Seit 1985 steht Charlotte Knobloch an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Gegen viele Widerstände kämpfte sie für eine neue Synagoge mitten in der Stadt. Am 9. November 2006 war es so weit: Die Ohel-Jakob-Synagoge am Jakobsplatz wurde eröffnet. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) blickt die 94-jährige Holocaust-Überlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland auf ihr Herzensprojekt und spricht über ihre aktuellen Sorgen.
Sie haben jahrzehntelang für die Ohel-Jakob-Synagoge und das neue jüdische Zentrum im Herzen Münchens gekämpft. Es muss für Sie bestimmt ein überwältigendes Gefühl gewesen sein, als die neue Hauptsynagoge vor 20 Jahren endlich eröffnet wurde, oder?
Bei der Eröffnung sind mir die Tränen heruntergelaufen, weil ich kaum glauben konnte, dass dieser Traum tatsächlich wahr wurde. Bundespräsident Horst Köhler war zum Festakt gekommen, Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und viele weitere politische Würdenträger. In den Tagen nach der Eröffnung standen die Menschen Schlange, um die Synagoge zu besichtigen. Das überwältigende Interesse der Menschen hat mein Vertrauen in die Zukunft und die Gesellschaft enorm gestärkt. Für dieses Projekt habe ich wirklich jahrzehntelang gekämpft, was keineswegs einfach war.
Wo lagen die Schwierigkeiten?
1985 wurde ich Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Wenige Jahre später fiel der Eiserne Vorhang. Im Zuge dessen kamen viele jüdische Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu uns. Die damalige Hauptsynagoge in der Reichenbachstraße wurde für die wachsende jüdische Gemeinde bald zu klein. Da wurde mir klar, dass wir eine neue Synagoge brauchen. Und zwar nicht irgendwo am Stadtrand, sondern mittendrin. Mit dieser Idee bin ich zum Stadtrat gegangen, wo man zwar genickt, aber auch gleich wieder abgewiegelt hat. Die Kultusgemeinde hatte ja weder Geld noch ein Grundstück für ein solches Bauvorhaben. Der Durchbruch gelang erst, als der damalige Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) das Thema zur Chefsache machte und der Freistaat Bayern gemeinsam mit der Stadt die Finanzierung sicherte.
Wie sah denn das Judentum in München vor 2006 aus? Sie haben oft von einer »Hinterhofatmosphäre« gesprochen.
Die Reichenbachsynagoge liegt in einem Hinterhof und wurde nach 1945 von den Überlebenden - oft jungen Menschen, die im Versteck überlebt hatten - mit eigenen Händen wiederaufgebaut. Das war eine Riesenleistung. Von der alten Synagoge standen nur die Außenmauern, das Innere war von den Nationalsozialisten zerstört worden. Hilfe erhielten wir von der US-Besatzungsmacht. Die Reichenbachsynagoge war über viele Jahre die einzige Synagoge in München und ein essenzieller Zufluchtsort. Umso mehr freut es mich, dass sie saniert und im vergangenen Jahr wiedereröffnet wurde. Das neue jüdische Zentrum am Jakobsplatz und die sanierte Reichenbachsynagoge zeigen, wie präsent das Judentum in München ist.
Sie haben bei der Eröffnung der neuen Hauptsynagoge »Ohel Jakob« gesagt, dass Sie Ihre seit dem Holocaust gepackten Koffer nach 60 Jahren endlich ausgepackt haben. Was war das für ein Gefühl? Und denken Sie angesichts des wachsenden Antisemitismus wieder darüber nach, die Koffer zu packen?
Vor der Eröffnung gab es über all die Jahrzehnte hinweg keine spürbare Gewissheit, dass jüdisches Leben in Deutschland eine dauerhafte Zukunft hat. Das Auspacken der Koffer war daher ein tiefgreifender Moment der Erleichterung. Und nein, ich denke trotz des steigenden Judenhasses ganz im Gegenteil nicht daran, die Koffer
wieder zu packen. Ich weiß aber, dass viele jüdische Menschen genau das wieder tun. Das macht mich zutiefst traurig.
