Die Zeit geht wundersame Wege, und manchmal vermag sie auch Wunden zu heilen. »Wir sind hierhergekommen, um etwas zurückzugeben, das einen sehr langen Weg hinter sich hat«, sagt die amerikanische Rabbinerin Bonnie Koppel zum Auftakt einer feierlichen Zeremonie in der Synagoge Oranienburger Straße. Sie steht unter dem Titel »Eine Heimkehr. Eine Zeremonie des Gedenkens, der Rückkehr und der Kontinuität« und wird gemeinsam von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und dem amerikanischen Temple Chai ausgerichtet. Im Zentrum der Feier stehen eine kostbare historische Parochet und ein Tora-Wimpel.
Die beiden rituellen Gegenstände werden im Repräsentantensaal ausgestellt, gewissermaßen als Herzstücke der Veranstaltung. Doch Rabbi Koppel ist nicht allein aus Phoenix, Arizona, in die deutsche Hauptstadt gekommen. Die kleine Delegation, extra für diese Zeremonie aus den USA angereist, besteht aus 27 Gemeindemitgliedern. Es war ihnen ein Anliegen, die lange verschollenen rituellen Gegenstände gemeinsam an ihre ursprüngliche Stätte zurückzubringen, aus der sie vor 88 Jahren gewaltsam entrissen wurden.
»Wenn mir jemand erzählt hätte, dass diese Gegenstände aus Phoenix eines Tages nach Berlin zurückkehren, ich hätte es nicht geglaubt«, sagt Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, immer noch erstaunt.
Vieles, was 1938 nicht zerstört oder geschändet wurde, wird gestohlen
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreicht ein wütender antisemitischer Mob das größte jüdische Bethaus der Stadt, die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Die Nazis verwüsten das prächtige Gebäude.
Vieles, was nicht zerstört oder geschändet wurde, wird gestohlen. Es wurde Feuer gelegt, der Trausaal demoliert, einige Fenster wurden zerschlagen und die Torarollen auf dem Boden ausgerollt. Größere Schäden konnte der Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld vom Polizeirevier Hackescher Markt verhindern. Mit der Begründung, dass die Synagoge unter Denkmalschutz stehe, hinderte er die SA, das große Bethaus weiter zu zerstören. Er ruft auch die Feuerwehr, der es gelang, den Brand schließlich zu löschen.
Irgendwo in diesen schrecklichen Wirren aus zersplittertem Glas, zerborstenem und verkohltem Holz, Geschrei, eingerissenen und verschmierten Wänden sind – neben vielen weiteren wertvollen sakralen Gegenständen – auch die kostbare Parochet, der Vorhang vor dem Aron Hakodesch (Toraschrein), sowie ein Tora-Wimpel abhandengekommen. In wessen Hände sie damals gerieten, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Dass beide Gegenstände auf wundersame Weise nach 88 Jahren ihren Weg nach Berlin zurückgefunden haben, grenzt an ein kleines Wunder.
»Im September 1994 erhielt der Temple Chai von Solomon Saksenhaus ein außergewöhnliches Geschenk«, sagt die Amerikanerin Joan Neer und zeigt auf die kostbaren jüdischen Kultgegenstände. Der Wimpel und ein Tuch, mit dem die Torarolle zusammengebunden wird, tragen den Namen eines jüdischen Kindes: Jizchak »Itzik« ben Kawod HaRaw Gistori. Niemand weiß, was aus Itzik geworden ist. »Aber wir wissen, dass der Segen, der über ihn gesprochen wurde, überlebt hat«, sagt Joan Neer. Solomons Eltern, Moishe und Rosa Saksenhaus, wurden nach dem Krieg zunächst als sogenannte Displaced Persons gelistet. Eine Rückkehr ins immer noch antisemitische Polen war ausgeschlossen, und so gelangten sie ins oberbayerische Traunstein, wo Moishe als Grenzpolizist arbeitete.
Die Zeremonie ist ein Zeichen jüdischer Kontinuität und gelebter Solidarität.
Ein ehemaliger SS-Offizier trat an den jüdischen Grenzer heran und bot ihm die beiden sakralen Gegenstände zum Tausch an: gegen Kaffee, Zigaretten und amerikanisches Bratfett – nicht ohne die Erpressung, sie zu zerstören, sollte Moishe nicht auf den Deal eingehen. Moishe erwarb die jüdischen Ritualgegenstände im Tausch gegen eine Unsumme an Naturalien und erhielt sie somit für die Nachwelt. Nichtsahnend, was ihren tatsächlichen materiellen Wert betraf.
Über viele Jahrzehnte wurden die wertvollen Zeugnisse jüdischer Geschichte von der jüdischen Gemeinde Temple Chai in Phoenix aufbewahrt und beschützt. »Bemerkenswerterweise haben wir in dieser Woche den Toraabschnitt Lech Lecha gelesen«, erzählt Rabbi Koppel. Die Worte, die Gott an Abraham richtet, waren Worte des Aufbruchs. »Unsere Geschichte, die Geschichte der Juden, war schon immer eine Geschichte des Reisens«, sagt die Rabbinerin. Und so wie Juden untrennbar mit einem Aufbruch und dem Wandern verbunden sind, wandern auch Gegenstände, so Koppel.
Für einen kurzen Moment schließt sich der Kreis zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Die geladenen Gäste unterstreichen diese These mit Applaus. Die Stimmung im Saal ist feierlich, und für einen kurzen Moment schließt sich der Kreis zwischen Vergangenheit und Gegenwart – unterstützt durch historische Aufnahmen der Synagoge aus der Zeit vor der Schoa. Im Zentrum stehen jene Gegenstände, die auch jüdische Geschichte symbolisieren: Flucht und Vertreibung, Vernichtung und Wiederaufbau, Glauben und Vertrauen – sie stehen für eine Geschichte der Resilienz, die allen Widrigkeiten zum Trotz ungebrochen ist.
Das seidig schimmernde weiße Textil, das einst als Vorhang den Toraschrein verhüllte, wirkt kunstvoll und noch so intakt, dass es schwerfällt, sich seine bewegte Geschichte vorzustellen. Der Wimpel, ebenso prächtig, wird vor der ausgerollten Parochet auf einem Tisch präsentiert. Bis auf eine ausgeblichene Stelle am Rand sind die restaurierten Farben der floralen Ornamente derart leuchtend, als wären sie neu.
Beide Gegenstände haben eine lange Reise hinter sich, die sie über den Atlantik und schließlich zurück an ihren Ursprungsort geführt hat. Sie wurden in Kästen und Kisten, Koffern und Vitrinen aufbewahrt. Menschen unterschiedlichster Gesinnung haben sie berührt, um sie gerungen und sie schließlich für die Nachwelt erhalten.
Hinter jedem Namen steht ein Leben
Debbie Berkowitz erinnert daran, dass sich hinter jedem heiligen Gegenstand auch Menschen befinden. »Deshalb gedenken wir der Menschen, die hier gebetet haben, ihrer Familien und Kinder, die hier, neben ihren Gebeten, auch die Feste des jüdischen Lebens gefeiert haben«, sagt die Präsidentin von Temple Chai. »Vermutlich werden wir nie alle ihre Namen kennen«, so Berkowitz, doch hinter jedem Namen stehe ein Leben, und jedes Leben zähle.
Die Zeremonie der Rückgabe ist ein Zeichen jüdischer Kontinuität, gelebter Solidarität und Verbundenheit über Kontinente und Generationen hinweg. Sie steht aber auch für neue Verbindungen zwischen einer jüdischen Gemeinde in einer amerikanischen Wüstenstadt und einer in der deutschen Hauptstadt.