Manche Gegenstände sind weit mehr als bloße Dinge des Alltags. Sie bewahren Erinnerungen, erzählen persönliche Geschichten und verbinden Menschen mit ihrer Familie, ihrer Herkunft oder wichtigen Ereignissen. Einige sammeln sie mit großer Leidenschaft. Ob Schmuck, Musikinstrumente, Stofftiere, eine Blumenvase oder Fotoalben – sie stehen für Liebe, Verlust, Identität, Heimat und Gemeinschaft. Aber es gibt auch Menschen, die keinen Besitz brauchen. Eine Umfrage.
Ekaterina Kulakova, Dresden
Ich habe mir besonderen Schmuck herstellen lassen. Den Goldschmuck meiner Großmutter ließ ich einschmelzen, um daraus einen Davidstern anzufertigen. Zusammen mit der Hochzeitskette meiner Mutter trage ich ihn. Den Ring hingegen, den ich sehr liebe, lasse ich lieber in der Schatulle, denn ich habe zu viel Angst, ihn zu verlieren. In Uljanowsk, der Stadt, in der auch Lenin geboren wurde, kam ich zur Welt. Mit meiner Familie zog ich nach Omsk in Sibirien, wo meine Eltern Solisten des Akademischen Sinfonieorchesters wurden. Von ihnen habe ich die Krankheit geerbt, Musikerin zu werden, sage ich immer mit einem Augenzwinkern. Meine Oma starb, als ich zwölf Jahre alt war. Noch heute vermisse ich sie und erinnere mich gern an den Duft ihres Parfüms. Parallel zu meiner Arbeit als Musikpädagogin arbeitete ich in einer Goldschmiedewerkstatt. Zu dieser Zeit las ich einen Bericht über den wahrscheinlich ältesten Davidstern, der mehrere Jahrtausende alt war und mich zu meinem Magen David inspirierte. Ihn, die Kette und den Ring würde ich nie hergeben. Auch ein Ring aus Yad Vashem ist mir wichtig; den trage ich täglich. Er symbolisiert für mich die Rückkehr zu meiner jüdischen Identität. 2005 kamen meine Eltern und ich nach Dresden. Meine Kette, Ringe und meinen Davidstern hatte ich damals im Gepäck.
Gianna Marcuk, Rostock
Eine kleine lilafarbene Blumenvase begleitet mich seit meiner Kindheit. Meine Familie lebte früher in Moldawien, wo die Vase einst in einer Vitrine stand. Aus meiner Heimat konnten wir bei unserer Emigration kaum etwas mit nach Deutschland nehmen. Die kleine Vase erinnert mich an mein einstiges Zuhause, an meine Kindheit, meine Familie und an meine Mutter, die vor 25 Jahren starb und der die Blumenvase ebenfalls etwas bedeutete. Meine Kinder fragen mich manchmal, warum ich sie noch aufhebe; so schön sei sie nicht. Für mich aber schon. Heute steht sie wieder in einer Vitrine – bei mir zu Hause.
Sigrid Wolff, Berlin
Meinen Trauring mit den kleinen Steinen würde ich nie hergeben. Und auch meinen Verlobungsring nicht. Das ist inzwischen ohnehin nicht mehr möglich, denn ich bekomme beide mittlerweile nicht mehr vom Finger. Mein Mann Garry hatte den Ehering 1978 ausgesucht und mir bei unserer Hochzeit auf meinen Finger gesteckt. Allein der Gedanke an diese Geste rührt mich immer wieder. Noch nie habe ich einen der beiden Ringe verlegt oder verloren. Auch mein Handy ist für mich ein wichtiger Gegenstand. Es ist schon etwas älter, aber um meinen Alltag zu gestalten, brauche ich es ständig – allein schon, um ein Busticket zu buchen. Die Ringe sind aus Weißgold, das Handy ist rosa – weil ich ein Mädchen bin.
Boris Rosenthal, Berlin
Wenn man einen Gitarristen fragt: »Wie viele Gitarren brauchst du noch?«, erhält man als Antwort immer: »Noch eine.« So geht ein bekannter Witz. Als Fünftklässler war ich so vernarrt in Gitarren, dass ich mir unbedingt eine bauen wollte. Ich lebte damals in der Ukraine, wo ich nicht einfach in einen Laden gehen konnte, um eine zu kaufen, denn in meiner Jugend gab es dort kaum entsprechende Instrumente. Also fertigte ich selbst eine an, aber sie funktionierte leider nicht; ich konnte auf ihr nicht spielen. Vielleicht auch deshalb schätze ich das Handwerk des Instrumentenbaus sehr. Gezählt habe ich meine Instrumente noch nie – es sind viele. Darunter eine Geige, eine Querflöte, eine Klarinette, ein Saxofon, Schlagzeuge, kleine Trommeln, kasachische Volksinstrumente und ein Flügel. Wahrscheinlich habe ich in meiner Aufzählung einige vergessen. Obwohl ich viele von ihnen gar nicht beherrsche, würde ich sie nie verkaufen. Gute Instrumente sind für mich etwas Heiliges; sie sind mit meiner Seele verbunden. Ach ja, die Gitarren habe ich vergessen zu erwähnen. Es sind acht. Und: Ich brauche noch eine.
