Der wohl berühmteste Satz aus dem Kultfilm Der Teufel trägt Prada stammt von Chefredakteurin Miranda Priestly und war an ihre stets beflissene Assistentin Andy Sachs gerichtet: »That’s all.« Was so viel heißen sollte wie: Das war’s, du kannst abtreten. Eine ähnlich knappe Ansage bekam Modeassistentin Diane Bouccara 2019 von ihrem damaligen Arbeitgeber in Paris, dem Modehaus Prada, serviert. Diese betraf allerdings ihre unvorhergesehene Kündigung.
»Bis dahin war ich schon sieben Jahre bei Prada und habe mich in dieser Zeit von der kleinen Rezeptionistin bis zur Senior Press Attaché für das italienische Luxushaus hochgearbeitet«, erzählt Bouccara. Rund um die Uhr habe sie geschuftet, an Wochenenden wie an jüdischen Feiertagen. Und plötzlich stand sie da: »Ohne Job, ohne Gehalt, ohne Perspektive, in dieser Modewelt jemals wieder Fuß zu fassen – und das mitten in Paris«, berichtet Diane Bouccara. Rund 120 Frauen hörten ihr jüngst gespannt zu, als die Gastrednerin auf der Bühne ihre Lebensgeschichte erzählte.
Die 38-Jährige ist im Rahmen einer Veranstaltungsreihe für Frauen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin auf dem Pears Jüdischen Campus erschienen. In ihrem Vortrag mit dem Titel »Zwischen Luxus und Lebenssinn« berichtet die Französin, wie sie hinter der schillernden Fassade der Modewelt schließlich zu ihrer Identität und Bestimmung als religiöse Jüdin fand.
Die Festhalle wurde geschmückt
Passend zum Thema wurde die Halle, die tagsüber als Turnhalle der jüdischen Schule dient, in einen eleganten Festsaal mit dezenter Beleuchtung verwandelt. »Ich freue mich sehr auf eine schöne Veranstaltung in guter Gesellschaft und auf das Treffen mit vielen jüdischen Frauen«, sagt die 38-jährige Violetta, die mit einigen Freundinnen trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft nach Berlin gekommen ist. »Ich erhoffe mir spannende Fashion-Einblicke, es wird sicher ein inspirierender Abend«, ergänzt Romina, die ihrem Auftritt als Sängerin später am Abend entgegenfiebert.
Einige Frauen haben ihre Kleinkinder mitgebracht, die meisten sind festlich gekleidet. Zur Begrüßung werden koschere Canapés und alkoholfreie Getränke gereicht. Zum Auftakt betreten zwei Tänzerinnen die Bühne, zwischendurch werden Mizwot zitiert, untermalt von kurzen Videoclips.
Thematisiert werden die Erschaffung der Welt sowie Schönheit und die Verbindung von Ästhetik und Luxus – passend zum Motto der Veranstaltung. »Heute Abend wird eine Brücke zwischen zwei Welten gebaut, und wir begeben uns auf eine gemeinsame Reise, in der wir sehen, was wir den Frauen zu verdanken haben«, sagt der Chabad-Vorsitzende Rabbiner Yehuda Teichtal in einem kurzen Grußwort. Seine Schwiegertochter Mushky hat den Abend mit viel Herz und Engagement organisiert, wofür sie einen ordentlichen Applaus bekommt.
Diane Benhaim Bouccara betritt die Bühne in einem dunklen Kleid mit feinen Nadelstreifen. Sie wirkt nicht wie eine ehemalige von Stress geplagte Modemanagerin, sondern wie eine Frau, die im Laufe einer spannenden Karriere zu sich gefunden hat. Vollkommen geerdet.
Im Aufzug traf sie Demi Moore, die ihre Frisur lobte. Sie klärte auf, dass es eine Perücke war.
Die Mutter zweier Kinder berichtet auf Englisch vor allem von ihrem inneren Wandel, aber auch von einer Welt des Luxus und Konsums, die stets nach Perfektion strebt und aufsehenerregende Kollektionen hervorbringt. Dies sei eine Herausforderung angesichts der globalen Entwicklung, in der die Branche seit vielen Jahren inmitten von Krisen und wachsender Konkurrenz ums Überleben ringt.
