Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

»Meine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich irgendwie anders wäre«: Valerie Vorkul (48) aus Cottbus Foto: STEPHAN PRAMME

Als ich im August 1977 in Cherson zur Welt kam, hörte meine Mutter keine Glückwünsche. Von den Ärzten hieß es nur: »Sie haben ein schwer krankes Kind geboren. Geben Sie es besser auf.« Doch meine Eltern taten das Gegenteil. Sie haben mir wahnsinnig viel Liebe geschenkt und mir nie das Gefühl gegeben, dass ich irgendwie anders wäre. In meinem heutigen Job als Migrationsberaterin war ich häufig damit konfrontiert, dass das leider alles andere als selbstverständlich ist. Viele Familien zerbrechen an einem behinderten Kind. Es ist ein großes Glück, dass es bei uns anders war.

Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Ingenieur. Wir waren jüdisch, aber das hat wie bei vielen Juden in der Sowjetunion keine große Rolle gespielt. Mein Vater war mit dem Rabbiner befreundet und brachte an Pessach Mazzen mit nach Hause. Das war es dann aber auch schon. Wir haben zwar versucht, die Erinnerung an unsere Tradition aufrechtzuerhalten, aber religiöse Rituale gehörten bei uns nicht zum Alltag. Ich denke, das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern und Großeltern häufig Angst hatten, ihr Jüdischsein offen zu zeigen.

Mit meinem Bruder und seinen Kumpels unterwegs

Neben meinen Eltern spielte auch mein älterer Bruder eine große Rolle in meinem Leben. Das tut er bis heute. Ich war als Kind immer mit ihm und seinen Kumpels unterwegs. Ich habe nie mit Puppen gespielt, sondern bin wie ein Junge aufgewachsen. Wir waren den ganzen Tag draußen und haben tolle Abenteuer erlebt. Ich war eine richtig wilde Banditin. So nennt mich mein Chef heute noch manchmal.

Die Schulzeit war für mich sehr schwierig. Meine Eltern entschieden, dass ich eine reguläre Schule besuchen sollte, obwohl es wegen meiner Kleinwüchsigkeit auch möglich gewesen wäre, mich zu Hause zu unterrichten. Heute habe ich verstanden, dass das eine mutige Entscheidung war, die mich zu der gemacht hat, die ich heute bin.

In meiner Klasse war alles in Ordnung. Ich hatte viele Freunde, die mich so akzeptiert haben, wie ich bin. Aber abgesehen davon habe ich viel Ablehnung und Mobbing erfahren. Besonders schmerzhaft ist mir ein Satz meiner Biologielehrerin in Erinnerung geblieben. Im Unterricht sagte sie, Kinder mit Behinderung sollte man direkt nach der Geburt töten.

Verletzende Vorurteile

Damals verstand ich zum ersten Mal, wie verletzend Vorurteile sein können. Vielleicht begann genau dort mein Wunsch, Menschen beizustehen, die sich allein fühlen. Heute mache ich mir über meine Kleinwüchsigkeit nicht mehr viele Gedanken, sie gehört zu mir, definiert mich aber nicht als Person. Natürlich gibt es Momente, in denen ich daran erinnert werde – durch Bemerkungen von Passanten oder unhöfliche Kinder. Ich versuche, mich dann auf mich zu konzentrieren.

Aufgeben ist bis heute nie eine Option für mich gewesen.

Nach der Schule absolvierte ich zunächst eine Ausbildung im Rechnungswesen und arbeitete in der Rentenversicherung. Später studierte ich berufsbegleitend Soziale Arbeit und war sechs Jahre im staatlichen Arbeits- und Sozialamt in Cherson tätig. Ich liebte meinen Beruf. Menschen zu unterstützen, war für mich nie einfach nur Arbeit. Es war das, was meinem Leben Sinn gab. Ich habe viel mit Schwerbehinderten gearbeitet, die es in der Ukraine damals wirklich nicht leicht hatten. Viele von ihnen saßen nur zu Hause und haben aus dem Fenster geschaut, weil sie sich geschämt haben, vor die Tür zu gehen.

Als meine Eltern mir 2005 erzählten, dass ihr fünf Jahre zuvor gestellter Antrag, als jüdische Familie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einzuwandern, bewilligt worden war, dachte ich nur: Nein, auf keinen Fall ziehe ich nach Deutschland. Hier in Cherson sind meine Freunde, hier ist meine Arbeit, ich habe mir hier etwas aufgebaut. Im Januar 2006 zog ich dann trotzdem mit meinen Eltern nach Cottbus, es war aber nie mein Plan, dort zu bleiben. Ich wollte erst einmal nur meine Mutter und meinen Vater unterstützen, die auf ein besseres Leben in Deutschland hofften.

Es war nichts mehr wie zuvor

Als dann wenige Monate nach unserer Ankunft bei meinem Vater ein Hirntumor festgestellt wurde, war nichts mehr wie zuvor. Nach der Operation musste meine Mutter ihm erneut das Lesen beibringen, und ich musste lernen, Verantwortung zu übernehmen. Trotz seiner schweren Krankheit lebt mein Vater bis heute.

