Im August 2011 machte sich ein kupfernes Waschgefäß aus dem Jahr 1823 von Warschau auf den Weg nach Berlin in die Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum. Nach langwieriger Kleinarbeit und Diplomatie hatte Hermann Simon, der frühere Direktor des Centrums, es aus dem Depot des Warschauer Jüdischen Historischen Instituts ausleihen können.
Es stammte ursprünglich aus der Alten Synagoge in der Heidereutergasse in Berlin und gehörte bis 1938 zur Sammlung des Berliner Jüdischen Museums. Nach dessen gewaltsamer Schließung wurde es abmontiert. In den Ausstellungsräumen des Museums neben der Neuen Synagoge waren 2011 die notdürftig verputzten Befestigungsstellen des Waschgefäßes noch deutlich zu erkennen.
Was über die verschlungenen Wege des Novemberpogroms 1938, der Schoa und des schmerzvollen Neuanfangs jüdischen Lebens nach 1945 ins Nachkriegspolen und schließlich 1951 nach Warschau gelangte, waren auch unzählige weitere Exponate des bedeutenden Berliner Jüdischen Museums, dem nach seiner Eröffnung im Januar 1933 – tragischerweise eine Woche vor Hitlers Machtergreifung – nur wenige Jahre vergönnt gewesen waren.
Befremdlich ist die auffällige Distanz
Dem Museum und seinen Beständen, wenn auch nur dem allerdings umfangreichen Teil der Bilder, Zeichnungen und Gemälde, ist nun eine Ausstellung im Jüdischen Historischen Institut in Warschau gewidmet. Befremdlich ist die auffällige Distanz, die die Ausstellungsmacher dabei offensichtlich zur heutigen Berliner Jüdischen Gemeinde gehalten haben. Wüsste man es nicht besser, könnte die Ausstellung auch von der Sammlung eines in der Schoa zerstörten Schtetls handeln. Sämtliche Bezüge, mit Ausnahme eines Aufsatzes von Inka Bertz zu Berlin, seiner jüdischen Gemeinde und seinen Traditionen, fehlen.
Diese unübersehbare Distanzierung stellt auch die Frage, wer eigentlich die Zielgruppe sein soll – denn Jüdinnen und Juden aus Deutschland und speziell aus Berlin gehören ganz sicher nicht dazu. Angesichts des verstärkten antisemitischen Hintergrundrauschens in der polnischen Politik in den vergangenen Jahren könnte man den Eindruck gewinnen, als habe man von vornherein den Eindruck einer zu großen Nähe zu Deutschland vermeiden wollen.
Für einen deutsch-polnischen Brückenbau ist dies vorerst eine vertane Chance.
Da man die Ausstellung ohne jeden Verweis auf den Forschungsstand entworfen hat, bleiben die Exponate und Fotografien auch dort ohne Leben, wo man eine Geschichte oder eine Anekdote über sie hätte erzählen können. Angesichts der Popularität von Objektgeschichte in den vergangenen Jahren (wie etwa »100 Objekte …«, ein von der BBC und Neil MacGregor initiiertes Projekt, das Weltgeschichte anhand von 100 Objekten erzählt, und andere) ist das sehr überraschend. Hätte nicht genau dies das Ziel sein können oder müssen? Spricht aus alledem fehlendes Interesse an der Geschichte und dem Schicksal der Objekte, von dem die Ausstellungsmacher hätten erzählen sollen?
Nimmt man den Begriff der (jüdischen) Identität ernst, drängen sich wichtige Fragen auf: Welche jüdische Identität ist gemeint, die Berliner? Eine allgemein jüdische? Und worin unterschied sich diese womöglich von der Warschauer am Vorabend der Schoa? Und was sagen die Bilder von damals heute der Betrachterin und dem Betrachter, was erzählen sie vom Jüdischsein? Dazu findet sich in der Ausstellung und im Katalog leider nur sehr wenig.
Der Katalog liegt nur in einer polnisch-englischen Fassung vor
Dass viele Exponate nun erstmals überhaupt der Öffentlichkeit gezeigt werden, ist nach Jahren des gleichsam verschämten Versteckens nachdrücklich zu begrüßen. Allerdings gibt es eine Reihe von Punkten, die für Unverständnis sorgen: Allem Anschein nach ist niemals (oder noch nicht) die Idee verfolgt worden, die Ausstellung auch in Berlin zu zeigen, der Katalog liegt nur in einer polnisch-englischen Fassung vor.
Niemand möchte eine Restitutionsdebatte lostreten, man sollte jedoch nicht – und sei es durch lautes Schweigen – so tun, als handele es sich beim Berliner Jüdischen Museum um einen gewöhnlichen Trophäenbestand der NS-Diktatur. Enttäuschend ist überdies die Selbstgenügsamkeit der Ausstellungsmacher, das Rad gleichsam neu zu erfinden: Der voluminöse und sorgsam recherchierte zweibändige Katalog samt Bestandsrekonstruktion des Centrum Judaicum 2011 (»Auf der Suche nach einer verlorenen Sammlung«) wurde praktisch ignoriert, und Hermann Simon, der mit seiner langjährigen Stellvertreterin und Sammlungsleiterin Chana Schütz jahrzehntelang zu den Museumsbeständen geforscht und mehrere Bücher verfasst hat, erfuhr von der jetzigen Warschauer Ausstellung tatsächlich erst aus der polnischen Presse.
Eine vertane Chance
Simon hätte das Vorhaben nicht nur mit seiner Expertise bereichert, sondern auch zahlreiche Unzulänglichkeiten im Katalog verhindern können. Von diesen sei nur eine besonders eklatante genannt: In den Lektüreempfehlungen zu einem Artikel figuriert ein vulgärantisemitischer Titel aus dem Leipziger Hammer-Verlag – die Ausstellungsmacher sollten ihr Metier wahrlich besser beherrschen.
Für einen deutsch-polnisch-jüdischen Brückenbau ist die Ausstellung vorerst eine vertane Chance. Dies ließe sich freilich ändern, wenn es gelänge, die Ausstellung auch in Berlin an ihrem ursprünglichen Ort zu zeigen. Unbedingt dazugehören sollte allerdings auch das historische Waschgefäß, das im Katalog unverständlicherweise fehlt und das von dem grenzübergreifenden Geschichtenpotenzial der nach der Schoa verstreuten Überlieferung erzählen könnte – wenn man diese Geschichten denn erzählen möchte.