Aron Russ, Dessau
Einen konkreten, für mich immanent wichtigen Gegenstand, von dem ich mich niemals trennen könnte, besitze ich nicht. Für mich sind alle materiellen Dinge vergänglich. Sie werden uns, so wie unser Leben, vom Allmächtigen gegeben und genommen. Dinge zu besitzen, die für einen selbst oder für andere einen Wert haben, wird im Judentum grundsätzlich positiv betrachtet, wenngleich es mit einer persönlichen Verantwortung verbunden ist. Man bleibt dabei aber nur ein Verwalter dieser Dinge auf Zeit, denn der endgültige Besitz der Welt mitsamt ihrem Inhalt bleibt Haschem vorbehalten. Somit bin ich bereit, mich von Dingen, die für mich eine besondere persönliche Bedeutung haben, dennoch zu trennen, ohne darüber traurig zu sein. Die Dinge, auf die ich keinesfalls verzichten kann, sind immaterieller Natur: die Beziehungen zu Menschen sowie die Gemeinschaft.
Marina Cornea, Bremen
Mittlerweile ist meine Teddybären-Sammlung ganz schön groß geworden. Den ersten Bären schenkte mir mein Mann, der leider schon vor acht Jahren verstorben ist. Viele Steiff-Bärchen folgten. Später kamen auch andere hinzu, handgefertigte oder von anderen Marken. Sie sitzen bei mir zu Hause auf dem Schrank und in der Vitrine. Auf unserer Hochzeitsreise im Jahr 2003 überreichte er mir ein kleines Kamel, das ich ebenfalls noch immer besitze. Von dem möchte ich mich auch nicht trennen. Der erste Bär begleitet mich auf jeder Urlaubsreise. Wir sind ein gutes Team.
Simone Schneidmann, Münster
Mein kleiner Stofftier-Panda ist mittlerweile fünfmal mit mir umgezogen. Derzeit leben wir beide in Münster, wo ich studiere. Er sitzt auf meinem Schrank in meiner Studentenbude. Als ich eingeschult wurde, schenkte meine Mutter ihn mir; er war sozusagen in der Schultüte. Sie hatte ihn zuvor in einem Krimskramsladen entdeckt und gekauft. Er ist etwa 15 Zentimeter groß, aber seine Bedeutung für mich ist unendlich. Ich habe ihn noch nie verliehen – und werde das auch in Zukunft nicht tun. Meine Mutter wird immer ganz nostalgisch, wenn sie ihn bei mir auf dem Schrank sitzen sieht. Sie freut sich, mir so einen treuen Begleiter geschenkt zu haben.
Nicolaus Blättermann, Norddeutschland
Ich wurde 1920 in Düsseldorf geboren. Als ich 14 Jahre alt war, zogen meine Familie und ich nach Chișinău, das damals zur rumänischen Region Bessarabien gehörte. Heute ist Chișinău die Hauptstadt Moldaus. 1941 brachte man mich zusammen mit weiteren jungen Männern zum Bahnhof und deportierte uns mit regulären Personenzügen zur Zwangsarbeit. An diesem Tag sah ich meine Eltern und meine Schwester zum letzten Mal. Wir versprachen einander, uns nach dem Krieg bei meiner Tante Adele in den USA wiederzusehen. Ich war der Einzige, der dieses Versprechen erfüllen konnte und sich bei ihr meldete. Sie besaß ein Foto von mir als Kind mit meinen Eltern, es ist das einzige Bild, das ich von ihnen besitze. Nach dem Krieg musste ich ohne meine Eltern und meine Schwester ein neues Leben beginnen. Ich fand Arbeit als Bauleiter im Roten Rathaus, heiratete meine große Liebe Maria, und wir bekamen zwei Söhne. Später zogen wir nach Bad Kreuznach. Dort engagierte ich mich für die Wiederbegründung der Jüdischen Gemeinde und die Wiedererrichtung der Synagoge. Besonders am Herzen liegen mir das Foto meiner Eltern und die Fotoalben meiner Familie. Sie erzählen von unserem Leben: von meinen Söhnen, meiner Frau Maria, die kurz vor meinem 100. Geburtstag starb und mir bis heute fehlt, und von unserem Zuhause. Mit dem Jahr 2020 enden die Alben. Sie stehen bei mir im Regal. Oft nehme ich sie heraus und blättere darin. Die Bilder bewahren Erinnerungen an das Leben und die Menschen, die mich bis heute begleiten.
Aaron Knappstein, Köln
Ich bin niemand, der sehr an Gegenständen hängt. Ich hatte das große Pech, dass es in einem unserer früheren Wohnhäuser gebrannt hat und ich dabei sehr viel verloren habe, was mich – gerade an meine Eltern sel. A. – erinnert hat. Dennoch besitze ich einen Sekt- und Weinkühler, den ich aus dem Haus meiner Mutter habe. Er stammt von meiner Großtante Henriette sel. A. aus Wien, wo auch meine Mutter geboren wurde. Ich nutze ihn selbst und denke dabei oft an meine Familie. Aber er ist nicht der heilige Gral, den ich mir ständig anschaue. Eine andere Geschichte berührt mich sehr, auch wenn sie viel jünger ist. 2017 gründeten wir den jüdischen Karnevalsverein »Kölsche Kippa Köpp«, dessen Präsident ich wurde. Das hat mich meinem Judentum viel nähergebracht. Dann bekam ich mein erstes Krätzchen – das ist die Karnevalskopfbedeckung –, und es ist mir bis heute heilig. Ich werde es immer in Ehren halten, weil ich damit unglaublich viele wunderschöne jüdische Erinnerungen verbinde. Das ist schon etwas Besonderes. Es hat mich auch in schlimmen Zeiten begleitet. Nach dem 7. Oktober 2023 habe ich mich häufig öffentlich geäußert und infolgedessen auch antisemitische Zuschriften erhalten. Das Krätzchen aber begleitet mich durch die Republik – nicht, weil ich es mit in den Urlaub nehme und es dann irgendwo in Bayern auf dem Kopf trage, sondern weil ich viele Vorträge halte und es dabei immer zeige, um den Menschen das jüdische Leben näherzubringen.
Aufgezeichnet und zusammengestellt von Christine Schmitt