In Zeitlupe bewegt sich die Gruppe vorwärts. Die sieben Frauen und Männer in der altertümlich anmutenden Kleidung fallen auf, hier, mitten in der Altstadt von Köln. Slowacting auf groben Pflastersteinen, einem freigelegten Teil einer Straße aus der Römerzeit. Passanten schauen neugierig, teils irritiert. Die kleine Schauspieltruppe nähert sich eindringlich langsam und mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik den zuschauenden, zuhörenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser besonderen Stadtführung. Kein Wort wird gesprochen.
Die textliche Information gelangt über Kopfhörer zu jeder und jedem Einzelnen. Das künstlerische Team hat sich dabei auf jüdische Quellen wie die Schriften des Chronisten Salomo bar Simeon gestützt, die über Jahrhunderte hinweg auch persönliche Einblicke in das Leben von Kölner Jüdinnen und Juden geben. Im Fokus an dieser Station: Dekrete, Plünderungen und Pogrome, die schließlich Mitte des 15. Jahrhunderts zum Ende des jüdischen Viertels von Köln führen sollten.
Über ein Jahr lang hat das künstlerische Team des Jungen Theaters Köln historische Quellen gesichtet
Das »Junge Theater Köln« hat unter der künstlerischen Leitung der Regisseurin Svetlana Fourer diesen immersiven Audiowalk gestaltet. Immersiv bedeutet übersetzt »eintauchen« und bezeichnet eine kreative Form, um Geschichte erlebbar zu machen – mit verschiedenen Sinnen erfahrbar, unterstützt von Animation und Augmented Reality (AR), digitaler erweiterter Realität.
Gesang mit Gitarrenbegleitung ertönt. »Wie können wir einen Fuß vor den anderen setzen? Wie können wir unsere Herzen miteinander vernetzen?«, fragt Matthias Bernhold, verantwortlich für Komposition und Musik, in seinem Lied, das er für diese Stelle, für diesen Bruch in der jüdischen Geschichte Kölns geschrieben hat. Der Refrain des Liedes könnte Trost spenden: »Wir haben uns ein Haus gebaut unter den Platanen.«
Nach der endgültigen Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus der Stadt 1424 wird es fast 400 Jahre lang kein jüdisches Leben mehr in Köln geben. Dessen Anfänge lagen im Jahr 321. Damals gab es den ersten Hinweis auf jüdisches Leben in Köln, und mit diesem Jahr beginnt der Audiowalk für die rund 30 Teilnehmenden. Startpunkt ist an der Baustelle des »MiQua«, dem geplanten LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln. Hinter dem großflächigen Bauzaun entsteht ein Ausstellungszentrum, wo derzeit archäologische Funde freigelegt werden. Noch sind sie nicht zu besichtigen, doch der immersive Walk macht sie sichtbar. Dafür sorgt die AR.
Fotos und Videoaufnahmen der Ausgrabungen erscheinen auf den Bildschirmen
Am ersten Stopp des Rundgangs, dem einstigen Eingang zur Mikwe, werden die Teilnehmenden gebeten, sich um die Tablets der Assistenzen zu stellen, um besser zu sehen. Fotos und Videoaufnahmen der Ausgrabungen erscheinen auf den Bildschirmen. Ergänzt durch grafische Illustrationen erläutern sie das rituelle Tauchbad und seine Bedeutung sowie die historischen Fakten des Ortes.
Über ein Jahr lang hat das künstlerische Team des Jungen Theaters Köln historische Quellen gesichtet und Gespräche mit Historikerinnen und Historikern geführt. So entstand diese Geschichtserzählung auf andere Art und Weise.
Zum Beispiel sind Alltagsszenen und persönliche Geschichten – dargestellt vom Ensemble des Jungen Theaters Kölns – in den Rundgang eingebaut. Verortet mit historischen Informationen geben sie Einblick in das Leben in der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen. Und auch in das Nebeneinander der Religionen, das im Alltag auch ein Miteinander hätte sein können, wenn nicht immer wieder Verbote, Gesetze und Verfolgungen den Kölner Jüdinnen und Juden das Leben massiv erschwerten.
