babys geboren. Nur zehn von ihnen überlebten.

Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich, warum meine hochschwangere Mutter nicht nach Auschwitz deportiert wurde. Damals gab es noch einzelne Transporte dorthin. Zweimal stand mein Vater auf einer entsprechenden Liste, doch sein Name wurde jedes Mal gestrichen. Meine Mutter musste trotz ihrer Schwangerschaft schwere Zwangsarbeit verrichten und wurde gezwungen, das Mineral Glimmer in dünne Schichten zu spalten.

Mein Vater war Amateurboxer und deshalb körperlich sehr kräftig

Mein Vater war Amateurboxer und deshalb körperlich sehr kräftig. Die Wehrmacht hatte in der Nähe ein Reservelazarett eingerichtet, bei dessen Aufbau mein Vater mitarbeiten musste. Als meine Eltern im September 1944 verhaftet worden waren, blieb mein älterer Bruder Richard in Krefeld zurück. Er war damals keine zwei Jahre alt und stand nicht auf der Deportationsliste. Meine Mutter wollte ihn unbedingt mitnehmen. Es muss furchtbar gewesen sein, ihn zurücklassen zu müssen. Mein Großvater nahm ihn auf, später eine Bekannte. Nicht auszudenken, was mit ihm passiert wäre, wenn er mitgekommen wäre. Nach der Befreiung kehrten meine Eltern im August 1945 mit mir zurück. Sie wollten zunächst wieder nach Krefeld, später in die USA. Doch mein Vater war Mitglied der KPD. Wir befanden uns bereits im Auswandererlager in Hamburg, als die Ablehnung kam. Wir hatten uns auf ein neues Leben eingestellt. Nun mussten wir zurück und lebten zunächst wieder bei meinem Großvater, bevor wir eine eigene Wohnung fanden.

Meine Frau und ich waren mehr als 60 Jahre zusammen. Es ist einsam ohne sie.

Trotz der schweren Nachkriegszeit hatte ich eine schöne Kindheit. Ich habe mich geborgen gefühlt. Die Wohnverhältnisse waren zunächst schwierig. Bis meine Eltern schließlich eine anderthalb Zimmer große Wohnung mit einem kleinen Dachkämmerchen für meinen Bruder fanden, lebten wir bei meinem Großvater. Später bekam mein Vater eine Dienstwohnung, weil er Verwalter eines Großmarktes geworden war.

Ich habe auch erlebt, dass der Antisemitismus nach dem Ende der Nazi-Zeit keineswegs verschwunden war. Eine Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Eines Tages ging ich mit einem Klassenkameraden zu dem Baum, an dem ich mein Fahrrad abgestellt hatte. Daneben lag ein anderes Fahrrad auf dem Boden. Es lag schon dort, als wir ankamen. Plötzlich hörte ich hinter mir einen anderen Schüler schreien: »Du dreckiger Jude, du, was hast du mit meinem Fahrrad gemacht? Ich wünschte, Hitler hätte euch alle vergast.« Dass ein solcher Hass wenige Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus noch so offen ausgesprochen wurde, hat mich geprägt. Die Verfolgung war nicht einfach vorbei, nur weil der Krieg zu Ende war. Für mich gehört deshalb zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen auch die Erkenntnis, dass antisemitische Vorurteile weiterleben können, wenn man ihnen nicht widerspricht.

Ich hatte Glück, denn mein Klassenkamerad konnte bezeugen, dass ich mit dem Fahrrad nichts zu tun hatte. Ich erzählte meinen Eltern von dem Vorfall. Sie gingen daraufhin zur Schule. Der Schüler, der mich beleidigt hatte, musste schließlich das Gymnasium verlassen.

Schon als Schüler interessierte ich mich für Biologie und Tiere

Ich erhielt die Möglichkeit, ein Jahr in den USA zu verbringen. Über den American Field Service erhielt ich ein Stipendium und lebte bei einer jüdischen Familie in der Nähe von Boston. Ich besuchte dort die Schule, machte einen amerikanischen Schulabschluss und erlebte unter anderem den Abschlussball, den Prom. Es war eine wunderbare Zeit. Zu meiner Gastfamilie und zu Menschen aus dieser Zeit habe ich bis heute Kontakt. 1964 machte ich Abitur.

Schon als Schüler interessierte ich mich für Biologie und Tiere. Ich besuchte gern den Tierpark und konnte mir vorstellen, Biologe oder Lehrer für Biologie und Englisch zu werden.

