Hinter manch banal wirkendem Einkauf steckt eine große Geschichte: Im relativ neu eröffneten »Shuk Market« in Frankfurt steht ein junger Mann mit Kippa und einem glänzenden Tiefkühlhuhn an der Kasse. Was hat er damit vor? »Meine Frau und ich erwarten in den nächsten Tagen ein Baby!«, strahlt der Mann. »Ich mache ihr eine Hühnersuppe für die Zeit im Wochenbett.«
Der werdende Vater heißt Joshua, kommt aus Israel und ist für seine Doktorarbeit nach Frankfurt gezogen. »Jüdisch zu leben, ist gar nicht so einfach hier«, findet er. »Aber das ist doch schon mal ein Trost.« Er weist auf die vollen Regalwände hinter sich: koscherer Käse aus Frankreich, russischer Dosenfisch, knallbunte Süßigkeiten aus Israel.
Der neue koschere Supermarkt im Frankfurter Osten hat erst seit Anfang September geöffnet, pünktlich zum jüdischen Feiertagsmarathon. Im Frühjahr haben Naomi und David Krol hier mit den Renovierungsarbeiten begonnen: Naomi, 36 Jahre alt, blonde Powerlocken, Mutter von fünf Kindern, hatte genaue Vorstellungen, wie alles aussehen sollte. Das salbeigrüne Weinregal und die passende Kommode im Eingangsbereich, die Wände mit Holz verkleidet und natürlich das orangefarbene Logo, das an einen Einkaufswagen erinnern soll. »Da hatte mein Mann kein Mitspracherecht«, sagt Naomi und lacht. Selbst die Mitarbeiter tragen grüne Shirts mit orangem Aufdruck. Zur Einweihung zitterten orange und grüne Ballons vor dem Laden im Wind. »Alles sollte picobello sein«, sagt Naomi.
Gekühlte Getränke
Auch jetzt noch, eine gewisse Zeit nach der Eröffnung, sind die Scheiben der Kühlregale streifenfrei, eine Mitarbeiterin wischt das ohnehin schon saubere Kassenband. Um mit einem koscheren Supermarkt in einer Stadt wie Frankfurt erfolgreich zu sein, reiche es nicht, einfach nur koschere Produkte anzubieten, sagt Naomi. »Man muss auch einen Ort schaffen, an dem die Leute gerne einkaufen, auch wenn es nur für einen Snack ist.« Naomi schwebte der Shuk HaCarmel in Tel Aviv vor, ein Straßenmarkt, auf den Leute auch gern einfach zum Quatschen und Abhängen kommen. Daher rührt auch der Name des Ladens.
Neben der Kasse warten gekühlte Getränke auf durstige Passanten. Der Laden hat auch sonntags geöffnet und bietet den Nachbarn im Viertel dann eine seltene Möglichkeit, am Sonntag Mehl, Milch, Zucker oder Öl einzukaufen – egal, ob sie koscher essen oder nicht. Im nächsten Sommer plant Naomi außerdem, Tische und Stühle vor die Schaufenster zu stellen und Kaffee und Croissants anzubieten.
Die Kunden erinnern Russlan an seine alte Heimatstadt Odessa.
Trotzdem ist es gar nicht so einfach, die religiösen Frankfurter in den Supermarkt zu bekommen. Die, die wirklich auf koschere Produkte angewiesen sind, haben in den vergangenen Jahren eine eigene Routine entwickelt: Zwei Autostunden entfernt warten in Straßburg etliche koschere Supermärkte, in denen die Frankfurter Familien dann für Wochen voreinkaufen. »Viele haben große Gefrierschränke zu Hause«, weiß Naomi. Die Situation mit den koscheren Lebensmitteln war in Frankfurt lange nicht einfach: Vor vielen Jahren gab es hier einen Skandal um unkoscheres Fleisch, später bekam man im »Migdal« importierte Produkte, der Laden aber zog aus und entwickelte sich zu einem osteuropäischen Supermarkt, in dem es neben den koscheren Regalen auch vieles andere zu kaufen gab, was den Frommen wohl nicht ganz so genehm war.
So wie Shemtov. Der ältere Herr sieht sich gerade die Fleischauslage im hinteren Teil des Ladens an. »Es gibt viel, Huhn, Rind, wie in Straßburg, aber schon ein bisschen teurer«, stellt er fest. Am Ende landen trotzdem drei frische Fleischstücke in seinem Wagen. »Für Schabbat ist es okay«, sagt er und lächelt. Er habe in der Synagoge von dem Rabbiner erfahren, dass es hier einen neuen Laden gebe.
