Das »Soona Mahal« am Marine Drive in Mumbai fällt auf mit seinen fünf Stockwerken, dem Dachgeschoss, seinen Farben – Crème und ein warmes Rostbraun – und mit dieser schlichten, vornehmen Artdecó-Front, die vermuten lässt, wie es dort vor über 100 Jahren, als das Haus gebaut wurde, gewesen sein muss. Was man von dort oben wohl für einen Ausblick auf die Back Bay hat?
Vielleicht blickten Ellie und Max Lesser auch manchmal auf die Bucht vor Mumbai und fragten sich, wie es wohl gerade in Dresden sei? Das Ehepaar, das im Soona Mahal viele Jahre eine Pension für jüdische Geflüchtete betrieb, war selbst geflohen – ohne Hilfe, auf eigene Faust. Max Lesser war in Dresden Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, Ellie engagierte sich im jüdischen Frauenverein. Beide waren eng mit der Stadt verbunden und hätten sich nie vorstellen können, dass sie ihre Heimat an der Elbe verlassen müssen.
Von den Nazis verhaftet und ins KZ Buchenwald verschleppt
Doch es kam anders: Während der Pogromnacht wurde Max von den Nazis verhaftet und gemeinsam mit 10.000 jüdischen Männern ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Das perfide »Angebot« der Nazis: Wer sich bereit erklärte, auf seinen gesamten Besitz zu verzichten und Deutschland zu verlassen, wurde entlassen. Da eine Nichte von Max Lesser bereits in Indien lebte, machte sich das Ehepaar auf den langen Weg in das damalige Bombay.
Die Jewish Relief Association half den neu ankommenden jüdischen Geflüchteten, auf dem Subkontinent Fuß zu fassen.
Es sind Lebensläufe wie der der Lessers, die die Leipziger Journalistin Iris Völlnagel recherchiert hat. Dazu gebracht habe sie eine Zufallsbegegnung mit Margit Franz, Historikerin an der Uni Graz, 2018 in Indien. So sei sie »auf den jüdischen Friedhof Chinchpokli in Mumbai gegangen und habe dort eine Tafel gesehen in Erinnerung an Alfred W. Rosenfeld, der aus Heilbronn kommt. Und weil das auch meine Heimat ist, hat mich das einfach angesprochen«, erzählt Völlnagel, die derzeit an einem Buch über Rosenfeld, eine tragende Figur der JRA, arbeitet.
Die drei Buchstaben stehen für die Jewish Relief Association, einen von Juden in Mumbai gegründeten Verein, der den neu ankommenden jüdischen Geflüchteten half, auf dem Subkontinent Fuß zu fassen. Sie griffen den Ankommenden in Fragen von Einreiseformalitäten, dem Umgang mit den indischen Behörden oder der Suche nach Arbeit unter die Arme.
Flucht- und Lebenswege
Über die Flucht- und Lebenswege der Jüdinnen und Juden, die nach Indien gehen mussten, ist nur wenig bekannt. Auch wie viele Menschen diesen Weg suchten, ist nicht genau beziffert, sagt die Historikerin Franz, die seit vielen Jahren zum Thema forscht: »Die genaue Zahl werden wir wohl nie in Erfahrung bringen. Das liegt daran, dass nur Leute mitgerechnet wurden, die mit der Jewish Relief Association in Kontakt waren, und das waren circa 2500. Aber durch meine persönlichen Forschungen habe ich herausgefunden, dass es wesentlich mehr waren.«
Es waren nicht nur Informationen wie diese, die Völlnagels Interesse am Thema weckten. Auch, den »Holocaust, die Vertreibung aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen, will heißen: von einem anderen Schauplatz aus«, habe sie neugierig gemacht. Schließlich sei den meisten Deutschen nur sehr wenig über das Exilland Indien bekannt, betont Völlnagel. »Ich wusste nicht, wie der Krieg sich dort entwickelt hat, was das eigentlich auch für die Menschen bedeutet hat. Und auch zu sehen, wie schwierig es war zu emigrieren.«
Indien, das damals noch eine britische Kolonie war, war kein Zufluchtsort für jedermann: Besonders Männer mit technischen Berufen und Ärzte waren gern gesehen, genauso wie Künstler. Eine Art »Brain Gain für Indien«, sagt Historikerin Margit Franz und meint einen gezielten Versuch, von den Kompetenzen der Neuankömmlinge zu profitieren. Aber: »Alleinreisende Frauen hatten es unheimlich schwer in Indien«, erläutert Franz mit Blick auf eine patriarchal geprägte Gesellschaft, in der »Frauen noch unter der Schirmherrschaft der Männer und der Familien standen«. Auch Ungelernte hatten Schwierigkeiten, Aufnahme zu finden, da es genügend einheimische Arbeitskräfte gab.
