Universität

Angst auf dem Campus

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Angst auf dem Campus

Eine Studie zeigt, wie stark jüdische Studierende unter Antisemitismus leiden – und welche Folgen das für ihre psychische Gesundheit hat

von Alicia Rust  01.11.2026 09:11 Uhr

Das Herz beginnt zu rasen, die Atmung wird flach, es fühlt sich an, als ob man den eigenen Herzschlag hören kann. Kalter Schweiß bricht aus, der Magen verkrampft sich, taube Fingerspitzen, Knie wie Wackelpudding. So oder ähnlich fühlt sich Angst an. Dass sich viele jüdische Studierende in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 in ihrem Umfeld nicht mehr sicher fühlen und neben Angstzuständen auch zunehmend unter schweren Depressionen leiden, ist mehr als nur eine Vermutung.

In einer aktuellen Studie über Antisemitismus und die Folgen für die psychische Gesundheit wurde von zwei jungen Wissenschaftlern nachgewiesen, wie gravierend die Folgen für jüdische Studierende sind. Knapp 87 Prozent der jüdischen Teilnehmenden besagter Studie führen den Anstieg von Antisemitismus auf den 7. Oktober zurück.

Frage, ob sich jüdische und nichtjüdische Studierende in ihrer Wahrnehmung voneinander unterscheiden

Zwei Jahre lang haben die beiden Wissenschaftler Irina Jarvers und Tal Josef Tamir 320 Studierende mithilfe von standardisierten Fragebögen über ihre Situation befragt. 151 von ihnen waren jüdischer Herkunft. Dabei lautete die Hauptfrage, ob sich jüdische und nichtjüdische Studierende in ihrer Wahrnehmung voneinander unterscheiden. Ziel der Untersuchung war, die Belastungen jüdischer Studierender möglichst konkret zu erfassen, um sie besser verstehen zu können. »Von den Studierenden hatten 60 Prozent eine Migrationsgeschichte«, erklärt die Neurowissenschaftlerin Irina Jarvers, die als Privatdozentin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Medizinischen Fakultät der Universität Regensburg arbeitet und gemeinsam mit ihrem in Berlin ansässigen Kollegen, dem Psychologen Tal Josef Tamir, Kriterien wie Depressionen, Angst oder Stress abfragte.

Fragen zur eigenen jüdischen Identität wurden ebenfalls gestellt. »Auch die Beziehungen zu Israel haben wir gemessen, bei den israelischen ebenso wie bei nichtisraelischen jüdischen Studierenden«, ergänzt Tamir. Das Ergebnis: ein hohes Stressniveau bei beiden untersuchten Gruppen. »80 Prozent der Teilnehmenden betonen, das Existenzrecht Israels sei sehr wichtig für sie, rund 66 Prozent haben Familie in Israel«, berichtet er.

Vorbei sind die Zeiten, in denen die Universitäten als Schutzraum für alle Studierenden galten.

Generell leiden Juden in Deutschland darunter, für die Geschehnisse in Israel mitverantwortlich gemacht zu werden, ganz gleich, ob sie einen Bezug dazu haben oder nicht. Vorbei sind die Zeiten, in denen insbesondere die Universitäten als Orte der Bildungsvermittlung und als Schutzraum für alle Studierenden galten. »Der Antisemitismus war schon immer da, genau wie der Gedanke an Verschwörungstheorien, und das erstreckt sich über alle Gesellschaftsschichten hinweg«, sagt Jarvers. »Wir sehen ihn nun auch extrem verstärkt aus dem linken Milieu, wie zum Beispiel bei ›Queers for Palestine‹«, so die Neurowissenschaftlerin.

In den Debatten, die öffentlich geführt werden, wie zum Beispiel auf Demons­trationen oder in sozialen Medien, werde immer wieder sichtbar, wie wenig tatsächliches Wissen über Israel oder das Judentum an sich vorhanden ist. Obwohl am Anfang der wissenschaftlichen Recherche erst einmal nur eine Vermutung stand, fiel die Eindeutigkeit des wissenschaftlichen Ergebnisses umso ernüchternder aus: »In der psychologischen Forschung kommt es öfter zu Ergebnissen, bei denen nur bestätigt wird, was man ursprünglich erwartet hat«, erklärt Josef Tamir.

Jüdische Studierende leiden signifikant häufiger unter schweren Angstzuständen und Depressionen

Es galt daher zu überprüfen, ob die Annahme, Antisemitismus könne die psychische Gesundheit beeinträchtigen, auch messbar sei. Wie deutlich das Ergebnis ausfiel, hat beide Wissenschaftler überrascht. Bei Depressionen, Ängsten und chronischem Stress handelt es sich keineswegs um rein psychische Befindlichkeiten, vielmehr geht es um komplexe systemische Erkrankungen, die den gesamten Körper messbar und nachhaltig schädigen können. Daraus lässt sich die Erkenntnis ableiten, dass Antisemitismus auch eine Frage der öffentlichen Gesundheit sei, argumentieren die beiden Wissenschaftler. Anhand ihrer Studie konnten sie zeigen, dass insbesondere jüdische Studierende signifikant häufiger unter schweren Angstzuständen und Depressionen leiden, als ihre nichtjüdischen Altersgenossen.