Gemeinderabbiner Apel ist in Frankfurt für Kaschrut-Fragen zuständig und hat dem Markt seinen Koscher-Stempel gegeben. Er sei außerdem schon Stammkunde, verrät Naomi. Für jedes einzelne Produkt kann Mitarbeiter Russlan nachweisen, von wo es kommt und welcher Rabbiner es zertifiziert hat. Er zeigt eine Liste. Obwohl Russlan gar nicht jüdisch ist, kennt er sich gut aus mit den Fragen der Kunden. Unter seinem T-Shirt fummelt er eine funkelnde Kreuzkette hervor: »Ich bin Christ aus Odessa«, sagt er. Die Kunden im Laden erinnerten ihn an seine alte Heimatstadt, sagt er. Mit den meisten spricht er Russisch. Viele Juden aus Frankfurt stammen ursprünglich aus der Ukraine, gerade die, die hier in der Gegend wohnen.
Ein zweites jüdisches Zentrum
Der Häuserblock, in dem sich der Supermarkt befindet, ist eine Liegenschaft der Gemeinde. Hier wohnen viele Gemeindemitglieder, ein jüdischer Kindergarten ist in der Nähe. Neben dem berühmten Westend hat sich hier im Osten Frankfurts ein kleines zweites jüdisches Zentrum gebildet.
Auch Naomi und David Krol kamen ursprünglich aus der Ukraine. Sie wohnten in Donezk und Luhansk, als anonyme bewaffnete Gruppen begannen, die Region einzunehmen. Schnell wurde klar, dass die Soldaten von Moskau kontrolliert wurden. Damit begann der bewaffnete Konflikt im Donbas. Obwohl Naomi und David ihre jüdische Gemeinde vor Ort liebten und ihre Kinder in eine tolle Schule gingen, entschieden sie sich zu gehen. Im Internet suchten sie nach einer deutschen Stadt, in der es eine jüdische Gemeinde gibt – und fanden Frankfurt. So packten sie ihre Sachen und kamen hierher.
»Am Anfang war es nicht leicht«, sagt Naomi, die heute fließend Deutsch spricht. Drei Jahre arbeitete sie im Kindergarten, dann machten sie und ihr Mann das »Shalom« auf, ein koscheres Restaurant mit Blick auf den Tennisplatz des TuS Makkabi in Frankfurt. Das lief gut, machte aber natürlich auch viel Arbeit. Als ihr Mann vorschlug, auch noch einen koscheren Supermarkt zu eröffnen, sei sie nicht gerade begeistert gewesen, erzählt Naomi und lacht. Doch die harte Arbeit scheint sich auszuzahlen. »Wenn es so läuft wie in den ersten Wochen, bin ich sehr zufrieden«, sagt Naomi. Natürlich sei man ihnen am Anfang auch mit viel Hass begegnet. »Bei Google Maps gaben uns manche Menschen noch vor der Eröffnung eine schlechte Bewertung«, erzählt sie. Dazu kamen Kommentare wie jene, die behaupten, das Essen sei ohnehin »geklaut«. Aber die Krols ließen sich davon nicht unterkriegen.
Als ihr Mann vorschlug, auch noch einen koscheren Supermarkt zu eröffnen, war sie nicht gerade begeistert.
Immer mehr Kunden kommen auch an diesem Vormittag in den Markt. Vor dem Gefrierregal wiegt ein Paar aus Darmstadt etwas enttäuscht die gefrorenen Brote in den Händen. »Eigentlich wollten wir mal dieses Challa-Brot probieren«, sagt er. Doch die frisch gebackene Challa für Schabbat gibt es im Shuk Market erst ab Donnerstagabend. Schließlich kaufen die beiden sie trotzdem.
Währenddessen zieht Aviva beseelt ein Päckchen Ptitim aus dem Regal. Die kleinen Kügelchen, die an Couscous erinnern, eigentlich aber aus Nudelteig gemacht sind, waren in Israel sehr beliebt, als die heute ältere Dame ein Kind war. Die israelische Lebensmittelmarke Osem brachte Ptitim in den 50er-Jahren während eines Lebensmittelmangels auf den Markt. Für Aviva ist es das Gericht ihrer Kindheit und sie ist froh, es nun endlich hier im Supermarkt kaufen zu können. »Nach so vielen Jahren in Frankfurt ohne Ptitim!«, sagt sie und lächelt.