Ende der 70er-Jahre tauchte in den Pforzheimer Straßen ein junger Israeli mit schwarzen Locken auf. Er hatte in Tel Aviv gelernt, Diamanten zu schleifen, und war seinem Onkel von der Mittelmeerküste in die Stadt am Fuße des Schwarzwalds gefolgt, um damit Geschäfte zu machen. Mit einem Koffer voller Brillanten und ein wenig Deutsch klopfte er nun an die Türen der großen Pforzheimer Schmuckfabrikanten.
Zum Gebet ging er in die Büroetage eines Neubaus im immer noch vom Krieg gezeichneten Zentrum der Stadt. Dort, hinter der Waschbetonfassade, sangen jeden Schabbat um die 20 Juden im Ritus ihrer misrachischen Großeltern. Auch wenn ihre Vorfahren nie einen Fuß in dieses badische Städtchen gesetzt hatten, führten sie hier eine Tradition fort, die jahrhundertelang währte: den jüdischen Schmuckhandel.
Von den jüdischen Schmuckhändlern sind noch zwei übrig
»Genau hier stand der Schrank mit der Torarolle«, erinnert sich Rami Suliman und weist in eine kahle Ecke. Der ehemalige Gebetsraum ist heute sein Büro. Die dichten schwarzen Locken sind ergraut. Er hat es geschafft: Der junge Diamantenschleifer aus Tel Aviv verkauft von Pforzheim aus Edelsteine in die ganze Welt. Aus einem Safe zieht er ein Säckchen aus Samt, lässt die funkelnden Steinchen in seine große Hand rieseln wie Sand.
»Die sind heute kaum 30 Euro wert«, sagt er. Das Geschäft mit den Diamanten sei lang nicht mehr so lukrativ. Von den jüdischen Familien, die in Pforzheim mit Schmuck und Edelsteinen Geschäfte machen, sind noch zwei übrig. Ganz leise geht hier ein Kapitel zu Ende, das die Stadt seit dem 19. Jahrhundert prägte. Es ist eine Geschichte, an die in Pforzheim erstaunlich wenig erinnert – und die gerade erst von Einzelnen aufgedeckt wird.
Kaum einer weiß, dass der jüdische Schmuckhandel nach dem Krieg zurückkehrte.
Aber von vorn. 1767 förderte ein Markgraf die Ansiedlung einer Schmuck- und Uhrenfabrik in dem noch mittelalterlich verschlafenen Städtchen. Es entstanden kleine Manufakturen, die mit der Industrialisierung expandierten: Bereits im 19. Jahrhundert wurden hier Ringe, Broschen, Ketten und Taschenuhren in Serie produziert. Zeitweise kamen 80 Prozent des deutschen Schmucks aus Pforzheim. Und immer mehr jüdische Händler zog es in die »Goldstadt«.
Grundlagenforschung
»Baden galt als liberal, hier herrschte Religions- und Gewerbefreiheit«, erklärt Christoph Timm. »Juden waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt.« Timm war 32 Jahre lang Denkmalpfleger der Stadt. Und einer der Ersten, der sich mit der jüdischen Geschichte beschäftigte: »Das war quasi Grundlagenforschung.«
Der schlanke Mann stellt sein Fahrrad vor dem Metallgatter des jüdischen Friedhofs ab und kramt fröstelnd in seiner Jackentasche: »Wo habe ich denn meine Kappe? Die sollte man doch an einem solchen Ort aufsetzen.« Dann öffnet er das Tor. Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier die ersten Gräber ausgehoben. Ihre opulenten Steine zeugen vom wirtschaftlichen Aufstieg der Pforzheimer Juden nach der Gleichberechtigung, die Inschriften von ihrer Assimilierung: »Man liest hier kaum noch Hebräisch«, stellt Timm fest.

Zu beinahe jedem Namen kennt er eine Geschichte. Unter einem weißen Bogen ist die Familie Kahn verewigt: Ernst, Anna, Otto – und Julius. »Der war ein bekannter Bankier und lieh den Schmuckhändlern Geld«, weiß Timm. »Ins klassische Handwerk, in die Fabrikation haben es nur wenige Juden geschafft. Dafür haben sie Karriere in den Branchen drum herum gemacht.«
Louis Kuppenheims Accessoires verkauften sich in die ganze Welt
Einer aber, der auch mit eigens hergestellten Stücken erfolgreich wurde, liegt ein paar Meter weiter: »Louis Kuppenheim«, so steht es in goldenen Lettern auf dem Grabstein. 1857 gründete er in Pforzheim eine Manufaktur, die drei seiner Söhne zu einem internationalen Unternehmen ausbauten. Statt klassischem Schmuck setzten die Kuppenheims auf feine Accessoires, die bis nach Südamerika verschifft wurden: silberne Zigarrenetuis, Feuerzeuge im Art-déco-Stil oder Puderdosen mit dem ikonischen »LK«-Stempel.

