Fußball

Rot-Weiß verbindet

Der Sportjournalist Marcel Reif (l.) und IKG-Vorstandsmitglied Lorin Nezer mit dem Fantrikot der »FCB Chaverim« Foto: Joshua D. Heinrich

Erst einmal war es nur eine dieser Ideen, die spontan kommen und rasch wieder vergessen werden. Doch diese eine Idee ließ Lorin Nezer – seit Kurzem Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) und seit Langem leidenschaftlicher Fan des FC Bayern München – nicht mehr los.

Warum hat der Verein, der mit seinem legendären Präsidenten Kurt Landauer doch tief in der jüdischen Vergangenheit Münchens verwurzelt ist, noch keinen jüdischen Fanklub in Deutschland? Warum gibt es noch keinen jüdischen Fanklub in München, der Stadt, in die Landauer – nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in die Schweiz – 1947 wieder zurückgekehrt war, um noch im selben Jahr als FCB-Präsident wiedergewählt zu werden und den Grundstein für spätere Erfolge zu legen?

Der Entschluss war somit gefasst und auch schnell umgesetzt: Mit seiner Etablierung als offizieller Fanklub stechen die »FCB Chaverim« ziemlich heraus. Unter den mehr als 4800 Fanklubs mit über 340.000 Mitgliedern, die dem FC Bayern weltweit die Treue halten, sind jüdische Vereinigungen die absolute Ausnahme – in Deutschland gab es bisher keine einzige. Das hat sich mit der offiziellen Vereinsgründung im Gemeindezentrum der IKG Ende Juli nun geändert.

»Heute beginnt etwas, das größer sein soll als ein Fanklub.«

Die Gründung ist ein »ganz besonderer Anlass, von dem ich glaube und hoffe, dass wir uns noch in vielen Jahren daran erinnern werden«, eröffnete Nezer das erste Treffen der Chaverim. »Heute beginnt etwas, das größer sein soll als ein Fanklub: Heute beginnt eine Gemeinschaft, die sich den Werten des FC Bayern München verpflichtet fühlt und die sich ihrer jüdischen Wurzeln bewusst ist.« Dieses Bewusstsein ist durchaus verbreitet, über 120 Menschen hatten Nezer zufolge Interesse an einer Mitgliedschaft bekundet: »Jüdische und nichtjüdische Menschen, junge und ältere Menschen unterschiedlichster Herkunft, aber alle verbunden durch die gemeinsame Leidenschaft für den FC Bayern München.« Die große Zustimmung zeige, »dass diese Idee einen Nerv getroffen hat«.

Dauerhaftigkeit der Werte des Vereins

Die Erfolge der Bayern und die Dauerhaftigkeit der Werte des Vereins führte Nezer maßgeblich auf Kurt Landauer zurück: »Er war Visionär, Unternehmer, Präsident, Brückenbauer – und er war Jude.« Nezer erinnerte an die Verfolgung Landauers, die Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau und die anschließende Flucht in die Schweiz. Auch wenn die historischen Quellen unklar sind: Die viel zitierte Legende, wonach Landauer 1943 bei einem Freundschaftsspiel in Zürich von den deutschen Spielern des FC Bayern begrüßt worden sein soll, verkörpert für Nezer symbolisch die Geschichte und Werte des Vereins.

Zu Gast bei der Gründungsveranstaltung war auch Sportjournalist Marcel Reif, Sohn des Holocaust-Überlebenden Leon Reif und Träger des Deutsche Rednerpreises der German Speakers Association für seine viel beachtete Ansprache unter dem Motto »Sei a Mentsch« zum Internationalen Holocaustgedenktag 2024 im Deutschen Bundestag.

»Der FC Bayern und dieser jüdische Fanklub, das hat etwas von einem Coming Home«, erklärte Reif in seiner Ansprache zum Gründungsabend. Dass jüdisches Leben in Deutschland so sichtbar sei, stimme ihn zugleich froh und nachdenklich: »Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, wenn wir einfach vom deutschen Leben sprechen könnten, zu dem jüdisches Leben völlig normal dazugehört.«

Ernste Akzente, heitere und konzentrierte Atmosphäre

Den wiederaufflammenden Antisemitismus verurteilte er. Dieser »gefährdet unsere Werte im ganzen Land«. Trotz dieser ernsten Akzente war die Atmosphäre heiter und konzentriert. Kurz nach dem Ende einer von Kontroversen gezeichneten Weltmeisterschaft diskutierte Reif mit den anwesenden Fans auch über aktuelle Entwicklungen im Fußball und beantwortete als Experte die Fragen der sportbegeisterten Kinder und Erwachsenen. Nicht zuletzt die prekäre Lage des deutschen Fußballs bot reichlich Diskussionsstoff.

Mehr als 120 Menschen bekundeten spontan Interesse an einer Mitgliedschaft.

Andreas Wittner und Evi Gulden von der in München ansässigen Kurt Landauer Stiftung berichteten in einem knappen Aufriss über die jüdische Geschichte des FC Bayern und dessen aktuelle Erinnerungsarbeit, insbesondere eine Untersuchung zur Geschichte des Vereins während der NS-Zeit. Wittner erinnerte dabei daran, dass bereits bei der Gründung des Vereins im Februar 1900 zwei jüdische Männer beteiligt gewesen und im Januar 1933 sogar zwölf Prozent der gesamten Mitgliedschaft jüdischer Herkunft waren.

Auch IKG-Präsidentin Charlotte Knob­loch, seit etlichen Jahrzehnten bekennender Bayern-Fan und bei der ersten Sitzung der Chaverim leider verhindert, zeigte sich hoch erfreut über die Gründung des Vereins. »Auf den Zuschauerrängen bei den Bayern war einst sehr viel Jiddisch zu hören, ich erinnere mich noch sehr gut an diese Zeit.«

Der FC Bayern und die jüdische Gemeinschaft, das gehöre zusammen, so die gebürtige Münchnerin: »Es passt sportlich, es passt menschlich, und es passt auch auf der Ebene der Organisation.« Lorin Nezer habe einer formlosen Liebe mit der Gründung des Fanklubs einen »Ehevertrag« ausgestellt, so Knobloch, und sie sei stolz, das Projekt unterstützen zu können: »Unser Stern des Südens strahlt so hell wie nie, und wir wollen helfen, dass sein Licht überall gesehen wird.«

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