Porträt der Woche

Der Klang eines neuen Lebens

»Ich würde gern mal nach Mellrichstadt fahren, um Stolpersteine für meine Urgroßeltern verlegen zu lassen«: Hannah Katz (34) Foto: Chris Hartung

Porträt der Woche

Der Klang eines neuen Lebens

Hannah Katz stammt aus Boston und fühlt sich, auch wegen der Musik, in Berlin zu Hause

von Alicia Rust  19.04.2026 14:58 Uhr

Singen ist meine Leidenschaft, und das bereits seit frühester Kindheit. Deshalb bin ich auch in zwei Chören, dem Hebräischen Chor und Lekulam, in meiner Wahlheimat Berlin aktiv. Geboren und aufgewachsen bin ich in Boston, Massachusetts. Meine Schwester ist nur 14 Monate jünger als ich, wir standen uns immer sehr nahe. Im Dezember hat sie geheiratet, weshalb ich vor nicht allzu langer Zeit in den USA war. Normalerweise bin ich zweimal im Jahr bei Familie und Freunden zu Besuch.

Massachusetts ist ohnehin eine Art Blase. Der Bundesstaat gilt als liberal und demokratisch, ansonsten würde ich vielleicht auch nicht so oft dorthin reisen. Aufgewachsen bin ich nicht weit von Boston, in Newton. Dort gibt es einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil, sodass manchmal auch von »Jewton« gesprochen wird. Unsere Familie ging in die Reformsynagoge, und zweimal in der Woche besuchte ich die Hebrew School.

Heute wird hingegen alles auf den Kopf gestellt, woran wir jemals geglaubt haben.

Meine Familie war nicht sehr religiös, ich würde uns eher als »Kulturjuden« bezeichnen. Natürlich begingen wir die Feiertage und hatten bestimmte Rituale. Auch gab es Zeichen unserer Zugehörigkeit, beispielsweise eine Mesusa an der Haustür, aber wir besuchten ganz normale öffentliche Schulen. Mein jüdisches Umfeld war eine Selbstverständlichkeit für mich.

Meine väterlichen Vorfah­ren kommen aus einer kleinen bayerischen Stadt, aus Mellrichstadt, wo es bereits seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde gegeben haben soll. Mein Großvater Justin wurde in der Pogromnacht 1938 festgenommen, seine Eltern Phillip und Selma hatten eine Metzgerei. Glücklicherweise konnten meine Urgroßeltern gerade noch Visa für meinen Opa und seine zwei Jahre ältere Schwester Herta bekommen. Meine Urgroßeltern wurden hingegen in Majdanek ermordet.

Mein Großvater war 22 Jahre alt, als er in New York ankam. Nur noch ein einziges Mal kehrte er nach Deutschland zurück, um seine Papiere zu holen. In meiner Kindheit stand er mir sehr nahe. Trotzdem sprach er nur sehr selten über seine alte Heimat, er hat nie verwunden, was damals geschehen ist. Obwohl mein Opa den Rest seines Lebens in den USA verbrachte, wurde er seinen deutschen Akzent nicht los. Die Familie meiner Mutter kam aus Hamburg nach Boston, das aber bereits vor dem Zweiten Weltkrieg.

Heute würde ich mich als religiös bezeichnen

Während der Highschool-Zeit begann ich mich zunehmend für Deutschland zu interessieren – es war auch das einzige Mal, dass ich erlebt habe, wie mein Großvater richtig wütend wurde, weil ich ihm von meinem Wunsch erzählte, eines Tages nach Deutschland zu ziehen.

Ich bin noch nie in der bayerischen Kleinstadt gewesen, aus der er kam, aber ich würde gern einmal hinfahren, vor allem, um Stolpersteine für meine Urgroßeltern verlegen zu lassen. Dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, ist wichtig für mich. In meinem Herzen fühlte ich, dass ich irgendwie nach Deutschland gehöre, auch als Jüdin. Beides gehört für mich zusammen.

Heute würde ich mich als religiös bezeichnen, und das rührt daher, dass ich 2018 erstmals nach Deutschland zog, einen Teil der Covid-Pandemiezeit aber wieder in Boston verbrachte. Als ich zurück nach Berlin kam, hatte ich diese Initialzündung, mich mehr mit dem Judentum zu befassen. Eines Tages besuchte ich deshalb die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße. In Deutschland fühlte ich mich noch ein wenig fremd, weil ich die Sprache nicht so gut beherrschte.

Doch in der Synagoge spürte ich plötzlich, dass es sich um dieselben vertrauten Zeremonien und Gebete handelt, die auch schon meine Vorfahren kannten. Das ist das, was uns alle auf der ganzen Welt zusammenhält. Ich besuchte einen Morgengottesdienst, und plötzlich fühlte ich die Verbindung. Hinzu kam die Musik, in der ich mich sofort zu Hause fühlte. In Boston hatte ich Musik studiert und war in die Opernszene eingebunden. Allerdings hatte es auch Jahre gegeben, in der ich sie ruhen lassen musste. Damals ging es mir psychisch und physisch nicht gut, und ich musste erst wieder zu mir selbst finden. Ich habe eine partielle Gesichtslähmung, was dazu führte, dass ich mich manchmal unsicher fühle.

