Die Toten Hosen, NRW-Justizminister Limbach, Vertreter zahlreicher jüdischer Gemeinden sowie mehrere Konsuln, unter anderem aus Marokko und Spanien – wie jedes Jahr, wenn die Jüdische Gemeinde die Josef-Neuberger-Medaille vergibt, waren viele Prominente zu Gast in der Synagoge am Paul-Spiegel-Platz in Düsseldorf.
Vergangene Woche erhielt Mona Neubaur (Grüne), Wirtschaftsministerin und stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin, von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf die Auszeichnung für ihr langjähriges Engagement für jüdisches Leben und ihren Einsatz gegen Antisemitismus. Die Laudatio hielt der Publizist Michel Friedman.
Oded Horowitz, Vorsitzender der Gemeinde, begrüßte die Gäste. Dass Neubaur die Medaille erhalte, freue ihn sehr. Vor allem in den drei Jahren seit dem Massaker der Hamas in Israel sei das Verhalten der Ministerin vorbildlich gewesen.
Doch Horowitz hielt keine frohe Eröffnungsrede, sondern listete zahlreiche antisemitische Vorfälle auf, die sich im Laufe der letzten Monate in Düsseldorf ereignet hatten. Besonders nahe ging dem Vorsitzenden der Gemeinde, dass sich Kinder am Rand eines Fußballturniers zum Gedenken an den am 7. Oktober von der Hamas ermordeten Ilan Fiorentino, an dem im Juni auch Israelis und Iraner teilgenommen hatten, von linken Demonstranten als zukünftige Kindermörder beschimpfen lassen mussten. »Wir werden uns nicht einschüchtern lassen. Wir werden uns nicht verstecken. Und wir lassen uns auch nicht verdrängen«, erklärte er unter dem Applaus des Publikums.
Horowitz hielt keine frohe Eröffnungsrede, sondern listete zahlreiche antisemitische Vorfälle auf
Nahtlos knüpfte Michel Friedman in seiner Laudatio auf Mona Neubaur an Horowitz’ Rede an. Jüdisches Leben, sagte Friedman, sei nie sicher gewesen, »aber noch nie war es so unsicher wie heute«. Die Deutschen hätten den Juden nach der Nazizeit versprochen, dass sie aus der Vergangenheit gelernt hätten. Doch der Antisemitismus habe nie aufgehört, jüdische Kinder müssten in ihren Schulen von der Polizei beschützt werden, und Oskar Schindler, dem seine Familie ihr Leben zu verdanken habe, sei einst in Frankfurt auf der Straße angespuckt worden.
Er selbst habe, nachdem sein Vater von einem Bekannten beleidigt worden sei, aber geschwiegen habe, begonnen, sich nicht nur gegen Antisemitismus, sondern auch in der jüdischen Gemeinde zu engagieren: »Das war der Tag, an dem ich versprochen habe, ich spreche jetzt für meine Welt und für jeden jüdischen Menschen, für jeden Menschen, der von anderen Menschen beleidigt und gekränkt wird.«
Besonders der Aufstieg der AfD, die er konsequent als Hasspartei bezeichnet, mache Friedman nicht nur Sorgen, sondern auch zornig. Die Frage, ob Deutschland in fünf Jahren noch eine Demokratie sein werde, lasse sich nicht mehr sicher mit Ja beantworten. Das habe Konsequenzen. »Nein«, sagte Friedman, »wir gehen nicht, aber ich muss sagen: noch nicht.«
Neubaur erinnerte in ihrer Rede an Josef Neuberger, der als nordrhein-westfälischer Justizminister in den 60er-Jahren Regierungsmitglied war: Er habe als jüdischer Politiker in seiner Behörde mit Menschen arbeiten müssen, die wenige Jahre zuvor dem NS-Regime gedient hätten. Ob sie das an seiner Stelle gekonnt hätte, wisse sie nicht: »Ich weiß nur, auch Josef Neuberger hat diesem Land einen Vertrauensvorschuss gegeben. Heute arbeite auch ich daran, ihn zu begründen.«
Sie habe sich wirklich gefreut, als der Sohn von Josef Neuberger, Michael Neuberger, und seine Familie ihr ein sehr persönliches Schreiben zur Überreichung der Josef-Neuberger-Medaille gesandt hätten. Bei aller Sorge habe ihr das Hoffnung gemacht. »Der 7. Oktober und das, was seither in Deutschland geschehen ist und geschieht, das macht mir keine.« In Neukölln sei das Massaker mit Süßigkeiten gefeiert worden, und die Meldestelle RIAS habe im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen insgesamt 1102 antisemitische Vorfälle gezählt: »So viele wie nie zuvor.«
Zur Regierungsbildung in Berlin wollte sich Neubaur nicht ausführlich äußern
Zur Regierungsbildung in Berlin, wo Linke, Grüne und SPD eine gemeinsame Regierung bilden wollen, wollte sich Neubaur nicht ausführlich äußern: »Nur so viel: NRW ist nicht Berlin, und das soll auch so bleiben.« Die größte Gefahr gehe allerdings von Rechtsextremen aus. Auch in Nordrhein-Westfalen wachse der Zuspruch für die AfD. »Und ich verstehe, dass die Angst in dieser jüdischen Gemeinde aktuell dramatisch wächst.«
Für sie sei klar, dass eine Partei, für die die Würde des Menschen verhandelbar sei, keine Macht erhalten dürfe. Neubaur sprach sich dafür aus, dass Bund und Länder gemeinsam prüfen, ob die Voraussetzungen für ein Verbot der AfD vorlägen.
Sie wünsche sich ein NRW, in dem Synagogen lebensbejahende Orte des Glaubens und der Gemeinschaft seien – und keine Gebäude, die unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen stehen müssten. Dasselbe gelte für Kitas und Schulen: »Ich empfinde es als beschämende Absurdität, einen solchen Satz überhaupt sagen zu müssen.«
Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen. »Ich nehme diese Medaille mit großem Respekt und Dankbarkeit an. Gemeinsam sprechen wir weiter. Immer weiter.«