Nachruf

Kein Tag ohne Linie

Zerfurcht das Gesicht, wild wuchernd die Kopf- und Barthaare, skeptisch-fragend der Blick: So präsentierte sich Pavel Feinstein auf einem auf Facebook veröffentlichten Selbstporträt. Mit »Pavel 31.01.26« ist die flott und doch präzise ausgeführte Zeichnung signiert. Das Blatt zählt wohl zu den letzten Arbeiten des Berliner Malers, Zeichners und Autors, der am 17. Mai nach kurzer, schwerer Krankheit starb.

Geboren wurde Feinstein 1960 in Moskau. Er wuchs in der tadschikischen So­wjetrepublik auf und machte in der Hauptstadt Duschanbe die ersten Schritte auf dem Weg zum Künstler. Zu seinen Lehrern zählte Leonid Starkov, der 1981 nach Israel auswanderte. Ein Jahr zuvor verließ Feinstein mit seinen Eltern die Sowjetunion. Der damalige Westteil Berlins wurde ihm zur Wahlheimat. Pavel Feinstein studierte bis 1985 Malerei an der Hochschule der Künste, der heutigen UdK, und wurde Meisterschüler von Gerhart Bergmann.

Als »der neue Altmeister« wurde Feinstein 2010 von Manfred Schwarz in der Wochenzeitung »Die Zeit« bezeichnet: Seine Ausstellung im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus und die in der »Zeit« besprochene Schau im Osthaus Museum Hagen verhalfen ihm zu größerer überregionaler Sichtbarkeit. Von regelmäßigen Galerieausstellungen in Essen und Berlin abgesehen, sind institutionelle Würdigungen von Feinsteins Werk ansonsten rar.

Schonungslos hält er das eigene Altern fest

1999 war er Teil der Gruppenausstellung Westwärts – Jüdische Künstler aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland. Die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) initiierte Schau war in Frankfurt am Main, Berlin und Dresden zu sehen. 2002 zeigte das Jüdische Museum Berlin eine umfangreiche Auswahl von Feinsteins Gemälden.

Als Maler und Zeichner, der sich zeitlebens der Gegenständlichkeit und altmeisterlichen Maltechniken verpflichtet fühlte, stand Pavel Feinstein eher am Rand des sich stramm am Zeitgeist orientierenden bundesrepublikanischen Kunstbetriebs. Dass er figürlich arbeitende Künstlerkollegen wie Johannes Grützke oder Michael Sowa porträtierte, erscheint daher logisch. Freunde und Familie setzte er ebenso ins Bild wie auch immer wieder sich selbst. Während viele seiner Bildnisse Würde und Anmut ausstrahlen, nutzt Feinstein das Selbstporträt zur kritischen Selbstbefragung. Schonungslos hält er das eigene Altern fest; geradezu angewidert wirkt das Antlitz des Malers auf manchen Selbstbildnissen. Hin und wieder mischt sich auch ein burlesker, mit Bitternis gewürzter Humor in Feinsteins Malerei. Da wird etwa der Porträtmaler zum Affen – ebenso wie der von ihm fixierte Betrachter.

Überhaupt sind Tiere ein häufiges Motiv in Feinsteins künstlerischem Universum. Bei seinen Besuchen im Berliner Zoo fertigte er viele Bleistift- und Farbskizzen an; 2008 erschien eine Auswahl als Bildband. Wie hoch sein Anspruch an sich selbst war, demonstriert ein Social-Media-Post vom Februar 2022: Der Künstler berichtet von seinem mehrstündigen Zoo-Aufenthalt, der nur zu »Papierverschwendung« geführt habe. Bis auf das von ihm gepostete und mit lockerem Strich gezeichnete Nilpferd wanderten alle Skizzen in den Papierkorb.

Hin und wieder mischt sich auch ein burlesker, mit Bitternis gewürzter Humor in sein Werk.

Neben Figurenkompositionen und Porträts bildeten Stillleben einen weiteren Anker in Feinsteins malerischem Werk. Seine jüdische Herkunft floss unterdessen kaum direkt in seine Bildwelt ein. Gleichwohl war Pavel Feinstein tief im Judentum verwurzelt. So hat er die Gottesdienste der liberalen Synagoge Pestalozzistraße und ebenso jene der orthodoxen Chabad-Gemeinde besucht. Feinsteins Wilmersdorfer Atelier beherbergte zudem zeitweise eine kleine Lerngruppe zum wöchentlichen Talmudstudium mit Netanel Olhoeft.

Mit einem Facebook-Post überbrachten die Hinterbliebenen die Nachricht von Feinsteins Tod an seine Follower: »Unser geliebter Ehemann, Vater, Bruder und Freund Pavel ist am 17.05.26 von uns gegangen.« Am 20. Mai wurde Pavel Feinstein auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt.

»Nulla dies sine linea – Kein Tag ohne Linie« ist die letzte zu Lebzeiten entstandene Ausstellung seiner Werke in der Steglitzer Galerie Classico überschrieben. Kaum ein Satz beschreibt Feinsteins Arbeitsweise treffender.

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