Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

»Seit ich in Rente bin, arbeite ich ehrenamtlich – auch auf dem Friedhof«: Jorge Steffen (71) aus Berlin Foto: xpress.berlin

Ich stamme aus einer Intellektuellenfamilie, aus der zahlreiche Politiker hervorgingen. Meine Mutter hat als Lehrerin gearbeitet. Sie hat sich im Zuge der Emanzipation bewusst dafür entschieden, arbeiten zu gehen, was von der sozialen Situation her nicht nötig gewesen wäre. Als Kind hieß ich Jorge Zúñiga Sánchez. Inzwischen trage ich den Nachnamen meines Lebensgefährten, mit dem ich schon fast ein halbes Jahrhundert liiert bin.

Ich stamme aus Costa Rica. Das Land wurde, nachdem die Juden ab 1492 aus Spanien vertrieben oder zwangsgetauft worden waren, zum großen Teil von Sefarden besiedelt. Deren Einfluss ist bis heute auf vielen Gebieten des Alltags spürbar, auch wenn die meisten offiziell der katholischen Kirche angehören. So trug die Staatsflagge nach der Unabhängigkeit von Spanien ab 1823 einen sechszackigen roten Stern auf weißem Grund. Und bis heute sind im spanischen Sprachgebrauch des Landes zahlreiche Ladino-Worte fester Bestandteil der alltäglichen Kommunikation. Ladino nennt man die Sprache der sefardischen Juden.

Man sprach nicht über die sefardische Abstammung, nicht einmal allgemein über Judentum

Wie ich heute weiß, gehört meine Familie zu der Gruppe der Anusim, hebräisch für »die Gezwungenen«, die vor 500 Jahren unter Androhung von Gewalt oder Vertreibung ihre Religion aufgeben und zum Christentum konvertieren mussten. Auf Spanisch heißt diese Gruppe Marrano. Das war in meiner Familie allerdings nie ein Thema. Man sprach nicht über die sefardische Abstammung, nicht einmal allgemein über das Judentum.

Allerdings existierten noch immer einige jüdische Traditionen, was mir aber erst später auffiel. Meine Mutter zum Beispiel achtete, obgleich offiziell römisch-katholisch, in der Küche auf die strikte Trennung von milchigen und fleischigen Speisen. Kurz vor ihrem Tod habe ich sie in Costa Rica besucht. Da hielt sie meine Hände und sagte, sie wolle in einer einfachen Holzkiste, nur in ein weißes Tuch gewickelt, begraben werden. Nach wie vor gibt es viele Familienmitglieder, die hebräische Namen haben. Ich zum Beispiel heiße Jorge Uriel Chaim.

In Costa Rica habe ich mein erstes Studium in amerikanischer Literaturgeschichte mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Danach kam ich nach Wien, da ich von der österreichischen Regierung ein Stipendium bekommen hatte. Schon in Costa Rica hatte ich Deutsch gelernt. Natürlich sprach ich diese Sprache damals noch nicht so gut wie heute, aber es genügte, um in Wien die Vorlesungen verfolgen zu können. An der dortigen Uni habe ich begonnen, Übersetzungs- und Dolmetscherwissenschaften zu studieren.

Nach dem Magister Artium habe ich mit einer Dissertation über »perspektiverzeugende Medien« promoviert

Eigentlich hatte ich davon geträumt, Germanistik zu studieren. Deshalb ging ich nach meinem Studienabschluss nach Berlin und konnte an der Technischen Universität mit den Fächern Germanistik und Anglistik diesen Traum verwirklichen. Nach dem Magister Artium habe ich dann mit einer Dissertation über »perspektiverzeugende Medien« promoviert. Die Arbeit nimmt inzwischen einen prominenten Platz in der akademischen Welt ein.

Nach dem Studium gab es die Möglichkeit, in die Lehre oder in die Forschung zu gehen. Ich habe mich für Letzteres entschieden und in verschiedenen Bereichen geforscht. Mein literarisches Fachgebiet ist die Lyrik. Da habe ich ein Modell entwickelt, das heutzutage viel benutzt wird. Damit lassen sich Gedichte interpretieren. Es setzt sich insbesondere mit der vielfach vorkommenden Verwechslung des lyrischen Ichs mit dem persönlichen Ich des Autors auseinander.

Vom Ende des 19. und bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts gab es die Tendenz, anzunehmen, das Ich in den Gedichten müsse autobiografische Züge haben. Als ob es sich nicht um eine Kunstfigur im Text handle, sondern um den Autor selbst. Für mein Modell, das eine deutliche Trennung vornimmt, habe ich eine Terminologie entwickelt, die klar unterscheidet zwischen der Biografie und dem, was Kunst ist im Sinne einer poetischen Sprache.

Meine sefardische Familie gehörte zu den Anusim, hebräisch für »die Gezwungenen«.

