Bad Sobernheim

Mit allen gemeinsam

Während die lauen Temperaturen und das dämmrige Licht an diesem Abend im August bereits das nahende Ende des Sommers ankündigen, hat im Max-Willner-Heim in Bad Sobernheim für viele der Anwesenden die vielleicht schönste Zeit des Jahres gerade erst begonnen. Aus dem großen Saal des Hauses schallen abwechselnd die Bässe von Disco-Beats und die melancholischen Melodien russischer Lieder. Drinnen ist die Stimmung ebenso gelöst wie herzlich. Man nimmt sich an den Händen, tanzt und singt gemeinsam.

Seit mehr als 20 Jahren verbringen Jüdinnen und Juden mit Behinderung im Spätsommer eine Woche gemeinsam in der Kleinstadt an der Nahe. Veranstaltet wird die Bildungsfreizeit von »Gesher«, zu Deutsch »Brücke«, dem Inklusionsfachbereich der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Ein Großteil der Anwesenden stammt aus der ehemaligen Sowjetunion

Mehr als 60 Personen sind in diesem Jahr in das auf einer Anhöhe über der Stadt gelegene Freizeit- und Bildungszentrum gekommen. Dazu zählen neben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch Eltern und Betreuer. Ein Großteil der Anwesenden stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Für viele der Familien, die während der 90er-Jahre nach Deutschland gekommen sind, war die Emigration eine Möglichkeit, um der teilweise katastrophalen Betreuungssituation in ihren Herkunftsländern zu entkommen, in denen es nur wenige öffentliche Angebote gab und Menschen mit Behinderung häufig zu Hause versteckt wurden.

Am nächsten Tag steht ein Workshop zum Thema Digitalisierung auf dem Programm. Die zwischen 18 und 65 Jahre alten Teilnehmer können hier lernen, digitale Tools zu benutzen, die ihren Alltag erleichtern. Zu diesem Zweck hat Mattan Kapon, Referent für digitale Bildung bei der ZWST, vier Stationen eingerichtet, an denen verschiedene Aufgaben gelöst werden müssen. Dazu zählen zum Beispiel das Übersetzen eines Textes mithilfe einer App oder das Übertragen eines amtlichen Schreibens in einfache Sprache durch eine KI-Anwendung.

»Das Ziel des Projekts ist es letztendlich, den Menschen die Digitalisierung für ihren alltäglichen Gebrauch näherzubringen«, erzählt Kapon. Er hoffe außerdem, dass die Schulungen zur Digitalisierung einen Anstoß geben können, um Inklusionsarbeit öffentlich sichtbarer zu machen. Eigentlich müssten alle eine Schulung zu diesem Thema besuchen. Das könnte dann eine gute Gelegenheit sein, um eine Brücke zu bauen zwischen Menschen aus dieser Gruppe und Menschen aus anderen Gruppen.

Mögliche Lösungswege diskutieren

In konzentrierter Ruhe sitzen die Teilnehmer gebeugt über die bereitgestellten Tablets. Wenn überhaupt gesprochen wird, dann nur, um mögliche Lösungswege zu diskutieren. Hilfe bekommen sie dabei von den sogenannten Digitalbegleitern, die ebenfalls aus dem Kreis der Teilnehmer stammen. Dazu gehört auch Marius. »Es ist schön, Verantwortung übernehmen zu dürfen. Leute kommen auf dich zu, wenn sie Probleme haben mit WhatsApp oder anderen Anwendungen auf ihrem Smartphone. Für mich sind die Aufgabe als Digitalbegleiter und die Zeit in Bad Sobernheim eine super Gelegenheit, um auch einmal aus dem alltäglichen Trott zu kommen«, erzählt er.

Seit über 20 Jahren verbringen Menschen mit Behinderung eine Woche in Bad Sobernheim

Nach dem Mittagessen findet eine Schnitzeljagd statt, bei der die Teilnehmer das am Vormittag erworbene Wissen unter Beweis stellen sollen. Das Wetter ist dafür perfekt, und das weitläufige Gelände erstrahlt in sattem Grün. Etwas abseits erzählt Judith Tarazi, Leiterin des Inklusionsfachbereichs bei Gesher, von ihrer Arbeit: »Die Leute lieben es, sich hier jedes Jahr wieder zu begegnen. Und es sind auch Freundschaften entstanden. Die Atmosphäre ist wirklich sehr warm. Ich glaube, es ist ein ganz wichtiger Termin im Jahr für alle.«

Mit Blick auf die zukünftige Finanzierung der Inklusionsprojekte von Gesher schlägt Tarazi jedoch auch ernstere Töne an: »Ich habe zwar keine genauen Zahlen im Kopf, aber subjektiv spüre ich einen starken Druck, was die finanzielle Situation angeht. Ich merke, dass an immer mehr Stellen gespart werden muss, weil sowohl öffentliche als auch private Gelder weniger werden.« Tarazi befürchtet, dass in Zukunft viel durch Freiwilligenarbeit aufgefangen werden muss. »Es ist nicht unproblematisch, wenn auf eine Professionalisierung in diesem Bereich verzichtet wird. Die Arbeit ist anspruchsvoll, und es braucht Leute, die wirklich wissen, was sie tun.«

Das einzige jüdische Wohnprojekt für Menschen mit Behinderung im deutschsprachigen Raum

Eine Besonderheit in diesem Jahr ist der Besuch aus der Schweiz. Aus dem Zürcher Wohnheim Beth Hanna sind 13 Gäste nach Bad Sobernheim gekommen. Wie Gabriel Gutmann, Leiter der Einrichtung, erzählt, ist Beth Hanna das einzige jüdische Wohnprojekt für Menschen mit Behinderung im deutschsprachigen Raum. »Ein Angebot wie das unsere ist nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die Eltern besonders wichtig. Sie können dann einfacher einem Beruf nachgehen und fallen nicht so leicht aus dem Arbeitskreislauf heraus.«

Das jüdisch geführte Wohnheim existiere bereits seit mehr als 40 Jahren und beherberge im Moment elf Bewohner mit unterschiedlichen Einschränkungen, fährt Gutmann fort. Für die Zukunft wünscht er sich, das Projekt noch zu vergrößern. »Wir sind ein offenes Haus. Die Eltern hier sollen wissen, dass sie auch bei uns in der Schweiz willkommen sind.«

Das Highlight der Ferienwoche ist der gemeinsame Ausflug am Donnerstag. Dieses Jahr geht es nach Speyer, um dort im »Museum Judenhof« die älteste Mikwe Deutschlands zu besichtigen. Auf der zweistündigen Busfahrt präsentiert der 22-jährige Leon stolz den Ordner, in dem er seine Listen abheftet, auf der alle existierenden Hunderassen einzeln verzeichnet sind. Und das daraus resultierende beeindruckende Wissen über seine liebsten Vierbeiner stellt er bereits direkt nach der Ankunft unter Beweis, als er auf dem Weg zum Museum treffsicher alle Hunde identifiziert, die ihm in der Altstadt von Speyer begegnen. Leon ist bereits zum vierten Mal in Bad Sobernheim. »Sehr toll« findet er die Zeit im Max-Willner-Heim. »Ich kenne alle hier schon länger, und alle kennen mich, sogar die Leute von der Sicherheit.«

Für den Nachmittag ist noch eine Bootsfahrt auf dem Rhein geplant, für den Abend steht Disco auf dem Programm, und am Freitag wird schließlich gemeinsam Schabbat gefeiert. Bei einem derart dichten und vielseitigen Programm ist klar, dass Langeweile im rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim auch in Zukunft ein Fremdwort bleiben wird.

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