In Bayern ist der Biergarten nicht nur ein Ort, an dem man im Schatten alter Kastanienbäume ein kühles Bier genießen kann, sondern auch einer der gelebten Öffentlichkeit, der Diskussions- und Streitkultur – eine Art bayrische Agora. Alteingesessene Stammtische treffen dort auf Besucher aus der ganzen Welt, die bayrische Vorliebe zur übellaunigen, aber immer weltzugewandten Klage auf rheinischen Frohsinn, Linke teilen sich mit CSU-Wählern einen Tisch.
Den Grundstein dafür legte König Maximilian I. Joseph – jener bayrische Regent, der es Juden erstmals ermöglichte, bayrische Staatsangehörige zu werden. Mit der 1812 erlassenen »Biergartenverordnung« wurde es den Gästen explizit gestattet, ihre eigene Brotzeit mitzubringen – Getränke hingegen müssen käuflich erworben werden. Das Gesetz sichert so bis heute allen sozialen Milieus einen Platz am Biertisch, der weder reserviert noch erkauft werden kann.
Wie wichtig gerade den Münchnern der Schutz ihrer Biergärten ist, wurde zuletzt 1995 deutlich: Nachdem Anwohner im Münchner Vorort Pullach wegen Lärmbelästigung durch einen Biergarten geklagt hatten, sollte dieser fortan bereits um halb zehn seine Gäste nach Hause schicken. In der Folge gingen bis zu 30.000 Menschen auf die Straße, um gegen die aus ihrer Sicht drohende Abschaffung der Biergartenkultur zu protestieren – und setzten sich durch: Bis heute darf bis 23 Uhr in den Münchner Biergärten gegessen, getrunken und gestritten werden.
Es dürfte also keinen besseren Ort für den bereits zum dritten Mal stattfindenden »Feuchtwanger-Stammtisch« geben als den »Augustiner-Keller« an der Münchner Arnulfstraße, einen der größten und ältesten Biergärten Münchens. Schon von Weitem hört man an diesem warmen Herbstabend das Klirren der Bierkrüge und das surrende Stimmengewirr hunderter Gäste. Von dem nicht weit gelegenen Brauhauskomplex der Münchner Traditionsbrauerei »Spaten« weht der Geruch der warmen Biermaische in Richtung des Hauptbahnhofs. Ein Stück Münchner Romantik.
Die gusseisernen Beine eines der Tische stellen eine Menora dar
Direkt am Eingang des Biergartens hat Wirt und Gastgeber Christian Vogler den runden Tisch des jüdischen Stammtischs aufstellen lassen, dessen gusseiserne Beine eine Menora darstellen. An die 100 Gäste sind gekommen. Einige in Dirndl, Lederhose und mit Davidsternkette um den Hals, andere lassen hier leger bei einer Maß Bier den Tag ausklingen. Unter den Gästen sind neben dem Ehrengast des Abends, Mona Fuchs, der Zweiten Bürgermeisterin der bayrischen Landeshauptstadt, und der israelischen Generalkonsulin in München, Talya Lador-Fresher, auch zahlreiche Mitglieder des Stadtrats und natürlich der jüdischen Gemeinde. Bei Bier und Brezen kommt man ins Gespräch, und das nicht trotz, sondern gerade wegen weltanschaulicher Differenzen – denn genau dazu ist ein Stammtisch da.
Feuchtwanger war immer auch ein scharfer Kritiker seiner Heimatstadt
Es ist zwar nicht überliefert, ob der jüdische Schriftsteller, Münchner und Namensgeber des Stammtischs Lion Feuchtwanger, selbst hier eingekehrt ist. Bekannt ist hingegen, dass der aus einer orthodoxen Familie stammende Autor nicht nur dem jüdischen, sondern auch dem bayrischen Brauchtum eng verbunden war. »Die Familie Feuchtwanger hatte zum Beispiel die schöne Tradition, dass sie nach dem Besuch in der Synagoge immer im Hofbräuhaus eingekehrt ist. Man darf nicht vergessen, dass das Bier dort in jedem Fall koscher ist. Wenn der Besuch der Feuchtwangers auf den Schabbat fiel, ließ man anschreiben und zahlte am nächsten Tag«, erzählt der Mitbegründer des Stammtischs, Michael Movchin. Diese in Vergessenheit geratene Verbindung von jüdischer Tradition und typisch münchnerischer Lebensweise wolle der Stammtisch wiederbeleben.