Doch dann entschied ich mich für ein Psychologiestudium. Ich bekam ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes, später auch eines für meine Doktorarbeit. Mit der Unterstützung meiner Eltern und meiner Schwiegereltern konnten meine Frau, die ich im Studium kennengelernt hatte, und ich gut von dem Geld leben. Nach meiner Promotion erfuhr ich, dass die Stadt Krefeld gerade einen psychologischen Dienst aufbaut. Neben der Erziehungsberatung sollte es künftig auch um schulpsychologische Fragen gehen. Ich bewarb mich und wurde Leiter des psychologischen Dienstes.

Ich habe viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Irgendwann wurde mir die Belastung allerdings zu groß.

Dort beriet ich Familien, Eltern und Lehrkräfte. Es ging darum, Schwierigkeiten von Kindern besser zu verstehen, Konflikte zu lösen und gemeinsam Wege zu finden, wie man ihnen helfen konnte. Ich habe viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Irgendwann wurde mir die Belastung allerdings zu groß. Ich hatte auch eine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten gemacht und merkte, dass durch die intensive Beschäftigung mit den Problemen anderer Menschen einiges aus meiner eigenen Vergangenheit wieder hochkam. Ich musste lernen, auf meine Grenzen zu achten. Auch meine Frau arbeitete im psychologischen Bereich. Sie wurde Schulpsychologin und unterrichtete später Psychologie und Pädagogik an einer Berufsschule in Kempen.

Meine Frau und ich waren bis zu ihrem Tode vor ein paar Monaten mehr als 60 Jahre zusammen. Wir haben unser Leben miteinander geteilt, uns beruflich entwickelt und eine Familie gegründet. Dass sie nicht mehr da ist, ist schwer für mich. Ich bin es nicht gewohnt, allein zu sein. Auch meine jüngere Tochter ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben. Beide vermisse ich. Meine ältere Tochter wohnt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Es ist schön, sie in der Nähe zu wissen.

Heute besuche ich regelmäßig Schulen, um über mein Leben und die Geschichte meiner Familie zu sprechen. Besonders gern nehme ich die Einladungen nach Arzberg in Bayern an. Dort organisiert ein engagierter Kreis Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulen. Die Verantwortlichen kümmern sich um die Termine und die Fahrten, sodass ich mich ganz auf die Gespräche konzentrieren kann. Ich erzähle meine Geschichte, und anschließend kommen oft Schülerinnen und Schüler zu mir. Sie sagen mir, dass sie vieles vorher nicht gewusst hätten. Manche meinen, sie hätten sich die damaligen Verhältnisse ganz anders vorgestellt.

In meinem Garten habe ich eine Wildblumenwiese angelegt

Diese Reaktionen sind für mich die größte Belohnung. Ich möchte, dass junge Menschen verstehen, was hinter den Zahlen und Begriffen aus den Geschichtsbüchern steht. Wenn ich erzähle, wie meine Mutter mich unter den Bedingungen des Konzentrationslagers zur Welt brachte, wie sie mich trotz Hunger und Entkräftung stillte, wird Geschichte persönlich. Sie bekommt Gesichter und Schicksale.

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich in Theresienstadt geboren wurde. Auch meiner Frau habe ich sofort davon erzählt. Die Erinnerung darf nicht verstummen.

In diesem Moment schaue ich durch die großen Fensterscheiben in meinen Garten. Ich habe dort eine Wildblumenwiese angelegt, weil sie Insekten Lebensraum bietet und ich den Blick ins Grüne schön finde. Außerdem lese ich gern Krimis und Biografien. Es sind die kleinen Dinge des Alltags, die mir Freude machen. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden. Und heute möchte ich dazu beitragen, dass die Geschichte meiner Familie und das Schicksal der Menschen, die verfolgt und ermordet wurden, nicht vergessen werden. Dabei unterstützt mich auch Louis Pawellek, der mich immer wieder motiviert, eine Geschichte zu erzählen. Wir sind Freunde geworden. Ich komme immer mit, wenn er eine Idee hat.

Ich möchte, dass junge Menschen zuhören, Fragen stellen und sich eine eigene Meinung bilden. Jüngst hatte mich eine Schule in Essen als Zeitzeugen ausgeladen. Wenn ich dort nun doch willkommen bin, würde ich hinfahren. Ich bin nicht nachtragend. Denn Erinnerung ist für mich nicht nur ein Blick zurück. Sie mahnt auch zur Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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