Aus einer kulturell gebildeten Familie stammend, bekam ich ab dem neunten Lebensjahr Klavierstunden. Ich ging auch zum Ballettunterricht und habe das weitergemacht, bis ich Ende 20 war. Da lebte ich bereits in Berlin und bekam Unterricht an der Ballettschule der Deutschen Oper. Wenn für die Ballettaufführungen ausgebildete Tänzer für kleinere Rollen gebraucht wurden, stand ich gelegentlich auf der Bühne.

So war ich 1980 bei der legendären Bolero-Aufführung des bekannten Choreografen Maurice Béjart mit der damaligen Solo-Tänzerin Heidrun Schwarz dabei. Mein Vorteil war, dass ich spanisch aussah. Das Ballett war in jenen Jahren ein schöner Ausgleich zur intellektuellen Beschäftigung mit Literatur.

Viele Jahre später habe ich für ein Projekt der EU gearbeitet

Viele Jahre später habe ich für ein Projekt der EU gearbeitet. Dabei habe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen – vom Anwalt bis zum Maurer – darauf vorbereitet, im europäischen Ausland zu arbeiten. In meinem Fall ging es natürlich überwiegend um Spanien. Ich habe aber nicht nur die Sprachvorbereitungen gemacht, sondern auch vermittelt, wie sich der dortige Alltag gestaltet, habe auf die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Spanien hingewiesen und bei spanischen Referenten gedolmetscht.

Seit ich in Rente bin, beschäftige ich mich ehrenamtlich mit sehr verschiedenen Dingen. So unterrichte ich im jüdischen Gemeindehaus Jüdinnen und Juden aus Osteuropa in der deutschen Sprache. Dann reise ich immer wieder gemeinsam mit meinem Lebensgefährten auch in die umgekehrte Richtung, um in Budapest und in Breslau auf jüdischen Friedhöfen zu arbeiten.

Das ist ein Projekt, das von einer guten Freundin von uns, einer pensionierten Ärztin, ins Leben gerufen wurde und inzwischen von der »Aktion Sühnezeichen« organisiert wird. Auf diesen Friedhöfen stellen wir umgekippte Grabsteine wieder auf, befreien Gräber vom Efeu, beschneiden zugewachsene Wege und haben in Budapest bei verwitterten Grabsteinen mit schwarzer Tinte die Inschriften nachgezogen. Der ungarische Regisseur György Dobray hat eine Dokumentation mit dem Titel Stones gedreht, in der es auch um unsere Arbeit auf dem Budapester Friedhof geht. Vor sechs Jahren wurde dieser Film mit dem Golden Earth Film Award ausgezeichnet.

Vor einigen Jahren hat Spanien ein Programm ins Leben gerufen, über das man die spanische Staatsangehörigkeit bekommen kann, wenn man nachweist, dass man Sefarde ist. Darüber gab es auch einen Dokumentarfilm, und weil vieles dafür sprach, dass auch meine Familie eine solche sefardische Herkunft hat, habe ich mich intensiver damit befasst. Auch mit dem Judentum selbst.

Mein Status in Bezug auf die sefardische Herkunft ist nicht geklärt

Um aber die jüdische Abstammung aus Spanien hieb- und stichfest nachzuweisen, muss man eine Menge Dokumente vorlegen, und die müssen sowohl in Spanien als auch in Israel offiziell bestätigt werden. Das ist ein langwieriger Prozess und sehr kostspielig. Um den Status zu klären, hätte ich Genealogen beauftragen und Anwälte bezahlen müssen, was ich nicht getan habe. So ist mein Status in Bezug auf die sefardische Herkunft nicht geklärt.

Aus diesem Grund habe ich mich hier in Berlin dazu entschieden, meinen jüdischen Status zu formalisieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon regelmäßig verschiedene Synagogen zum Kabbalat Schabbat, zum Schacharit und natürlich zu den Feiertagen besucht – auch in Costa Rica. Was mich am Judentum, abgesehen vom Vertrauen auf Haschem, angesprochen hat, ist die Heterogenität der verschiedenen Formen des Seins innerhalb des Volkes Israel, die mir als einem Kosmopoliten sehr entgegenkommt.

Schließlich ging ich regelmäßig in Berlin in die Synagoge in der Pestalozzistraße, wo ich inzwischen mein Zuhause gefunden habe. Anfangs aber fühlte ich mich von der Gemeinschaft dort ausgeschlossen, denn ich durfte ja zum Beispiel keinen Tallit tragen. Also habe ich Rabbiner Jonah Sievers um ein Gespräch gebeten und ihm mitgeteilt, dass ich gern meinen Status durch einen Giur klären möchte, was er mir auch ermöglicht hat. Zu diesem Schritt hatten mir ohnehin verschiedene Rabbiner geraten, mit denen ich in der Vergangenheit gesprochen hatte. Von meinem Gefühl her aber war das kein »Übertritt« zum Judentum – sondern eine Heimkehr.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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