Die Teilnehmenden der umfangreichen Studie suchten Jarvers und Tamir mithilfe der sozialen Medien, aber auch durch klassische Hilfsmittel. »Ich habe überall Aushänge gemacht am Schwarzen Brett, Flyer verteilt und auf verschiedenen Kanälen und in Communitys nach Teilnehmern für unsere Studie gesucht«, erzählt Josef Tamir. Die große Resonanz vonseiten der Studierenden habe dann beide positiv überrascht.

»Depressionen und Angst kann man mit reliablen Fragebögen messen. Wir haben validierte Maße, also Fragebögen, genommen, um klinische Variablen zu erfassen«, erklärt Jarvers. »So etwas wie Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Gefühle von Schuld, Schlaflosigkeit und Suizidgedanken«, ergänzt die Wissenschaftlerin.

Worin liegt aber die gesellschaftliche Relevanz? »Häufig wird Antisemitismus nur als politische oder gesellschaftliche Frage diskutiert. Dahinter stehen jedoch ganz reale Menschen mit ihrem jeweiligen Schicksal. Und die sind gestresster, ängstlicher oder depressiver, als beispielsweise ihre nichtjüdischen Altersgenossen«, antwortet Josef Tamir, der das Thema auch zur Grundlage seiner Masterarbeit machte.

Definition von Antisemitismus

In der Studie gehe es nicht um die Definition von Antisemitismus, betonen die beiden Wissenschaftler. Vielmehr stehe die Perspektive der Betroffenen im Vordergrund. »Das ist ein Ansatz, den man auch aus der Minority-Stress-Forschung bereits kennt«, sagt Jarvers.

Das Minderheitenstressmodell beschreibt die dauerhafte und zusätzliche Belastung, die Menschen dadurch verspüren, dass sie einer Gruppe angehören, die daran gewöhnt ist, häufig Ausgrenzung oder Vorurteile zu erleben. Der dadurch bedingte Stress entsteht durch eine feindlich gesinnte Umwelt, die sich unter anderem in Faktoren wie offene Feindschaft, Beleidigungen und Gewalt äußert. Hinzu kommt die Erwartung der Betroffenen, abgelehnt zu werden, also eine ständige Angst vor neuer Ausgrenzung, was wiederum dazu führe, die eigene Identität aus der Angst vor Nachteilen zu verbergen.

Jüdische Studierende schätzten, dass 46,5 Prozent der Deutschen eine antisemitische Einstellung haben. Durch das unbewuss­te Übernehmen von negativen Urteilen der Gesellschaft leide das eigene Selbstbild. Ein Gefühl von Schuld und Scham kann sich im schlimmsten Fall zum Nährboden für Selbsthass und Depressionen entwickeln.

»Dass allein schon jüdisch zu sein, bestimmt, ob es mir gut geht oder schlecht, das ist neu.«

Irina Jarvers

»In der gesamten Stichprobe haben wir alle möglichen Faktoren betrachtet, Selbstwert, politische Einstellung, jüdisch und nichtjüdisch zu sein. Allein schon der Faktor, jüdisch zu sein, hatte bereits Einfluss auf die Belastung. Dass allein schon jüdisch zu sein, bestimmt, ob es mir gut geht oder schlecht, das ist neu«, sagt Jarvers. Besonders angestiegen sei das Ausmaß seit dem 7. Oktober. Gleichzeitig könne die Zugehörigkeit zum Judentum aber auch im positiven Sinne identitätsstiftend und somit auch ein protektiver Faktor sein.

Was müsste passieren, damit den Betroffenen das Gefühl der Angst genommen wird? »Das gelingt durch ein Gefühl von Unterstützung, dass man weiß, da steht jemand hinter mir«, antwortet Josef Tamir, der vor zehn Jahren aus Israel nach Deutschland gezogen ist. »Die Universität hat die Rolle, die Studierenden zu unterstützen, die diese Erfahrungen gemacht haben, der Staat hat ebenfalls diese Rolle. Es gibt aber nicht nur die Angst in der Uni, es passiert auf der Straße, in Bars, in öffentlichen Verkehrsmitteln, überall«, ergänzt Jarvers.

Im besten Falle würde es helfen, wenn es eine breitere Wahrnehmung in der Gesellschaft darüber gäbe, dass die jüdischen Studierenden in Deutschland wirklich belastet sind. Zumindest eine Sensibilisierung dafür. Maßnahmen, durch die der Selbstwert der Betroffenen wieder gestärkt werden könne. Was immer helfe, seien direkte Begegnungen.

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