So weit das Auge reicht. Zweitakter knattern, rattern, klingen wie rostige Nähmaschinen, Vuvuzelas auf Rädern, vom Tower des Grasflugplatzes am Rande der thüringischen Stadt Suhl über die Brache und Felder. »Zwiebacksägen« hießen sie im Volksmund der DDR. Mopeds vor allem der Modelle S51 und S52, unkaputtbare Roller der Marke »Schwalbe« oder die seltenen Exemplare der sogenannten Vogelreihe: »Sperber«, »Spatz«, »Star« oder »Habicht« spucken Gift – und gute Laune.
Es sind Tausende. Und beinahe ebenso viele Zelte pferchen sich auf dem abgetretenen Rasen. Toxische Wolken quer durch die Menge quirlender Maschinen mischen sich mit Holzkohle, Bratwurstduft und der »Miss«- und »Mister Simson«-Wahl zum Sound des Ostens.
Etwa zur selben Zeit beginnt rund 50 Kilometer entfernt, in Erfurt, der Bundesparteitag der AfD. Gegendemonstrationen beschäftigen Hundertschaften der Polizei, die in ebenso langen Konvois aus allen Richtungen anreisen. Die Proteste bleiben weitgehend friedlich.
In Suhl sitzen derweil halb nackte Halbstarke, Väter und Großväter im Biker-Outfit, Kleinkinder, Mütter mit großflächigen Tattoos, Omas in Lederkluft auf den Mopeds »Made in GDR« – man glaubt es kaum: manchmal alle zusammen. Die Dinger ziehen, tragen, schieben einfach alles. 60 Stundenkilometer dürfen sie offiziell fahren, doch die eine oder andere Maschine wurde schon mit weit über 100 geblitzt.
Seit 2002 werden die Mopeds nicht mehr produziert
Seit 2002 werden die Mopeds nicht mehr produziert. »Sechs Millionen sind vom Band gelaufen, und sieben Millionen sind auf der Straße«, bringt Hartmut Göbel vom Förderverein des Suhler Simson-Museums das Phänomen auf den Punkt.
Das kleine Suhl mit seinen rund 35.000 Einwohnern ist an diesem Juli-Wochenende im Ausnahmezustand. Einmal im Jahr treffen sich die Simson-Fans, diesmal zum zehnten Mal. Tausende Moped-Enthusiasten sind auf ihren herausgeputzten Legenden gekommen, aus allen Teilen der Bundesrepublik und sogar aus Belgien, Holland oder England.
Hinter den meisten Bikern verbirgt sich jedoch eine eher heimische Biografie. »Ich bin gebürtiger Sachse, aus Hoyerwerda«, sagt Martin Barthol, 38, auch wenn er mit dem rund 50 Mann starken Verein »Simson Freunde Bonn« und mehreren Anhängern aus der Eifel angereist ist. Sein Vater habe ihn bereits als Sechsjährigen auf der Simson mitgenommen, »seither bin ich ein gebranntes Kind«.
Sein Prunkstück, eine dunkelgrüne S51, stößt nicht bei allen auf spontane Gegenliebe. In dem aufgeklappten Tank steckt eine Batterie, den Eigenbau-Satz zur Umstellung auf »Umwelt« einer Berliner Firma beziffert er auf rund 9000 Euro.
Auf jeden Fall ist die Sache kultig: »Man kann alles selbst machen«, sagt der Industriemechaniker, »und mit ein bisschen Pflege gibt einem die kleine Maschine eine Menge Fahrspaß«. Schon mit seinem Vater habe er an diesen Mopeds herumgeschraubt. Die Zeiten ändern sich. »Ich finde die Idee gut, und die Umweltzonen werden größer.«
Die AfD nutzt den Sound der Zwiebacksägen für ihre Zwecke
Der Generationen übergreifende Stolz auf das Phänomen Ost, die Verlängerung und Weitergabe gefühlt unbeschwerter Jugend, ist nicht zu übersehen. Das ruft nicht nur Anhänger auf den Plan, sondern auch Trittbrettfahrer und politische Profiteure. So hat etwa die AfD und namentlich der rechtsradikale thüringische Parteivorsitzende Björn Höcke den Sound der Zwiebacksägen nicht erst seit gestern für seine Zwecke genutzt.
Mehrfach tourte der ehemalige Geschichtslehrer medienwirksam mit Gleichgesinnten auf Schwalben und Spatzen durch Ostdeutschland und instrumentalisierte die Marke Simson für die politische Inszenierung der AfD und deren Wahlkampf – dabei trägt sie ausgerechnet den Namen ihrer jüdischen Gründer.
»Sechs Millionen liefen vom Band, sieben sind auf der Straße.«
Gegen die politische Vereinnahmung durch die AfD verwahrte sich nun der in den Vereinigten Staaten lebende Sprecher der Erbengemeinschaft, Dennis Baum. Er ist der Enkel von Mina Simson, der Tochter eines der Firmengründersöhne.