Während der ersten Jahre in Deutschland musste ich um alles kämpfen: Mein ukrainischer Hochschulabschluss wurde nicht anerkannt, mein Führerschein auch nicht. Das Jobcenter weigerte sich, mir mit meiner Fahrerlaubnis zu helfen, weil sie dachten, mit meiner Behinderung würde ich ohnehin nie eine Arbeit finden. Ich habe dann mit der Hilfe von Freunden eine Fahrschule für Schwerbehinderte gefunden und alles selbst bezahlt. Ich erinnere mich noch daran, was für ein großer Spaß die Fahrstunden waren. Die Fahrlehrerin sagte immer zu mir: »Du fährst, als wärst du hinter dem Steuer geboren worden.«

Auch mit dem Studium musste ich wieder ganz von vorn anfangen, und so absolvierte ich an der Technischen Uni Cottbus-Senftenberg einen Bachelorstudien­gang in Sozialer Arbeit. Um Deutsch zu lernen, habe ich ein Jahr lang ehrenamtlich in einem Altersheim gearbeitet. Ich hätte das alles nicht machen müssen, aber Aufgeben ist bis heute nie eine Option für mich gewesen.

In Deutschland einen Neuanfang wagen

Nach dem Studium habe ich zunächst in der Flüchtlingsberatung der Diakonie gearbeitet. Dort hatte ich viel mit Menschen zu tun, die, wie ich ein paar Jahre zuvor, in Deutschland einen Neuanfang wagten. Dann kam eines Tages ein völlig unerwarteter Anruf, der meinem beruflichen Weg eine neue Richtung geben sollte: Die Jüdische Gemeinde Cottbus suchte eine Migrationsberaterin. Damals wusste ich noch nicht, dass mich die Arbeit in der Gemeinde so lange begleiten würde. Heute bin ich dort seit fast zehn Jahren und möchte nirgendwo anders hin.

Erst durch die Arbeit als Migrationsberaterin habe ich so richtig verstanden, was jüdisches Leben in Deutschland heute bedeutet.

In der Gemeinde war ich zwar schon vorher ehrenamtlich tätig, aber erst durch die Arbeit als Migrationsberaterin habe ich so richtig verstanden, was jüdisches Leben in Deutschland heute bedeutet. Es geht nicht nur um Feiertage oder religiöse Traditionen, sondern darum, Verantwortung füreinander zu übernehmen und da zu sein, wenn Menschen Hilfe brauchen. Obwohl ich mich selbst eher als Atheistin oder Agnostikerin verstehe, habe ich dort gemerkt, dass ich vielleicht doch jüdischer bin, als ich vorher dachte. Nicht wegen meines Wissens über religiöse Gebote oder wegen meines Glaubens, sondern wegen der Werte, die meine Eltern und Großeltern mir mit auf den Weg gegeben haben.

Heute kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern in mein Büro. Nicht mehr nur Jüdinnen und Juden, die wie ich aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, sondern auch Menschen, die aus allen möglichen Gründen ihre Heimat verlassen mussten. Viele kommen aus Kriegsgebieten und sind traumatisiert. Viele haben ihre Heimat verloren und glauben, ihre Probleme seien unlösbar. Ich versuche, ihnen dann zu zeigen, dass es immer einen Weg gibt. Dafür ist meine Biografie das beste Beispiel. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie mühsam es zum Beispiel sein kann, einen Termin bei der Caritas zu bekommen oder die Dokumente des Jobcenters zu verstehen, wenn Deutsch nicht die eigene Muttersprache ist.

Direkter Draht zu den Behörden

Ich habe heute zu allen Behörden in Cottbus einen direkten Draht und werde von allen respektiert. Einige meiner Klienten haben mich deshalb auch als »Rechtsanwältin Frau Vorkul« in ihrem Handy eingespeichert, obwohl ich gar keine Juristin bin.

Meine Arbeit ist mein Leben, und ich kann und will mir das auch gar nicht anders vorstellen. Aber es ist natürlich nicht immer ganz einfach, mit der großen Verantwortung umzugehen, die ich für andere Menschen trage. Weil mich alle in Cottbus kennen, komme ich mir manchmal vor wie eine berühmte Schauspielerin, die gar keine Privatsphäre mehr hat und ständig Autogramme geben muss.

Das ist natürlich nur ein Scherz, aber wenn ich einkaufen gehe oder mit meinem Hund einen Spaziergang mache, um auch einmal abzuschalten, kommt immer jemand auf mich zu und möchte meinen Rat haben. Ich kann dann nur schwer Nein sagen. Meine Kolleginnen und Kollegen nennen mich deshalb manchmal scherzhaft »Weltretterin«. Natürlich kann niemand die Welt retten. Aber wenn ich dazu beitragen kann, dass ein Mensch nach einem Gespräch wieder mit mehr Hoffnung nach vorn blickt, dann ist das ein Erfolg für mich.

Aufgezeichnet von Leon Stork

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026