Seele

Wenn alles zu viel ist

Wenn alles einmal zu viel ist, ist es wichtig, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Foto: Getty Images

Miriam geht eigentlich fast nie an den alten Koffer. Der braune, stabil wirkende Kasten mit den angejahrten Verschlüssen liegt irgendwo im ersten Stock und wartet auf nichts. Wenn Miriam ihn öffnet, dann sieht sie drei Dinge: ein Schwarz-Weiß-Bild ihrer großen Familie, einen handgeschriebenen Zettel ihrer Kinder und eine Visitenkarte ihres Mannes mit einem Zitat, geschrieben von ihrer Tochter. Andere Dinge liegen nicht darin – noch nicht. Doch der Gedanke, diesen Koffer einmal packen zu müssen, der ist bei ihr in den vergangenen Jahren immer präsenter geworden.

Miriam ist mit ihrer Familie in Deutschland verwurzelt, aber ihr ist – nicht zuletzt durch den Koffer – auch bewusst, dass alle jederzeit gehen könnten: »Er erinnert mich an die Vergangenheit, die in die Gegenwart und Zukunft hineinwirkt. Und das ist für mich so ein Sicherheitsgefühl. So. Ich kann immer gehen. Ich spreche fünf Sprachen. Ich habe Freunde in der ganzen Welt. Ich bin mega vernetzt.« Ihr Mann sei im Handwerk tätig, und damit stehe der kleinen Familie eigentlich die Welt offen, beschreibt Miriam.

Wo gibt es noch Sicherheit?

Was auf den ersten Blick einfach aussieht, ist allerdings ein Thema, das viele Jüdinnen und Juden beschäftigt: Wie kann man in Deutschland leben, ohne sich einschränken zu müssen? Wie ist das Befinden nach den politischen Rechts- und Linksrucken in den vergangenen Wochen? Wo gibt es noch diese Sicherheit, als Jüdin und Jude frei durch die Stadt, durch das Dorf gehen zu können, ohne das Gefühl haben zu müssen, es wird einem im schlimmsten Fall niemand zu Hilfe kommen, wenn man wegen eines T-Shirts, einer Kette, einer Kippa womöglich, angefeindet, ja sogar angegriffen wird?

Wie kann man in Deutschland leben, ohne sich einschränken zu müssen?

Um diese Fragen anzusprechen, haben Jessica von »Meet a Jew« und die Psychologin Judith zu einem Open Screen eingeladen, einem virtuellen Raum, in dem all das angesprochen werden kann, was einem auf dem Herzen liegt. »Es gibt auf jeden Fall diesen Redebedarf in der Community«, sagt Jessica, die selbst eine lange Erfahrung als Ehrenamtliche bei dem Zentralratsprojekt hat. Der Ausgang der Wahlen in Sachsen-Anhalt habe sie, die mit dem Bundesland sehr verbunden ist, angeregt, darüber nachzudenken, wie es wohl für andere junge und ältere Menschen sei, mit diesem Wahlergebnis und mit den Stimmungen, die dieses Resultat gesellschaftlich mit sich bringt, umzugehen. »Deswegen«, sagt Jesscia, »haben wir den Screen auch für alle angeboten und nicht nur für die Leute, die in Sachsen-Anhalt leben, weil das natürlich uns alle betrifft.«

Auch Amy, die in Bayern wohnt. Vor vielen Jahrzehnten kam sie aus den USA nach Deutschland und beobachtet genau, wie sich das gesellschaftliche Klima insbesondere für Jüdinnen und Juden geändert hat. »Für mich ist es in den letzten Jahren schon anders geworden. Seit etwa drei Jahren merke ich öfter, dass ich Angst habe, weil ich jüdisch bin. Ich merke auch die Unsicherheit der Menschen um mich herum. Sie wissen nicht, wie sie mit mir über bestimmte Dinge sprechen können.«

»Für mich ist es in den letzten Jahren schon anders geworden.«

Amy

Von der »Unsensibilität oder Dummheit« mancher Kommentare mal ganz abgesehen, wie Amy beschreibt. Auch deswegen schätzt sie jede Gelegenheit, sich mit anderen Menschen auszutauschen: »Ich finde diese Begegnungen toll und wichtig für mich, weil ich in einem ländlichen Teil Bayerns wohne, in dem es keine jüdische Gemeinde in unmittelbarer Nähe gibt. Ich bin liberale Jüdin und wäre gerne Teil einer jüdischen Gemeinde, aber die Gemeinden sind sehr weit weg.«

Dabei sei ihr, betont Amy, der »Kontakt mit anderen Jüdinnen und Juden« wichtig. Es sei eine Gelegenheit, zuzuhören, vielleicht selbst etwas zu sagen und auch über Begegnungen und Diskussionen zu reflektieren.

Wenn Tim seinen Kommilitonen von seiner Arbeit erzählt, dann ist er immer etwas vage. »Ich versuche das so ein bisschen zu umschreiben und sage: Ja, ich bin in der politischen Bildungsarbeit tätig und so was.« Manchmal, wenn er dann genug Vertrauen gefasst hat, wird seine Beschreibung detaillierter. Dann klingt es ungefähr so: »Ich erzähle halt, dass ich ins Büro muss und dort einen Förderantrag für ein jüdisches Wochenendseminar schreibe, wo wir Schabbat feiern.« Aber zu Beginn ist Tim, der sich bei der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) engagiert, lieber etwas vorsichtig. »Schauen, wie die Lage ist«, nennt er es.

