Auf dem Freigelände der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße sitzen die mehr als 150 Gäste, die am Freitagabend gekommen sind, um gemeinsam Schabbat zu feiern, eng an eng beieinander. Trotz aufziehender Gewitterwolken sind die aufgestellten Stühle und Bierbänke bis auf den letzten Platz besetzt.
Der Hof der Synagoge ist mit bunten Pride-Fahnen und blau-weißen Israelflaggen geschmückt. »Wir freuen uns sehr, dass der Pride-Schabbat schon zum siebten Mal in Folge stattfinden kann«, sagt Ariel Elbert Vorstandsmitglied des queer-jüdischen Vereins Keshet, der den heutigen Abend ausrichtet. »Wir planen bereits seit Anfang des Jahres und freuen uns riesig, dass wieder so viele Gäste gekommen sind.« Man dürfe nicht unterschätzen, wie viel ihrer Zeit alle Beteiligten für ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei Keshet opfern, fährt Elbert fort. »Da steckt unglaublich viel Herzblut, Vertrauen und Zusammenhalt drin. Ich bin wahnsinnig stolz, dass wir diese Tradition aufrechterhalten können. Das ist nicht selbstverständlich.«
Zur Selbstbehauptung in der Gegenwart gehört immer auch die Erinnerung an die Vergangenheit.
Und die harte Arbeit zahlt sich aus. Der 29-jährige David erzählt beispielsweise, dass er vor dem heutigen Abend schon lange nicht mehr zum Schabbat in der Synagoge war. »Meine jüdische Identität hat gerade in meiner Jugend eine große Rolle gespielt. Dann ist das ein bisschen eingeschlafen. Aber gerade jetzt, wo man häufig Anfeindungen ausgesetzt ist, ist auch ein großes Bedürfnis da, sich wieder damit zu verbinden.« Dass er sich am heutigen Abend sowohl als Jude wie auch als queere Person willkommen fühlt, sei ihm dabei besonders wichtig. Ganz ähnlich geht es auch Eliora, 23: »Mir gibt der heutige Abend Sicherheit. Dass ich mich nicht entscheiden muss, ob ich jüdisch oder queer sein möchte. Dass ich mich nicht rechtfertigen muss. Dass ich einfach mit anderen sein darf, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich.«
Auch der mit Beginn des Gottesdienstes einsetzende Starkregen kann die Stimmung nicht trüben. Ohne große Aufregung verlegt man ihn einfach nach drinnen. Der Atmosphäre tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Wie bestellt scheint das Grollen des Donners immer wieder das gemeinsame Gebet zu unterstreichen. Fast könnte man meinen, dass sich nicht nur in Berlin-Mitte zahlreiche Unterstützer der queeren Community eingefunden haben, sondern dass auch von ganz oben eine Solidaritätsbekundung an die gemeinsam Feiernden gesendet wird.
Als beim Kaddisch, dem traditionellen Trauergebet, derjenigen gedacht wird, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert und verfolgt wurden, wird deutlich, dass die Feier queeren Lebens immer auch mit der Trauer um die Verstorbenen verbunden ist. Zur Selbstbehauptung in der Gegenwart gehört immer auch die Erinnerung an die Vergangenheit – und das Eintreten für eine bessere Zukunft.
Pünktlich zum gemeinsamen Abendessen klingt der Regen wieder ab. Im Hof der Synagoge ist die Stimmung gelöst, man kommt miteinander ins Gespräch, tauscht sich aus. Auch einige Politikerinnen und Politiker sind gekommen, um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Darunter auch Klaus Lederer, ehemaliger Linken-Politiker und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Auf die Frage nach der Symbolkraft des Abends findet Lederer klare Worte: »Es gehört zur bitteren Realität, dass die Veranstaltung hinter verschlossenen Türen stattfinden muss, dass wir Sicherheitsmaßnahmen brauchen, damit der Abend überhaupt möglich ist.« Es sei beschämend, dass wir immer noch in einer Situation leben, in der die queeren Jüdinnen und Juden der Stadt nur unter besonderem Schutz zusammenkommen können.