Der wachsende Antisemitismus treibt Sie seit Jahrzehnten um. Auch die Grundsteinlegung des jüdischen Zentrums 2003 wurde von einem vereitelten Bombenanschlag durch Rechtsextreme überschattet.
Ich wurde damals ins Polizeipräsidium gebeten, dort hat man mich über die Anschlagspläne informiert. Jemand hatte wohl zufällig von den Anschlagsplänen erfahren und der Polizei einen Hinweis gegeben. Der Festakt zur Grundsteinlegung war sehr prominent besetzt. Unter anderem war der damalige Bundespräsident Johannes Rau mit dabei. In dem Moment bin ich in Tränen ausgebrochen. Das Ganze hätte in einer Katastrophe mit vielen Toten enden können. Und alles nur,
weil jüdische Menschen in München wieder eine Heimat bekommen sollten.
In den vergangenen 20 Jahren hat der Judenhass wieder zugenommen: 2012 kam die sogenannte Beschneidungsdebatte auf, die AfD wurde gegründet und gewann immer mehr Wählerstimmen, am 7. Oktober 2023 dann das Hamas-Massaker in Israel. Wie hoffnungsfroh sind Sie noch?
Die Lage für jüdische Menschen hat sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verschlechtert. Der Judenhass hat sich immer weiter in der Gesellschaft ausgebreitet. Was ich in meiner Jugend unter den Nationalsozialisten erlebt habe, droht sich heute schrittweise zu wiederholen, wenn die Gesellschaft nicht aufwacht. Wenn sich nichts ändert, sehe ich die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland in ernsthafter Gefahr. Hoffnung kann es erst wieder geben, wenn diesen antisemitischen Tendenzen Einhalt geboten wird und wieder Ruhe für die Menschen einkehrt. Ich selbst gebe die Hoffnung nicht auf. Aber sie zu behalten, ist schwer.
Sie finden, die Geschichte wiederholt sich gerade?
Natürlich, und zwar auf beängstigende Weise. Die Rhetorik und das Auftreten der AfD wecken in mir genau die Erinnerungen an jene düstere Zeit, die ich selbst durchleben musste. Die Parallelen zu den 1930er Jahren im Umgang mit der Demokratie und mit den jüdischen Themen sind für mich vollkommen klar und
unübersehbar. Es muss alles gegen die AfD unternommen werden.
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist die Linke als Wahlsiegerin hervorgegangen. In ihren eigenen Reihen und unter ihren Anhängern finden sich israelkritische bis israelfeindliche Stimmen sowie Personen, die Sympathien für die Hamas erkennen lassen. Wie entsetzt sind Sie über ein solches Wahlergebnis?
In diesem Zusammenhang sage ich immer: Am Ende ist der Wähler dafür verantwortlich. Mich treibt die große Sorge um, wie man die Menschen in Zukunft wieder dazu bringen kann, konsequent demokratisch zu wählen. Wenn die demokratischen Grundwerte wackeln und radikale Strömungen an Einfluss gewinnen, wächst auch die Gefahr für Minderheiten. Man muss diesen gefährlichen Entwicklungen frühzeitig und entschlossen entgegentreten.
Sie haben das neue jüdische Zentrum oft als ein Herzensanliegen bezeichnet. Kann man es auch als Ihr Lebenswerk bezeichnen?
Es ist ein wunderbares Gefühl, dass jüdische Menschen wieder eine feste Heimat mitten in München gefunden haben. Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, dass man ein Gotteshaus hat, wo sich Menschen treffen und wohlfühlen können. Insofern würde ich das neue jüdische Zentrum tatsächlich als mein persönliches Lebenswerk
bezeichnen. Es soll, und es wird, aber über meine Zeit hinaus wirken!