»Meine Kette mit dem Davidstern lege ich nicht ab.«

Judith

Ein bisschen vorsichtig war Tim schon immer, aber vor allem nach dem 7. Oktober sei er wirklich aufmerksam, wem er was über sich mitteile. Deswegen seien die »jüdischen Spaces« für ihn sehr wichtig. Dort müsse man sich nicht lang erklären, sondern könne einfach so sein, wie man ist.

Tim ist in einem politischen Elternhaus aufgewachsen, er zog nach Berlin und tauchte in die Arbeit in der jüdischen Community und in die JSUD-Arbeit ein. »Super, supercool« sei das.

So sehr ihm die Arbeit Spaß macht, so groß ist allerdings auch die Sorge bei seiner Familie: »Immer wenn ich meine Familie besuche und dann zurückfahre, sind das jedes Mal so die Themen: ›Bitte den Davidstern nicht offen tragen, bitte pass auf.‹ Es ist schon ein sehr präsentes Thema.« Seine Kette mit dem Davidstern trage er daher nur nach Abwägen offen, sonst lieber unter dem T-Shirt. »Präventiv bin ich vorsichtig.«

Die Davidkette ist auch eine Erinnerung an ihre Oma

Für Judith kommt es nicht infrage, dass sie ihre Davidsternkette versteckt. Sie ist nicht nur ein Symbol ihrer Identität, sondern vor allem auch eine Erinnerung an ihre Oma, die vor zwei Jahren gestorben ist. »Wir waren uns immer sehr, sehr nah.« Ferien bei der Großmutter, Zeit miteinander zu verbringen – prägende Jahre.

Judith ist studierte Psychologin und hat ein Gespür dafür, welche Dynamiken es in Gruppen gibt. Genau zuhören, nachfragen, all das hat sie auch während des Open Screens vor ein paar Wochen gemacht. Judith ist mittendrin. Doch wenn es um den 7. Oktober 2023 geht, dann spricht sie von Einsamkeit. Auch, weil sie keine jüdische Community in der Umgebung hatte. »Meine Freundinnen waren total überfordert damit. Sie haben nichts verstanden, kannten sich nicht aus und wollten nichts Falsches sagen. Aber irgendwie wussten sie auch nicht, wie sie mich unterstützen können.«

Deswegen ist für sie ein Begegnungsraum wie ein Open Screen so wichtig. »Ich glaube, genau das brauchen die Leute jetzt gerade auch. Dieses Gefühl ›Ich bin nicht allein mit diesen Gedanken‹. Und es gibt Leute, mit denen ich mich über diese Gefühle austauschen kann.«

Judith hat das Bedürfnis, sich auszutauschen

Gerade in der Zeit unmittelbar nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern hatte Judith das Bedürfnis, sich mit anderen aus »ihrer Bubble«, wie sie es nennt, auszutauschen: Man verbringt Zeit in seiner Umgebung mit seinen Freunden, die irgendwie gleich denken. Vielleicht auch in der Familie, wenn man das Glück hat. Und dann auf einmal sieht man solche Zahlen und denkt: Hm, irgendwie sind wir doch nicht so viele. »Dann brauche man genau gleichdenkende Personen, die einem sagen: ›Nein, da sind doch noch andere.‹ Ich bin nicht alleine mit diesen Gedanken. Und es gibt Leute, mit denen ich mich über diese Gefühle austauschen kann.«

»Ich versuche das zuerst immer ein bisschen zu umschreiben.«

Tim

Kezia denkt genau so: »Ich habe das Gefühl, dass der Austausch mit anderen Jüdinnen und Juden zurzeit der einzige Raum ist, in dem mich andere Leute wirklich verstehen.«

Kezia arbeitet im Bereich der Bauaufsicht, trifft viele unterschiedliche Menschen und lernt deren Sicht auf das Leben kennen. Dass es darunter auch Verschwörungserzählungen gibt, Vorurteile und schlicht Unwissen, die Erfahrung hat Kezia durchaus schon gemacht. In einer Nachtschicht fragte einmal jemand: »Sag mal, hast du eigentlich ein Problem mit Juden?« »Die wollten offenbar abchecken, ob ich mit ihnen auf einer Wellenlänge bin.« Kezia setzte den Helm ab und sagte: »Ich glaube nicht, dass ich was gegen Juden habe. Ich bin nämlich Jude.« Sichtbar zu sein, das helfe Kezia auch in schwierigen Situationen. Ein Zuhause in einer jüdischen Gemeinde gefunden zu haben, auch.

Ein Zuhause zu verlassen, ist kein einfacher Schritt, darin sind sich alle, die an dem Open Screen teilgenommen haben, einig. »Es ist der absolut letzte Ausweg für komplett Verwurzelte. Das ist gar keine Frage – wenn es gar nicht mehr geht«, sagt Miriam.

Diese Stärke möchte die Mutter an ihre Kinder weitergeben

Oft muss sie an ihre Großmutter denken, diese starke Frau. »Meine Oma war echt toll. Sie hat sich in allem durchgesetzt und war sehr tough.« Das gibt ihr Kraft, ganz besonders im derzeitigen gesellschaftlichen Klima.

Diese Stärke wollte Miriam immer an ihre Kinder weitergeben – das ist ihr gelungen, denn mit dem Jüdischsein, erzählt sie, gehen die Töchter »ganz offen um. Sie sind auch eher so: Hey, wow, wir sind Jüdinnen.«

In den Koffer wird Miriam ab und zu trotzdem schauen – um im Notfall zu wissen, dass er da ist.

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