Nach einigen Stopps an ausgewählten Orten macht die Gruppe eine Filmpause im MiQua-Forum am Alten Markt. Hier wird in einem illustrierten Einspieler die damalige Gestaltung des jüdischen Viertels zur Zeit seiner größten Ausdehnung verdeutlicht. 1340 lag die Zahl der jüdischen Einwohnerschaft bei zwei Prozent der Gesamtbevölkerung.
Die Anfänge jüdischen Lebens in Köln liegen im Jahr 321.
Dann geht es weiter auf dem Rundgang. Mit dabei in der Gruppe der Teilnehmenden ist Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde Köln. Er lobt das Projekt als interessant für jüdische und nichtjüdische Menschen: »Wenn es eine neue Form des Zugangs zu jüdischer Geschichte ist, eine neue Form, das Leben von Juden nahezubringen, finde ich es sehr angebracht, dass man es macht«, hatte er zu Beginn des Rundgangs in neugieriger Erwartung gesagt.
Zwischen den Haltepunkten hört man live eingespielte Musik auf den Kopfhörern. Musiker Matthias Bernhold nutzt dafür ein elektronisches Instrument aus der Technoszene. Mit dieser »Pipe« erzeugt er sphärische Klänge, häufig mit Klezmer-Anklängen. Es wird wenig geredet beim Audiowalk, die Konzentration der Teilnehmer ist gefordert. Die Musik in den Gehpausen hilft, die vielen Informationen sacken zu lassen.
Nicht immer hat die Internetverbindung für die AR-Technik funktioniert während des 90-minütigen Rundgangs, doch im Nachgespräch mit den Teilnehmern wird klar, dass die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler höher honoriert wurde als die digitale Erweiterung. Als besonders eindringlich wurde die Solo-Performance an der Rathaustreppe wahrgenommen.
»Eine wirklich schwierige Leistung sehr gut umgesetzt«, sagt eine Teilnehmerin
Erinnernd an ihren hingerichteten Ehemann Simon, der der gnadenlosen Gerichtsbarkeit zum Opfer fiel, schreitet die Frau die Treppenstufen herunter. Hanna von Siegburg – trauernd, klagend. Um sich weiter um ihre Tochter kümmern zu können, wird sie die Zwangstaufe als Ausweg vor der Verfolgung wählen. Ihre Verzweiflung wird spürbar, als sie versucht, am Rathausturm emporzuklettern, als sie schwankend auf dem Treppengeländer steht. Die gebannt zuschauende Audiowalk-Gruppe teilt sich, als die Schauspielerin sich schließlich ihren Weg bahnt und den Marktplatz überquert, bis sie hinter einem Torbogen verschwindet. Es wirkt, als ob sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart geht.
Im Anschluss an den Rundgang bestand die Möglichkeit zum Austausch mit dem künstlerischen Team. Ihr sei es wichtig gewesen, jüdisches Leben in Köln sichtbar zu machen, »weil es so wenig sichtbar ist«, beschreibt Regisseurin Svetlana Fourer ihre Motivation. Und zwar über Jahrhunderte hinweg – mehrschichtig, mehrdimensional. Stimmen aus dem Publikum heben das Besondere des Projekts hervor. Stadtgeschichte sei erlebbar geworden, man habe sich emotional berührt gefühlt, besonders durch die persönlichen Geschichten. »Eine wirklich schwierige Leistung sehr gut umgesetzt«, sagt eine Teilnehmerin. »Ich hatte einiges im Kopf, jetzt habe ich es im Herzen«, resümiert ein anderer. Auch Kritikpunkte bleiben nicht unerwähnt, hier wurde die Vielzahl an Informationen und Fakten genannt sowie gewisse Schwierigkeiten mit der Technik angeführt.
Wie es weitergeht mit dem jüdischen Leben in Köln, wird der zweite Teil des Historienprojekts zeigen. Reichte der erste Teil von der Römerzeit bis zum Mittelalter, wird im Frühjahr 2027 die Zeitspanne von der Gründerzeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg Premiere haben. Auch ein dritter Teil zur Gegenwart ist in Planung, mit Stimmen von Juden, die jetzt in Deutschland leben.
Die nächsten Termine für »Römerzeit bis Mittelalter« sind am 13. und 14. Oktober, jeweils um 19 Uhr. Anmeldung unter www.junges-theater-koeln.de