Feuchtwanger ist nicht nur deshalb Namenspatron des Stammtischs, weil er Jude und Münchner war
Feuchtwanger, dessen Englisch selbst noch im Exil in Los Angeles von einem münchnerischen Einschlag gefärbt gewesen sein soll, ist aber nicht nur deshalb Namenspatron des Stammtischs, weil er Jude und Münchner war. Er war immer auch ein scharfer Kritiker seiner Heimatstadt, in die er nach dem Ende des Kriegs nie zurückkehren sollte. Das hebt auch Mona Fuchs hervor: »Die Art, wie Feuchtwanger auf seine Stadt blickte, war immer getrieben von der Frage, was sich verändern muss, was sich verbessern muss, damit die Stadt lebenswert ist, auch für Jüdinnen und Juden.«
Eine Zeit lang wohnten in München Avantgarde und Reaktion Tür an Tür.
Wie kein anderes Werk Feuchtwangers steht der Roman Erfolg für diese jüdisch-münchnerische Kultur der Selbstkritik. In seinem Anfang der 1920er-Jahre spielenden Buch, das zusammen mit Die Geschwister Oppermann und Exil den ersten Teil der sogenannten Wartesaal-Trilogie bildet, geht Feuchtwanger mit seiner Heimatstadt hart ins Gericht. Schon zu Beginn des Romans heißt es: »Früher hatte die schöne, behagliche Stadt die besten Köpfe des Reiches angezogen. Wie kam es, dass die jetzt fort waren, dass an ihrer Stelle alles, was faul und schlecht war im Reich und sich anderswo nicht halten konnte, magisch angezogen nach München flüchtete.«
Trotz dieser harten Worte ist Erfolg nicht nur eine böse Polemik. Als das Buch zusammen mit den beiden anderen Teilen der Trilogie 1930 erschien, war es alles andere als entschieden, dass die heutige Landeshauptstadt im Jahr 1935 von Hitler den Titel »Hauptstadt der Bewegung« bekommen sollte. Feuchtwanger verfällt in Erfolg keinem Determinismus, der die Katastrophe als unausweichlich betrachtet. Noch 1922 wurde an den Münchner Kammerspielen Bertolt Brechts Trommeln in der Nacht uraufgeführt, nur ein Jahr vor Hitlers gescheitertem Putschversuch. Eine Zeit lang wohnten in München Avantgarde und Reaktion Tür an Tür. Indem Feuchtwanger diesen Riss, der mitten durch das München der frühen 1920er-Jahre ging, ins Zentrum seines Buchs stellt, macht er deutlich, dass das Schicksal einer Stadt bei ihren Bürgern liegt.
Die Gäste des Stammtischs sind alles andere als homogen
Dass Lion Feuchtwangers Schreiben auch über die Grenzen der Stadt an der Isar hinaus gewirkt hat, erzählt Generalkonsulin Lador-Fresher. Lange vor ihrer Zeit in München sei sie in einem kleinen Buchladen in Jerusalem auf die Übersetzung von Die Geschwister Oppermann gestoßen. Noch mehr habe sie jedoch Jud Süß beeindruckt, Feuchtwangers Roman über die historische Figur Joseph Süß Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert wegen antisemitischer Anschuldigungen hingerichtet wurde. »Feuchtwanger warnt uns hier davor, was passiert, wenn wir nicht mehr als Menschen, sondern als Angehörige einer homogenen Gruppe betrachtet werden.«
Alles andere als homogen sind in jedem Fall die Gäste des Stammtischs. So beschwert sich das Mitglied der CSU-Fraktion eines Bezirksausschusses an seinem Tisch lautstark über den Antisemitismus von links, der fest zur linken DNA gehöre. Wenig später spricht auch Bürgermeisterin Mona Fuchs in ihrer Ansprache vom grassierenden linken Antisemitismus, der mittlerweile zu einer Art »Ersatzreligion« geworden sei. Es sei wichtig, zu betonen, so Fuchs, dass auch der extrem rechte Antisemitismus sowie derjenige aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft und der islamistischen Szene nie weg gewesen sei und man jede Form des Antisemitismus gleichermaßen entschieden bekämpfen müsse. Am Ende ihres Beitrags lässt sie sich eine provokante Spitze nicht nehmen, wenn sie bemerkt, Feuchtwanger sei nicht nur »Jude, Münchner, Bayer und Stammtischbesucher« gewesen, sondern, wie Fuchs mit einem Schmunzeln ergänzt, »auch Marxist«.
Dass noch bis spät in den Abend diskutiert wird, entspricht ganz im Sinne Feuchtwangers nicht nur bester bayrischer, sondern auch jüdischer Tradition – denn auch hier ist die Wahrheitssuche in der gemeinsamen Diskussion nicht die Ausnahme, sondern die Regel. In einer Zeit, in der die politischen Lager immer seltener miteinander ins Gespräch kommen, ist damit schon einiges gewonnen. Insofern dürfte der neu gegründete Stammtisch der schlagende Beweis dafür sein, dass sich der Einsatz der Münchnerinnen und Münchner für ihre Biergartenkultur bis heute auszahlt.