Einreisebedingungen aufgrund der geopolitischen Lage weiter verschärft
Zu dem Zeitpunkt, als das Dresdner Ehepaar Lesser nach Indien aufbrach, hatte das Land zudem die Einreisebedingungen aufgrund der geopolitischen Lage weiter verschärft: Immigranten brauchten nun ein Visum und einen Bürgen, der unter anderem versprach, für den Lebensunterhalt der Neuankömmlinge aufzukommen.
Um ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, eröffneten die Lessers in Mumbai eine Pension, in der auch andere jüdische Geflüchtete einen ersten Unterschlupf fanden, wie Völlnagel recherchiert hat: »Diese Pensionen, das waren auch Unterkünfte für Neuankömmlinge oder für Flüchtlinge, die noch immer keine Wohnung hatten. Und es waren auch Orte, an denen man sich einfach treffen und austauschen konnte, an denen man in Erfahrung bringen konnte, wo es einen Job gibt, wo man einkaufen geht, wo man seine Freizeit verbringen kann.«
Die Pension, die im zweiten Stock des Soona Mahal untergebracht war, diente unter anderem dem Drehbuchautor Willy Haas als Unterkunft. Auch der Musiker Walter Kaufmann kannte Lessers Pension.
Doch auch in Indien war das Leben für Max und Ellie nicht leicht. So wurde Max gleich zweimal von den indischen Behörden verhaftet und in ein Lager gesperrt: diesmal als Staatsbürger eines Landes, das gegen das britische Königreich Krieg führte. In diesen Lagern waren Juden Seite an Seite mit Nazis eingesperrt. Die seien damals noch sehr selbstbewusst aufgetreten, in der Annahme, dass das Deutsche Reich den Krieg bald gewinnen würde, erzählt Historikerin Franz, »und da ist es zu relativ vielen Übergriffen (auf Juden, Anm. d. Red.) gekommen«.
Ihre Pension am Maine Drive war ein Ort der Geflüchteten, wo man sich traf und austauschte.
Zwar konnte Max Lesser nachweisen, dass er keine Bedrohung für die Krone darstellte, weswegen er entlassen werden konnte, dennoch nahm das Schicksal für das Ehepaar seinen traurigen Lauf: Im Dezember 1941 nahm sich Ellie Lesser das Leben. Sie sei, so heißt es, vom Balkon gestürzt. Iris Völlnagel findet es wichtig, auch solche Geschichten zu erzählen, »weil man ja immer denkt, die, die nicht umgekommen sind, die haben ja überlebt, denen geht’s ja gut«.
Max starb wenige Jahre nach seiner Frau, beide sind auf dem Friedhof Chinchpokli begraben, wie auch knapp 40 weitere Jüdinnen und Juden, die nach Indien geflüchtet waren. Völlnagel ist es ein Anliegen, »dass wir es irgendwann einmal mit modernen technischen Mitteln – die es ja gibt heutzutage – schaffen, dass Leute, die auf diesen Friedhof kommen, mehr über das Schicksal der Flüchtlinge aus Europa erfahren«.
Die Quellenlage ist oft sehr schwierig
Und auch Margit Franz forscht weiter, und das, obwohl die Quellenlage oft sehr schwierig ist. Denn nur sehr wenige jüdische Exilanten blieben nach Kriegsende in Indien, die meisten zogen weiter. Auch deshalb sind die Quellen überall in der Welt zu finden. Doch davon lässt sich Franz nicht aufhalten, denn: »Ein Punkt, der mir in meiner wissenschaftlichen Karriere sehr wichtig ist, ist es, Indien in die Landkarte des internationalen Exils vor dem Nationalsozialismus einzuschreiben.«
Das Soona Mahal am Maine Drive, dieses wunderbare Art-decó-Gebäude mit den warmen Farben, ist so ein Punkt des Exils. Eine Pizzeria befindet sich heute im Gebäude, auch eine Bankfiliale. Hinweise auf Max und Ellie Lesser gibt es aber nicht, noch nicht.