Hauptsitz des Unternehmens war ein Gründerzeitbau in Pforzheim. Hier arbeiteten zwischenzeitlich 400 Beschäftigte, zwei Söhne des Gründers waren in der Lokalpolitik aktiv, einer bringt als Frauenarzt Tausende Pforzheimer Kinder zur Welt. Wie viele Juden, die sich viel mehr als deutsche Bürger verstanden, zogen auch die Söhne der Kuppenheims im Ersten Weltkrieg ins Feld. Sie konvertierten zum Christentum und heirateten auch nichtjüdische Frauen. Und sie blieben in Pforzheim, auch als die Nazis sie wieder zu Juden erklärten, ihnen die Arbeit verboten, ihre Schmuckfabrik stahlen.
»Man kratzt ein bisschen an der Oberfläche, und schon tun sich Abgründe auf.«
Die Historikerin Sabine Herrle hat sich als Erste intensiv mit dem Schicksal der Familie beschäftigt. Sie spricht von ihnen mit Vornamen: Rudolf und Hugo werden durch die Repressionen in den Selbstmord getrieben, Ernst stirbt im Arbeitslager. Als einziges Kind des Gründers Louis überlebt Greta in Theresienstadt.
»Man kratzt ein bisschen an der Oberfläche, und schon tun sich Abgründe auf.« So beschreibt Herrle ihre Recherche. Sechs Jahre lang hat sie sich durch die Archive gewühlt. In Ludwigsburg, Freiburg und Karlsruhe. Über eine Nachfahrin der Familie in der Schweiz entstehen Kontakte zu Nachfahren in Ecuador und Kanada. Nur in der Schmuckstadt Pforzheim, da findet sie fast gar nichts. Das Stadtarchiv wurde 1945 durch Brandbomben dezimiert. Im Schmuckmuseum verweist nur eine Tafel auf »Kuppenheimer« – Herrle ärgert sich über die falsche Schreibweise. Vor der Villa von Hugo steht, dass der ehemalige Besitzer den Freitod wählte, jedoch nicht, warum. Immerhin: Gegenüber des Krankenhauses erinnert die »Kuppenheimstraße« an den Frauenarzt Rudolf.
»Das hat mich irritiert, weil doch Pforzheim sich bis heute als ›Goldstadt‹ vermarktet und Kuppenheim darin eigentlich eine entscheidende Rolle spielte.« Sabine Herrle hat dazu ihre eigene Theorie: »In einer Stadt, in der fast jeder für die Branche arbeitete, kannte auch jeder jemanden, der sich an der Arisierung bereicherte.« Viele Pforzheimer Firmen profitierten davon, dass ihre jüdischen Konkurrenten enteignet wurden, und übernahmen Anteile. »Das wurde niemals erforscht, weil es dann viele treffe, die noch heute im Geschäft sind«, meint Herrle.

Auch vor den Umrissen des alten Fabrikgebäudes der Kuppenheims – das nach einem Brand heute neu errichtet kaum noch zu erkennen ist – erinnert nichts an seine Geschichte. Im Landesarchiv lässt sich nachvollziehen, wie das Grundstück 1937 im Zuge der Arisierungen an jenen Uhrenfabrikanten veräußert wurde, dessen Initialen heute noch über dem Eingang prangen. Als Herrle dies einmal auf einem Vortrag erwähnte, drohte ihr ein Nachfahre mit juristischen Schritten.
Traditionsmarken mit dunkler Geschichte
Auf ihrer Website präsentiert sich die Firma, wie so viele andere Schmuckunternehmen in Pforzheim, als »Traditionsmarke«. Doch ein Teil der stolzen Firmenvita bleibt im Dunkeln. Auf Anfrage antwortet der Geschäftsführer, dass er mangels eigener Erkenntnisse und Unterlagen aus dem fraglichen Zeitraum keine Aussagen machen könne. Sein Vater sei als letzter möglicher Zeitzeuge viel zu jung gestorben.
Das ist kein Pforzheimer Phänomen: Während große deutsche Konzerne unter gesellschaftlichem Druck und internationalen Klagen ab den 90er-Jahren die Archive öffneten, bleibt die NS-Zeit bei deutschen Familienunternehmen und Mittelständlern unterbelichtet.
In der Stadt kannte wohl jeder jemanden, der sich an der Arisierung bereicherte.
Dabei waren die meisten Pforzheimer Schmuckfabrikanten spätestens in den Kriegsjahren Teil des Systems. In rund 80 Pforzheimer Schmuck- und Uhrenfabriken wurde auf Kriegsproduktion umgestellt, in vielen Betrieben wurden Zwangsarbeiter beschäftigt. Spricht man mit Stadthistorikern, stützen sie Herrles These, dass die Geschichte des jüdischen Schmuckgewerbes der Stadt so wenig bekannt ist, weil die Umstände ihres abrupten Endes in den darin verstrickten Familien verschwiegen wurde. Entdeckt würden diese Biografien oft nur von engagierten Einzelpersonen. So wie von Sabine Herrle oder Christoph Timm.

Ein bislang völlig unerforschtes Kapitel bleibt, dass die jüdische Schmuckgeschichte in Pforzheim nicht mit den Deportationen endete. Einige Nachfahren der Schmuckhändler hatten die Verfolgungen überlebt und waren nach Pforzheim zurückgekommen, erzählt Rami Suliman in seinem Büro. Als er in den 70er-Jahren in die Gemeinde kam, traf er noch ein paar alte Pforzheimer Juden, die ihm, dem jungen Diamantenschleifer aus Tel Aviv, Tipps fürs Geschäft mitgaben. »In gewissem Sinne haben wir ihre Tradition fortgeführt«, sagt Suliman.
Er klemmt sich eine Lupe vors Auge und balanciert einen rosanen Edelstein auf der Spitze einer Pinzette. »Sie sehen, ich beherrsche das alles noch«, lacht er. Auch wenn er heute kaum mehr Diamanten bearbeitet. Die Globalisierung schwächt in der Traditionsstadt Pforzheim das Geschäft. Früher musste man hier mit den Preisen in Antwerpen mithalten, heute mit denen in Mumbai, wo alles viel billiger zu produzieren ist. Vielleicht ist Suliman der letzte jüdische Schmuckhändler von Pforzheim. Die 250 Jahre alte Geschichte aber fängt gerade erst an, erzählt zu werden.