1854 legten die Brüder Löb und Moses Simson den Grundstein für ihre Firma »Simson & Co.«
1854 hatten die Brüder Löb und Moses Simson mit dem Erwerb eines Drittels eines Eisenerzbetriebes den Grundstein zur Firma »Simson & Co.« gelegt. »Sie produzierten zunächst alles Mögliche, Teller, Tassen, Jagd- und Militärwaffen, und irgendwann auch Fahrzeuge«, sagt Thorsten Orban, Leiter des Suhler Simson-Museums, der auf dem Festival im durchgeschwitzten Hemd zwischen seinem Stand und der Moderation verschiedener Formate wie der Kür der interessantesten Nach- und Umbauten hin- und herpendelt.
1918 zählte der Betrieb bereits 3500 Angestellte und war damit der größte Arbeitgeber der Region. »Die Leute sagten mit Stolz: ›Ich bin beim Jüd‹«, erzählt Orban, der als junger Mann selbst noch bei Simson gelernt hat. 1936 wurde die Unternehmerfamilie enteignet, es gelang ihr die Flucht nach Amerika.
Aufgewühlt durch den Vereinnahmungsversuch durch die AfD
Zum lautstarken Treffen der Moped-Fans schaffte es der 80-jährige Dennis Baum an diesem Morgen aus logistischen Gründen nicht. Wohl aber am Vortag ins Museum und zum ehemaligen Haus seiner Familie. Er sei, aufgewühlt durch den für ihn völlig inakzeptablen Vereinnahmungsversuch, erst zum zweiten Mal in Deutschland, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Baum besuchte die Erfurter jüdische Gemeinde, feierte mit ihr Schabbat. Im Museum bewunderte er den »Simson Supra«, Baujahr 1926, den seine Vorfahren konstruiert hatten. Das letzte »Missing Link« sozusagen. In der Nachkriegszeit begann dann die Produktion der Mopeds. »Wir hatten damit gar nichts mehr zu tun«, sagt Baum. Gleichwohl begrüße er die Begeisterung über die Fahrzeuge, die im Namen seiner Familie hergestellt wurden.
Baum besuchte die Gräber seiner Vorfahren und das »Festival der Demokratie« in Erfurt. Vor dem Haus seiner Familie verneigte er sich an den Stolpersteinen und brachte eine Rose an der Tür der maroden Villa an. »Das war ein sehr emotionaler Moment«, erzählt er. Doch sei er entsetzt über den Verfall der Gründervilla.
Im Auftrag der AfD hergestellte Artikel, die das Logo der Firma Simson und jenes der Partei tragen
Zugleich errang er einen wichtigen Sieg: Gerichtlich erwirkte die Gesellschaft zur Verfolgung vor Urheberrechtsverletzungen (GEZA), dass die im Auftrag der AfD hergestellten Artikel, die das Logo der Firma Simson und jenes der AfD tragen, vernichtet werden müssen und in Zukunft nicht mehr produziert werden dürfen.
»Die Idee der Simson-Klubs und der Ausfahrten in großen Gruppen ist wirklich gut und sozial gesund. Wir als Familie freuen uns darüber und unterstützen das«, sagt Baum. »Das Problem ist nur, wenn die AfD Poster und T-Shirts damit bedruckt.«
Museumsleiter Orban wiederum erklärt, wie es zu dem Hype um die Zweiräder kam: »Die DDR wollte leistungsstarke Mopeds herstellen, die man selbst reparieren konnte. Erst ab 48.000 Kilometer Laufleistung wurden sie in Serie produziert.« Nach dem Konkurs erwarb die findige Firma MZA Meyer Zweiradtechnik-Ahntal mit Niederlassungen in Vellmar und Meiningen einen Großteil der Vermögenswerte.
Eine thüringische Firma baut und liefert unablässig Ersatzteile für die heiß begehrten Mopeds
Sie hat sich einzig auf den Nachschub konzentriert, baut und liefert unablässig Ersatzteile für die heiß begehrten Mopeds, die in etlichen Familien an die nächste Generation weitergereicht werden – bis hin zum Motorblock, den Mister und Misses Simson an diesem Samstag ohne Anleitung, aber mit großer Anteilnahme zusammenbauen müssen. MZA organisiert auch das jährliche Festival in Suhl, man nennt das dann eine Win-win-Situation.
Auf dem Treffen selbst sei laut Christian Cnyrim, Sprecher der MZA, keine Fahne, kein Banner oder Aufkleber jeglicher Partei erlaubt, man greife da hart durch. Und in der Tat ist die Dichte an »Londsdayle«-T-Shirts, die allgemein gern im rechtsextremen Milieu getragen werden, zwar hoch, aber es ist weit und breit kein einziges AfD-Emblem zu sehen.
Nicht einmal, als alle Fahrzeuge durch das Tor des ehemaligen Werksgeländes defilieren: von der »Mauerschwalbe«, den teuren »customized« Modellen über das Miniaturvehikel bis zu dem zur Rikscha umgebauten ehemaligen Krankenfahrzeug. Mehr als eine halbe Stunde dauert es, bis der letzte Knatterton verstummt und sich die Wolken des Zweitaktgemischs langsam verflüchtigen.