Gesellschaft

Die Welt retten? Fangen wir klein an

Man nehme eine kleine Gruppe mit einer Idee für ein soziales Projekt, eine Prise Zeit, einen Stapel grüne T-Shirts und ganz viel Motivation – fertig ist der Mitzvah Day.

Im vergangenen Jahr waren es über 150 soziale Projekte in mehr als 50 Städten, die dafür eingereicht wurden, organisiert durch viele Gruppen, Schulen oder jüdische Gemeinden. Auch in diesem Jahr haben sich bereits viele Freiwillige für den Tag ganz in Grün angemeldet. »Wir haben zurzeit 56 Anmeldungen, wobei die Anmeldefrist noch bis zum 8. November läuft und Kurzentschlossene gern noch dazukommen können«, sagt Wiebke Rasumny vom Team des Mitzvah Day, der vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert wird.

Mitzvah Day kann eigentlich jeder Tag sein

Sie steckt zwar gerade mitten in den Vorbereitungen für den 22. November, aber Rasumny erinnert sich noch gern an das Projekt, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentralrats der Juden im vergangenen Jahr gemacht haben. »2025 waren wir bei der Tafel, haben dort Lebensmittel aus Supermärkten sortiert und so aufbereitet, dass sie bedürftigen Menschen zugutekommen können.« Das besonders Schöne für Rasumny sei, dass es tatsächlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, die seitdem regelmäßig zu den Tafeln gehen und beim Verpacken helfen. »Der Mitzvah Day ist ja ein Aktionstag, der einmal im Jahr mit großen Aktionen darauf aufmerksam machen will, wie wichtig es ist, Zeit zu spenden und die Welt ein bisschen besser zu machen.« Aber, so betont sie, Mitzvah Day kann eigentlich jeder Tag sein.

Die Anmeldung zum Tag der guten Taten ist ganz einfach: Auf der Website www.mitzvahday.de gibt es ein Formular zum Ausfüllen. »Falls es nicht funktioniert oder man es nicht findet, kann man auch einfach dem Zentralrat der Juden eine E-Mail schreiben, und dann kümmern wir uns um den Rest.« Man kann sich als kleine Gruppe anmelden. Und wenn man allein ist und gern irgendwo mitmachen möchte, kann man sich ebenfalls melden – manchmal klappt ein Match mit anderen Interessierten in einer Region.

»Meine Philosophie ist: nicht dagegen sein, sondern dafür.«

Rimma Fil

Auch Rimma Fil hat ein Projekt angemeldet. Die Geschäftsführerin des Landesverbands Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt schwärmt geradezu vom Mitzvah Day. »Gute Taten haben immer zum Judentum und zu unserer Religion gehört und sind sehr gut in unseren religiösen Gedanken verankert.« Seit acht Jahren lebt sie in Deutschland und war »sehr fasziniert von diesen beiden Ideen: Mizwot und freiwilliges Engagement«. In diesem Jahr will sie ein Projekt aus dem vergangenen Jahr fortsetzen: »Wir haben vorgeschlagen, im Rahmen des Mitzvah Day Putzaktionen auf alten jüdischen Friedhöfen zu organisieren.« 2025 waren allein in Magdeburg 40 Menschen mit dabei, jüdische und nichtjüdische, Familien, Ältere – gemeinsam entfernten sie welke Blätter, fegten Wege und pflegten Grabsteine.

In diesem Jahr sollen noch weitere Städte und mehr Menschen dazukommen. Jeder Grabstein erzählt auch die Geschichte eines Menschen. Und: »Geschichten über Magdeburg und über das Leben.«

Sie sei überzeugt, »dass wir nur mit guten Taten unsere Welt ein bisschen besser machen können. Wir können nicht alles ändern, aber einfach ein Lächeln schenken oder etwas Gutes machen – sehr, sehr kleine Schritte«. Fils Lebensphilosophie heißt: nicht dagegen sein, sondern dafür.

Einen Raum neu streichen, etwas reparieren, basteln

Beim Mitzvah Day zeigt sich das »Dafür« ganz unterschiedlich: einen Raum neu streichen, etwas reparieren, basteln – am beliebtesten seien aus Rasumnys Erfahrung übrigens die Aktionen, »bei denen gemeinsam etwas gebacken und dann verschenkt wird, zum Beispiel an Menschen im Altersheim oder an Obdachlose«. In diesem Jahr gebe es auch einige Projekte von jüdischen Gemeinden oder jüdischen Einrichtungen, »die den Polizeibeamten und dem Objektschutz etwas Gutes tun wollen. Einfach einmal Danke zu sagen, weil man oft an ihnen vorbeigeht, eigentlich täglich. Es geht darum, dass sie Anerkennung und ein persönliches Dankeschön bekommen«, beschreibt Rasumny.

Diesmal wollen einige Projekte den Polizisten etwas Gutes tun.

Grün ist auch in Nordhessen die Farbe, auf die es ankommt: Dort besucht die Jüdische Liberale Gemeinde Region Kassel Emet weSchalom gemeinsam mit der Offenen Schule Waldau in Kassel im Rahmen eines interreligiösen Projekts eine Einrichtung der Diakonie. Die Teilnehmenden vor Ort freuen sich jedes Jahr auf das »Grüne Fest«, erzählt Sarah Krasnov, Erste Vorsitzende von Emet weSchalom: »Die Dekoration ist grün, die T-Shirts sind grün. Das kommt unheimlich gut an.« Seit 2019 engagiert sich die JLEV-Gemeinde beim Tag der guten Taten.

»Wir basteln zusammen und bringen ein bisschen jüdischen Input mit. Außerdem stellen wir gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Dinge her, die auf dem Basar der Schule verkauft werden.« Der Erlös werde an den New Israel Fund gespendet, der damit unter anderem ein Projekt unterstützten will, das jüdische und muslimische Jugendliche in Israel zusammenbringen möchte.

Selbst der Mitzvah Day hat nur 24 Stunden

Weil aber selbst der Mitzvah Day nur 24 Stunden hat und auch in der Gemeinde genug zu tun ist, hat Krasnov über eine Art zweiten Mitzvah Day in der Gemeinde nachgedacht: Denn in den Räumen ganz oben beispielsweise müsse einfach einmal gründlich geputzt werden, erzählt Krasnov.

Und manchmal passieren auch schon im Vorfeld des Mitzvah Day eher ungewöhnliche Dinge: »Im Online-Formular gibt es immer wieder Fake-Anmeldungen«, sagt Wiebke Rasumny. Manche Menschen machten sich einen »Spaß« daraus und verwendeten dabei unter anderem die Namen kirchlicher Einrichtungen. Eine Person sei davon bereits mehrfach betroffen gewesen.

»Doch statt sich darüber zu ärgern, entstand daraus die Idee, etwas Positives zu machen. Die betroffene Person schlug vor, dass ›ihr‹ Jugendzentrum gemeinsam mit einer jüdischen Gemeinde eine Aktion auf die Beine stellen könnte.« Und nun werde daran gearbeitet, das Jugendzentrum mit einer jüdischen Gemeinde in der Nähe zusammenzubringen. »Voraussichtlich werden Jugendliche aus beiden Einrichtungen gemeinsam eine Aktion zum Mitzvah Day gestalten.« Am Tag der guten Taten ist vieles möglich.

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