Frau Jaffe, Sie sind Soziologin, haben einen Master in »Public und Nonprofit Studien« und arbeiten viel im humanitären und gemeinnützigen Bereich. Nun sind Sie die neue Geschäftsführerin von Hillel, der nach eigenen Angaben weltweit größten jüdischen Studierendenorganisation. Wie sah Ihr Start aus?
Es gibt viel zu tun und viel zu lernen. Ich bin seit 2016 bei Hillel aktiv, zunächst ehrenamtlich, weshalb mir vieles nicht neu war. Aber es ist schon ein Unterschied, jetzt als Geschäftsführerin zu agieren, das Team auf einer ganz anderen Ebene kennenzulernen und zu verstehen, was seine Bedürfnisse, Wünsche und Visionen sind.
Welche Art von Visionen?
Rebecca Blady und Jeremy Borovitz, die Gründer von Hillel Deutschland, hatten natürlich sehr viele Visionen. Sie wollten und wollen immer noch einen Raum für junge jüdische Menschen in Deutschland schaffen. Wir sind offen für Jüdinnen und Juden aller Denominationen – egal, ob liberal, orthodox oder säkular, jeder ist bei uns willkommen. Außerdem geben wir uns große Mühe, den Einstieg in die Welt der jüdischen Kultur und Tradition auch Anfängern so einfach wie möglich zu machen. Das finde ich sehr inspirierend, und das ist auch einer der Gründe, warum ich ins Board gekommen bin. Wichtig ist uns, bei der Bildung einer jungen jüdischen Generation mitzuwirken, die sich selbstbewusst für ein plurales Judentum in diesem Land engagiert.
Wie groß sind die Fußspuren von Rebecca und Jeremy?
Sie haben Großartiges geleistet. Die Organisation ist nur deshalb so groß geworden, weil sie unglaublich viel Mühe, Energie und Liebe investiert haben. Ich stehe ebenfalls hinter ihrer Vision einer Gemeinschaft, in der sich Menschen willkommen und zugehörig fühlen. Gleichzeitig möchte ich Kontinuität schaffen, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Gefühl haben, dass Hillel nicht neu erfunden wird. Ich möchte aber einige Themen und Schwerpunkte weiter intensivieren, zum Beispiel Demokratiebildung. Gerade in der heutigen Zeit halte ich es für wichtiger denn je, die Verbindung zwischen Demokratie, demokratischen Werten und jüdischen Werten stärker hervorzuheben.
Gibt es in diesen herausfordernden Zeiten ein stärkeres Bedürfnis nach Zugehörigkeit?
Ja. Wir müssen mehr zusammenhalten und stärker mit anderen Organisationen zusammenarbeiten. Ich blicke zwar optimistisch in die Zukunft, weiß aber auch, dass es nicht leicht sein wird. Die jungen Leute haben schon viel Schlimmes erlebt. Ich denke da an Antisemitismus und natürlich an den 7. Oktober 2023. Wir möchten einen Ort bieten, an dem junge Menschen ein Zuhause und einen Platz finden, an dem sie sich wohlfühlen und ihre jüdische Identität weiterentwickeln können.
Etliche jüdische Gemeinden klagen, dass ihnen genau diese jungen Leute fehlen. Hillel ist für Menschen zwischen 18 und 35 Jahren da und wächst immer weiter. Was macht Hillel anders als die herkömmlichen Gemeinden?
Wir hören den jungen Leuten sehr gut zu. Ich denke, es funktioniert nicht immer so gut, wenn alles von oben nach unten organisiert wird. Aber junge Menschen brauchen heute etwas anderes, denn sie stehen vor anderen Herausforderungen. Wir schaffen außerdem inklusive Räume. Das ist heute wichtig. Man fühlt sich nicht nur als jüdischer Mensch, sondern auch als Teil einer größeren Gesellschaft und nicht ausschließlich einer Synagogengemeinde. Man muss liberale, progressive und orthodoxe Werte mit dem Judentum verbinden können. Genau das machen wir. Selbstverständlich sind wir für queere und auch patrilineare Jüdinnen und Juden sowie für Jüdinnen und Juden aller Herkunft da. Das macht einen Unterschied. Die Menschen fühlen sich bei uns willkommen.
Was geschieht, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer älter als 35 sind?
