Sukkot

Fast zu Hause

So nah, so fern. Meine Großmutter lebt Tausende Kilometer von uns entfernt, in meiner Heimatstadt Charkiw. Sie wollte im Herbst 2022 nicht mit uns nach Deutschland fliehen. Damals hatten die ukrainischen Streitkräfte die Russen aus der Stadt verdrängt, und der Großraum Charkiws war erstmals seit Februar außerhalb der Reichweite der russischen Artillerie.

Meine Oma fühlte sich zu alt, um ein neues Leben in einer fremden Umgebung zu beginnen, sagte sie damals. Mittlerweile ist sie 82 Jahre alt, und ich mache mir große Sorgen um sie. Wie wird sie den kommenden Winter überstehen? Kann Charkiw die russischen Bomben und Drohnen abwehren? Ist sie dort noch sicher? Täglich telefonieren wir. Auch viele Freunde und Bekannte sind in Charkiw geblieben. Ich denke oft an sie.

Wir ließen unser altes Leben zurück

Einen einzigen Koffer konnte ich für meine Kinder und mich im Oktober 2022 packen, dann eilten wir zum Bus, der uns aus der Ukraine herausbrachte. Endlich konnten wir die umkämpfte Stadt verlassen. Wir ließen unser altes Leben zurück. Meine Kinder waren dort zur Schule gegangen, mein Sohn tanzte, seit er vier Jahre alt war, im Pionierpalast Rock ’n’ Roll und wollte später an der Hochschule für Körperkultur und Sport studieren, um Tanz zu unterrichten. Dieser Wunsch ließ sich nicht mehr verwirklichen. Auch ich habe dort viel in meiner Kindheit und Jugend getanzt. In der Ukraine habe ich außerdem als Manikeurin gearbeitet und zahlreiche Kurse absolviert.

Einen einzigen Koffer konnte ich für uns drei packen, dann eilten wir zum Bus.

Mein heutiger Ex-Ehemann war schon in Rottweil, wir konnten zu ihm ziehen und fühlten uns nun sicher. Es drohten weder Alarm noch Angriffe. Einige Geflüchtete wohnten nach dem Kriegsausbruch erst einmal in der Synagoge der jüdischen Gemeinde in Rottweil, manche monatelang. Mich erinnert das – gerade auch jetzt zu Sukkot – manchmal an die Laubhütten, in denen unsere Vorfahren ausharren mussten. Die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwennigen hat sich sehr engagiert und den Geflüchteten geholfen; viele Mitglieder dolmetschten. Mittlerweile haben alle Ukrainer eine Wohnung gefunden.

Dennoch war der Anfang schwierig. Es dauerte, bis ich mich hier eingelebt hatte. Ich musste Deutsch lernen, bürokratische Formalitäten klären, und natürlich hatte ich Sehnsucht nach meinem Zuhause in Charkiw. Dann fiel ich auch noch bei der ersten Deutschprüfung durch, was in meinen Augen ein großer Misserfolg war. Beim zweiten Mal lief alles super.

Ich komme aus einer Millionenmetropole und lebe plötzlich in einer kleinen Stadt

Ich komme aus einer Millionenmetropole und lebe plötzlich in einer kleinen Stadt. Ich dachte, dass es für mich keine Zukunftsperspektive geben würde, doch ich irrte mich. Rottweil ist eine kleine, gemütliche Stadt. Sie schenkte mir ein neues Leben, neue Bekanntschaften und Freunde. Etwa sechs Monate nach meiner Ankunft in Rottweil konnte ich mich als Einzelunternehmerin registrieren lassen. Mit meinen Kindern lebe ich in einer Wohnung, und in einem Zimmer habe ich mein Nagelstudio eingerichtet. Ich habe Kunden aus der Ukraine, Russland und Kasachstan. Und natürlich einige aus Rottweil.

Ich habe zwei Jobs, um über die Runden zu kommen.

Worauf ich stolz bin: Bei einer Europameisterschaft, die in Kitzingen stattfand, gewann ich den ersten Platz mit meinem Design. Dennoch reicht mein Einkommen nicht, um uns drei zu finanzieren. Deshalb habe ich einen weiteren Job angenommen und arbeite bei einem ambulanten Pflegedienst. Ich helfe älteren Menschen im Alltag, unterstütze sie beim Anziehen, achte darauf, dass sie ihre Medikamente einnehmen, kaufe für sie ein und gehe mit ihnen spazieren. Diese Tätigkeit gefällt mir sehr, auch wenn sie manchmal sehr anstrengend ist. Jeden Vormittag bin ich im Einsatz.

Ich bin zudem glücklich, nun den Führerschein bestanden zu haben und ein kleines Auto zu besitzen. Mit meinem Sohn, der mittlerweile eine Ausbildung zum Tanzlehrer absolviert, teile ich die Leidenschaft für Musik und Schritte. Dank ihm lerne ich noch einmal Rock ’n’ Roll, Walzer, Rumba, Salsa und Tango – was mir viel Freude bereitet. Früher war es nur ein Hobby für meinen Sohn. Aber mittlerweile hat er verstanden, dass er ohne Training und Wettbewerbe einfach nicht leben kann. Von dort kommt er oft mit Pokalen nach Hause.

Meine Tochter hat sich ebenfalls sehr gut eingelebt

Meine Tochter hat sich ebenfalls sehr gut eingelebt. Sie hat rasch Deutsch gelernt, besucht eine Realschule, war im Sommer mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) in Italien und liebt die Kreativität. Sie malt ein Bild nach dem anderen. Allerdings sagt sie öfter, dass sie die Ukraine und ihre Lieblingsstadt vermisst.

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Ein Ankerplatz ist für uns auch die Synagoge. Am Schabbat besuchen wir den Gottesdienst. Mein Sohn gibt in der Gemeinde Tanzunterricht, und ich helfe, wann immer ich Zeit habe und es etwas für mich zu tun gibt. Meine Tochter ist beim Malunterricht dabei.

Ich erinnere mich gerade jetzt an die Laubhütten, in denen unsere Vorfahren ausharren mussten.

Meine Mutter und mein Ex-Mann wohnen direkt nebenan in ihren jeweiligen Wohnungen, ein Haus weiter. Somit lebt fast die ganze Familie in der Nachbarschaft. Meine Tochter und ich würden gern wieder in die Ukraine reisen, natürlich, um meine Oma und alte Bekannte wiederzusehen, aber auch, um Charkiw wiederzuentdecken. Allerdings habe ich auch Angst davor. In den vergangenen vier Jahren hat sich dort viel verändert. Unzählige Menschen sind im Krieg getötet worden, viele leiden unter Depressionen, Kraftlosigkeit und der ständigen Bedrohung. Es ist eine schreckliche Situation, und ich wünsche mir für das neue Jahr, dass der Krieg endet und die Ukraine endlich wieder frei wird. Allerdings kann ich mir derzeit nicht vorstellen, wieder dort zu leben.

Bald beginnt Sukkot. Das Fest erinnert an die Wanderung durch die Wüste aus Ägypten und an die Laubhütten, in denen wir Schutz fanden. Kämen heute Geflüchtete zu uns, würde ich ihnen natürlich helfen. So wie mir geholfen wurde.

Wie gern würde ich meine Oma davon überzeugen, doch zu uns nach Rottweil zu ziehen. Dann wären wir wieder nah beieinander und ich noch etwas mehr zu Hause.

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