Grigory Rabinovich, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, ist für sein langjähriges Engagement mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichte ihm die Ehrung jüngst im LWL-Museum Henrichshütte in Hattingen.
Gewürdigt wurde Rabinovichs Einsatz für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens, den Austausch zwischen Religionen und Kulturen sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Ruhrgebiet. Die Verleihung fand im Rahmen von Steinmeiers dreitägigem Aufenthalt in Hattingen statt. Mit seiner Reihe »Ortszeit Deutschland« verlegt der Bundespräsident seinen Amtssitz regelmäßig für einige Tage in andere Regionen des Landes.
Dabei geht es auch darum, Menschen zu würdigen, die sich in besonderer Weise für das Gemeinwohl engagieren. Bei der Veranstaltung wurden insgesamt elf Personen aus Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Zu ihnen gehörte neben Rabinovich auch die frühere Präsidentin des nordrhein-westfälischen Landtags, Carina Gödecke.
Anerkennung jahrzehntelanger Arbeit
Für die jüdische Gemeinde im Ruhrgebiet ist die Auszeichnung ihres Vorsitzenden eine Anerkennung jahrzehntelanger Arbeit für ein lebendiges Gemeindeleben. Rabinovich steht der Einheitsgemeinde Bochum-Herne-Hattingen seit 2002 vor. Seit 2019 ist er außerdem stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe. In beiden Funktionen vertritt er jüdische Interessen und arbeitet daran, die Gemeinde in der Region zu verankern.
Ein wichtiger Meilenstein seines Wirkens war die Errichtung der neuen Synagoge in Bochum, die 2007 eingeweiht wurde. Das Gebäude am Planetarium ist ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass jüdisches Leben im Ruhrgebiet nicht allein zur Geschichte der Region gehört, sondern auch ihre Gegenwart und Zukunft mitprägt. Steinmeier hob in seiner Würdigung hervor, Rabinovich habe »wesentlich zur Realisierung dieser Synagoge beigetragen«.
Die Geschichte der Juden in Bochum reicht mehr als 400 Jahre zurück. Die heutige Einheitsgemeinde Bochum-Herne-Hattingen führt diese Tradition fort und verbindet Menschen aus mehreren Städten. Dass jüdisches Leben nach der Schoa wieder öffentlich und dauerhaft sichtbar werden konnte, ist dabei keine Selbstverständlichkeit. Die Synagoge steht nicht nur für religiöses Leben, sondern auch für die Rückkehr einer jüdischen Gemeinschaft in die Mitte der Gesellschaft.
Selbstverständlicher Teil
Steinmeier würdigte insbesondere, dass Rabinovich den Blick nicht auf die Vergangenheit beschränkt. Es gehe ihm darum, »nicht nur an die Schoa zu erinnern«, sondern das heutige jüdische Leben in seiner Vielfalt zu stärken und in den Städten der Region fest zu verankern. Damit steht ein Ansatz im Mittelpunkt, der Erinnerungskultur und Gegenwart miteinander verbindet: Das Gedenken an die Ermordung der europäischen Juden bleibt unverzichtbar. Zugleich soll jüdisches Leben als selbstverständlicher Teil der heutigen Gesellschaft wahrgenommen werden.
Für Rabinovich selbst kam die Auszeichnung völlig unerwartet. In seiner Reaktion auf die Ehrung beschrieb er gegenüber dem »Bochum-Journal«, wie sehr ihn die Nachricht überrascht habe. Dass sein langjähriges Engagement in Deutschland einmal mit einer solchen staatlichen Anerkennung gewürdigt werden würde, habe er sich bei seiner Ankunft im Land nicht vorstellen können.
»Das war sehr aufregend und total überraschend für mich. Die Nachricht, die ich bekommen habe, hat mich völlig überrascht. Nie im Leben habe ich so etwas erwartet«, sagte Rabinovich. Als er vor fast genau 38 Jahren nach Deutschland gekommen sei, habe er nicht im Traum daran gedacht, eines Tages eine solche Auszeichnung zu erhalten.
»Zweite Heimat«
Seit dem Jahr 2000 besitzt Rabinovich die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Ehrung habe deshalb für ihn eine besondere persönliche Bedeutung. »Seit 2000 bin ich deutscher Bürger. Und jetzt bin ich stolz, dass ich diese Auszeichnung von meinem Heimatland bekommen habe, obwohl meine Heimat Russland ist. Das ist meine zweite Heimat. Vielen Dank.«
Rabinovichs Arbeit beschränkt sich nicht auf die Belange der eigenen Gemeinde. Ein wesentlicher Bestandteil seines Engagements ist die Begegnung mit Menschen anderer Religionen und kultureller Hintergründe. Durch den interreligiösen und interkulturellen Austausch trägt er dazu bei, Vorurteile abzubauen und die Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der übrigen Gesellschaft zu stärken. Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Einstellungen und Anfeindungen jüdisches Leben in Deutschland belasten, ist die öffentliche Sichtbarkeit jüdischer Gemeinden von besonderer Bedeutung.
Rabinovich ist 1992 mit seiner Familie aus Moskau nach Deutschland ausgewandert. Der Diplom-Bauingenieur war fast dreißig Jahre lang bei den größten deutschen Bauunternehmen im In- und Ausland tätig. Seit 2007 ist er Mitglied des Direktoriums des Zentralrats. Im Jahr 2019 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe gewählt.
Steinmeier stellte bei der Ordensverleihung den Wert persönlicher Begegnungen und des Zuhörens heraus. Sein Grundgedanke lautete: »Austausch braucht Nähe; Nähe braucht Begegnung und Begegnung braucht Zeit – um ins Gespräch zu kommen, um einander zuzuhören, aber auch um intensiv zu debattieren.« Der Bundespräsident betonte zudem die Bedeutung jener Menschen, »die sich um mehr kümmern als um sich selbst, die nicht nur sehen, wo Hilfe nötig sein könnte, sondern tatsächlich helfen.«
Menschen und Gemeinschaften
Diese Würdigung beschreibt zugleich einen wesentlichen Teil von Rabinovichs langjährigem Wirken. Als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen und stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe übernimmt er Verantwortung für die eigene Gemeinschaft und setzt sich zugleich für ein respektvolles Miteinander in der Region ein. ja