Weiße Buchstaben auf rußgeschwärztem Grund: »Pool – Straße – Bleibt«, daneben ein Herz. Mit Kreide hat jemand diese Worte an die Apsis des Israelitischen Tempels in Hamburg geschrieben. Eine alte Backsteinwand, an der die Geschichte ihre rußigen Spuren hinterlassen hat.
Als der Tempel im September 1844 eröffnet wurde, war an der Stelle, an die heute das weiße Herz gemalt ist, der Innenraum der Synagoge. Von dort aus blickte man in einen Raum, in dem mehr als 600 Frauen und Männer Platz fanden. Nur die Wand mit der Apsis, dem hohen kuppelhaften Bogen, ist von dem prächtigen Bau übrig geblieben; sie hielt allen Angriffen stand, auch dem letzten, einer Bombe der Alliierten im Jahr 1944. Alle anderen Teile der Synagoge wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Über Jahrzehnte sammelten sich Schutt und Staub an. Eine Druckerei zog in die Nebengebäude, auch eine Autowerkstatt. Das Haus, das einst als der erste liberale Tempel in Deutschland galt, war dem Verfall überlassen und eine Sache für den Denkmalschutz.
Seit einigen Jahren wächst das Interesse am Hinterhof in der Poolstraße in der Hamburger Neustadt. Und eine vor ein paar Monaten eröffnete Ausstellung mit dem appellativen Namen »Bewahrt im Verborgenen« war sogar Teil des Architektursommers in der Hansestadt. Sie will historische Schichten, bauliche Zeugnisse sowie deren Bedeutung und ihre zukünftige Nutzung sichtbar machen – und lud Besucherinnen und Besucher ein, den Ort als jüdisches Kulturdenkmal zu entdecken.
Die meisten Zeugnisse jüdischen Lebens in Hamburg sind nicht mehr auffindbar.
Die meisten Zeugnisse jüdischen Lebens in Hamburg sind allerdings nicht mehr auffindbar, betonte Hendrik Althoff, Historiker am Institut für die Geschichte der deutschen Juden, in seinem Vortrag bei der Ausstellungseröffnung. Zu der Veranstaltung kamen Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel sowie Vertreter des zur Finanzbehörde gehörenden Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) »steg Hamburg«, der Verein »TempelForum« sowie Nachbarn des Ruinengeländes und Hamburger Jüdinnen und Juden.
Ein neuer Ort der Begegnung
Der LIG hat das Grundstück des Tempels 2020 erworben und ein Nutzungskonzept erarbeitet, in das alle Beteiligten und für die Sanierung des Tempels Engagierten involviert sein sollen. Ziel ist es, die Ruine des Israelitischen Tempels dauerhaft zu sichern, für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und einen neuen Ort der Begegnung zu schaffen.
In diesem Jahr wird die Erforschung der Ruine fortgesetzt. Der bisherige Stand ist in der Ausstellung auf großen Schautafeln nachzulesen. Eine Zeitleiste gibt einen Überblick über die wichtigsten Daten in der Geschichte des Tempels, kleine Lesetafeln erläutern, was wann geschah, sie lassen die Geschichte der Backsteinwände erahnen.
Fast wie ein Geheimnishüter hängt eine riesige Plastikplane vor der Apsis: Sie soll die restauratorischen, bauhistorischen und archäologischen Forschungsarbeiten vor Witterung und Staub schützen, denn parallel wird der Schutt, der sich im Lauf der Jahrzehnte angesammelt hat, fachgerecht weggeräumt, um die archäologische Untersuchung der Apsis zu gewährleisten. Bodenteile der Tempelruine werden entsiegelt und durch archäologische Schürfungen untersucht.
Klare Vorstellung
Was mit den Ruinen im Hinterhof geschehen soll, davon hat Hamburgs Finanzsenator eine klare Vorstellung: »Wir möchten den ehemaligen Israelitischen Tempel an der Poolstraße zu einem besonderen Ort machen – für das jüdische Leben in Hamburg, für die Stadtgesellschaft und darüber hinaus. Schon die ›New York Times‹ fragte an«, sagte Andreas Dressel im Frühjahr. Vorher müsse man jedoch wissen, »wo in der Ruine etwas ist, was wir erhalten wollen«.
Der Israelitische Tempel Hamburg hat eine besondere Geschichte: Niemand interessierte sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs für die Ruine des Judentums an der Poolstraße. In den Jahren danach verfiel das Gebäude. Vielleicht fehlte das Interesse – vielleicht aber überwog auch die Scham über die Schoa. Viele der jüdischen Familien aus dem Viertel waren ermordet worden.
Wie Familie Zuckermann: Kiba und Chaim Moses mit ihren Töchtern Mathilde, Ruchla und Miriam. Sie alle wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet, Mathilde wurde bereits 1940 bei der »Aktion T4« in einer »Heilanstalt« in Brandenburg umgebracht. Einige Stolpersteine vor der Tempelruine erinnern seit März 2023 an die Zuckermanns.
Verkauf des Grundstücks an einen Investor
Auch der Hamburger Senat hat sich in den vergangenen Jahren wieder der Geschichte der Tempelruine angenommen – allerdings erst, nachdem Bürgerinnen und Bürger den drohenden Verfall der alten Mauern verhindern wollten. Anlass war der Verkauf des Grundstücks an einen Investor. Viele Hamburger befürchteten den vollständigen Abriss der ehemaligen Synagoge.
Der Senat nimmt sich seit einigen Jahren der Geschichte der Tempelruine an.
Lag der Fokus bis dahin auf dem benachbarten Grindelviertel mit der Bornplatzsynagoge, sollte nun auch der Israelitische Tempel in den Blick genommen werden.
Im Jahr 2000 wurde die Apsis der Ruine unter Denkmalschutz gestellt. 2018 erging ein Bauvorbescheid zur Wohnbebauung an den damaligen Eigentümer. Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden und die Nachbarn waren alarmiert. Miriam Rürup, damals Direktorin des Instituts, initiierte den Verein TempelForum. Ergebnis: Im Dezember 2020 erwarb die Hansestadt das Gelände mit dem Ziel, die Ruine zu sanieren. Seit fünf Jahren organisiert der Verein TempelForum in seiner Reihe »SalonAtelier« Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen und auch Führungen durch die Ruine.
Das Reformjudentum, so heißt es, sei einst von Hamburg in die Welt gezogen. Von der Poolstraße bis nach Washington. Wer den Spuren folgen möchte, muss nicht weit reisen: Der Weg führt zurück nach Hamburg.