Das ist die große Frage. Wir schicken die Leute nicht sofort weg. Einige sagen uns schon jetzt, dass sie Angst vor der Zeit haben, in der sie nicht mehr offiziell zur Zielgruppe gehören. Ich denke, wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir diese Menschen mit anderen Strukturen verbinden können. Welche Alumni-Strukturen könnte es geben? Wie können wir das nachhaltig gestalten? Während des Studiums oder der Ausbildung kommt man zu Hillel. Und was kommt danach?
Neben Berlin ist Hillel auch in Leipzig sehr aktiv. Wie kommt das?
Unsere Zielgruppe geht natürlich über Berlin hinaus, und es ist uns sehr wichtig, mit Gemeinden zusammenzuarbeiten. Alle Vorstände wünschen sich, dass die jungen Menschen in den Gemeinden bleiben. Mit einigen Gemeinden konnten wir bereits Kooperationen aufbauen. Leipzig ist unser bislang am weitesten entwickelter Standort außerhalb Berlins. Wir hatten dort bereits eine Mitarbeiterin. Außerdem stellt uns die dortige Gemeinde einen Raum zur Verfügung, in dem wir innerhalb der Gemeindestrukturen unsere Programme anbieten können. Für mich ist das ein Idealfall. So können wir zeigen, dass wir für die Gemeinden vor Ort einen Mehrwert bieten und unser Wissen und unsere Herangehensweise einbringen. Auf diese Weise können wir zu einer pluralistischen jüdischen Gemeinschaft und zu stärkeren Gemeinden vor Ort beitragen.
Insgesamt ist Hillel in sechs Städten vor Ort. Welche sind neben Berlin und Leipzig die vier weiteren Standorte?
Unsere weiteren Standorte sind München, die Region Bremen, Frankfurt und Stuttgart. Vor zehn Jahren begann alles in Berlin, als Rebecca und Jeremy in ihrem Wohnzimmer die ersten Treffen anboten. Mittlerweile haben wir unsere eigenen Räume in Kreuzberg, bringen uns dort in den Kiez ein und fühlen uns sehr wohl.
Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Treffen mit Hillel?
Ja. Ich war damals auch Vorstandsmitglied beim Verein Studentim und wurde von Hillel zu einer Veranstaltung eingeladen. Bevor sie begann, traf ich mich mit Rebecca. Das war eine wichtige Begegnung. Sie erzählte mir, dass sie eine Gemeinschaft aufbauen möchte, in der die Wünsche und Bedürfnisse aller gehört werden. Das gefiel mir. Danach nahm ich an einer Hawdala an der Spree teil. Es war damals schon ungewöhnlich, jüdisches Leben so sichtbar in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber es war sehr schön. Für mich war das ein Aha-Moment: Man muss sich nicht verstecken. Wir können jüdisches Leben selbstverständlich in der Öffentlichkeit zeigen. Heute ist die Situation leider wieder eine andere.
Wie sorgen Sie dafür, dass solche Veranstaltungen sicher stattfinden können?
Das nehmen wir natürlich sehr ernst. Wir arbeiten mit einer Sicherheitsfirma zusammen und stehen selbstverständlich auch in engem Kontakt mit der Polizei vor Ort.
Kommen wir zu Ihrer eigenen Biografie. Sie stammen aus Kalifornien.
Ja, aber meine Familie nicht. Meine Urgroßmutter wurde im heutigen Litauen geboren, im Memelgebiet, wo damals Deutsch gesprochen wurde. Sie wanderte Ende der 1920er-Jahre nach Südafrika aus. Meine Oma war erst sechs Monate alt. Meine Mutter wurde in Südafrika geboren und ging in die USA. Dort bin ich geboren.
Welche Rolle haben jüdische Organisationen dabei gespielt, dass Sie in Deutschland geblieben sind?
Ich bin vor 13 Jahren aus den USA hierhergekommen. Und es waren vor allem jüdische Organisationen, durch die ich nach meiner Ankunft in Deutschland Fuß fassen konnte. Deshalb möchte ich ähnliche Räume für die nächste Generation schaffen, die nach Deutschland kommt, oder für diejenigen, die hier aufgewachsen sind und ihren jüdischen Kreis erweitern möchten.
Mit der Geschäftsführerin von »Hillel Deutschland« sprach Christine Schmitt.