Und wer erahnen kann, wie schnelllebig es in dieser Modewelt zwischen vermeintlichem Luxus und scheinbarer Selbstoptimierung zugeht und wie wenig Platz dabei für authentische Überzeugungen bleibt, der mag umso mehr staunen über eine Frau, die nicht länger gewillt war, ihre eigene jüdische Identität hinter einer Fassade zu verstecken. »Meine jüdische Herkunft war mir immer bewusst, und das war okay«, sagt die Gastrednerin, aber es habe einer Krise bedurft, um zum Glauben zu finden und diesen auch offen vor anderen zu leben.
Wieder drängt sich der Vergleich zu Andy Sachs auf, die sich im Laufe des Films Der Teufel trägt Prada von einer eher naiven Einsteigerin zur selbstbewussten, professionellen und stilsicheren Frau wandelt, die schließlich ihre eigenen Prioritäten und Grenzen erkennt und zu ihren – in diesem Fall journalistischen – Wurzeln zurückkehrt.
Traum von einer Karriere durch harte Arbeit erfüllt
Auch Diane Bouccara hatte sich den Traum einer Karriere in der glamourösen High-Fashion-Welt durch harte Arbeit erfüllt und war ein Teil davon geworden, worum sie viele beneidet haben dürften. Bis sie einen tieferen Lebenssinn fand. In ihrem Fall war es die Teschuwa, die Umkehr zu einem orthodoxen jüdischen Leben.
Im Rahmen einer rund zweistündigen Bühnenperformance, bei der auch gesungen und getanzt wird wie in einem Musical, gibt die ehemalige Modemanagerin spannende Einblicke in eine Welt, die sich mit Stars und Sternchen schmückt, so wie sich die Prominenten mit der exklusiven Mode schmücken: Angelina Jolie, Diane Kruger, Brad Pitt, Detlev Buck und Quentin Tarantino sind Bouccara im Laufe ihrer Karriere begegnet.
»Ich war mir meiner jüdischen Identität immer bewusst, aber nicht religiös«, erzählt die französische Ex-Managerin, »bis ich durch die erzwungene Sinnkrise zu meinem Glauben fand.« 2019 war das Jahr der Wende, denn ebenso unerwartet wie ihre Kündigung bei Prada flatterte ein Job-Angebot von Chloé ins Haus. Auch heute noch merkt man ihr an, wie überrascht sie damals gewesen sein muss, von einem derart renommierten Haus angefragt zu werden. Das 1952 in Paris gegründete Label gehört zu den Modehäusern, die die luxuriösen Prêt-à-porters maßgeblich prägten. Die tragbare Konfektionsmode veränderte die Modewelt nachhaltig.
Sie nahm ihren Mut zusammen
Weniger erstaunlich sei ihre Reaktion auf das Jobangebot ausgefallen: Sie habe nicht einfach zugesagt, sondern Bedingungen gestellt. »Eigentlich eine Ungeheuerlichkeit«, wundert sich Bouccara heute. »Zum ersten Mal im Leben wollte ich meine Zugehörigkeit und mein Bekenntnis zum Judentum nicht länger verstecken«, erzählt sie. Sie habe all ihren Mut zusammengenommen und darum gebeten, alle jüdischen Feiertage einhalten zu können. Was danach geschah, habe sie noch mehr überrascht. Die Antwort der legendären Modeschöpferin Gabriela Hearst, die als erste Lateinamerikanerin die Kreativdirektion des französischen Modehauses Chloé übernommen hatte: »Du willst den Schabbat und die jüdischen Feiertage einhalten? Okay. Cool!« Unter ihr arbeitete Bouccara dann als Artistic Director Executive Assistant.
»Okay, cool«, wiederholt Bouccara, dabei ist es so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Der Boden der Turnhalle ist von Lichttupfern übersät, die an einen Sternenhimmel erinnern. Bouccara legt eine kurze Pause ein und lehnt sich ans Rednerpult. Auch ihren Stil habe sie bei Chloé bewusst geändert. »Ich trug nur noch Kleider und lange Röcke«, sagt sie. Jeans und Hosen waren für sie – Trend hin oder her – Geschichte.