Während der Schabbat-Gottesdienste in Berlin stellte ich plötzlich fest, dass ich wieder singen konnte und zu meiner Stimme zurückgefunden hatte. Mit der Zeit kamen Leute zu mir und sagten, was für eine schöne Stimme ich doch hätte. Dadurch konnte sich meine Unsicherheit legen. Langsam kam mein Selbstvertrauen zurück. Endlich konnte ich so singen, wie es mir natürlich erschien, als Sopranistin. Mir liegen die hohen Töne.

Vor zwei Jahren wurde ich dann gefragt, ob ich Gabbai werden will. Ich wusste vorher gar nicht, was das genau ist. Seither sind der Freitagabend und der Samstagmorgen in der Oranienburger Straße fester Bestandteil meines Lebens. Manchmal freue ich mich schon die ganze Woche auf diesen Abend und den Morgen. Es ist eine Verpflichtung, aber eine wunderschöne.

Trotz allem schaue ich der Zukunft mit Zuversicht entgegen.

Im Grunde bin ich ziemlich schüchtern und brauche immer eine Weile, bis ich Menschen vertrauen kann. Insofern hat mich dieser Schritt dazu gebracht, offener gegenüber meinen Mitmenschen zu werden. Auch die beiden Chöre sind ein fester Bestandteil meines Lebens. Gegenwärtig bin ich als freiberufliche Sängerin unterwegs, in Boston war ich Grundschullehrerin für Kunst, Musik und Gesang. Das ist etwas, das ich gern wieder aufnehmen würde. Die Arbeit mit Kindern hat mir immer großen Spaß gemacht.

Warum ich nach Deutschland gekommen bin? 2015 war ich in Berlin, um eine Freundin zu besuchen, und blieb einen Monat. Wie andere Musiker stellte ich fest, dass hier viel mehr los ist in der klassischen Musik als in den USA. Für Opernsänger wie mich schien diese Stadt so viel mehr an Möglichkeiten zu bieten. Ich lebe in einer Wohngemeinschaft, für mich eine gute Situation, weil meine Mitbewohner mit der Zeit fast so etwas wie eine erweiterte Familie geworden sind. Durch sie habe ich weitere Leute kennengelernt. Ich bin sehr glücklich, weil ich gute Freunde habe. Meine beste Freundin in den USA kenne ich seit Kindergartentagen. In den Ferien besuchte ich damals Opern-Sommercamps, aus dieser Zeit kenne ich auch noch viele Leute.

Mein Vater ist Chef einer Firma, die Maschinenteile wie Kugellager verkauft. Sie wurde von meinem Großvater gegründet, ist also ein richtiges Familienunternehmen. Meine Mutter war früher Aerobic-Lehrerin, später arbeitete sie in einer Boutique.

Meine Eltern haben keine Probleme damit, dass ich in Deutschland lebe. In gewisser Weise sind sie sogar stolz darauf, dass ich hier mein Leben meistere. Manchmal ist es nur hart, dass wir uns so selten sehen.

Wenn man nicht aus der Geschichte lernt, wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit

Nach dem 7. Oktober 2023, als Nachrichten über antisemitische Anschläge um die Welt gingen, machte sich meine Familie natürlich große Sorgen. Die gesamte Situation erscheint mir manchmal surreal. Auch dass hier inzwischen wieder Dinge geschehen, die meine Vorfahren bereits erlebt haben. In meiner Umgebung in Friedrichshain fühle ich mich sicher. Viele Menschen haben plötzlich Angst, weil sie ausgegrenzt oder bedroht werden. Was mir manchmal über das alles hinweg hilft, ist mein schwarzer Humor. Ich liebe es, andere zum Lachen zu bringen.

In meiner Kindheit war Bill Clinton Präsident. Rückblickend erscheint es mir eine stabile Zeit. Wenn man nicht aus der Geschichte lernt, wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit. Was kann man dagegen tun? Manchmal habe ich das Gefühl, dass es die kleinen Dinge sind. Jeder von uns kann sich engagieren. Ich gehe zwar nicht mehr so häufig wie früher auf Demonstrationen, aber ich beteilige mich. Und ich versuche, mich mit anderen engagierten Menschen zu verbinden. Ich habe vor, in Deutschland zu bleiben, auch als Repräsentantin meiner Familie.

Als Mitglied der zwei Chöre habe ich das Gefühl, dass wir Brücken zu anderen Menschen, Kulturen und Religionen bauen können. Trotz allem schaue ich der Zukunft mit Zuversicht entgegen. Jede Bewegung generiert eine Gegenbewegung, ähnlich wie ein Pendel. Hoffen wir auf bessere Zeiten.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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