Bereits am dritten Tag nach dem Überfall auf Polen nahmen die Deutschen Częstochowa im Süden Polens ein. Sie benannten die Stadt in Tschenstochau um und richteten ein Ghetto ein. Dessen »Liquidation« im Herbst 1942 löschte die traditionsreiche jüdische Gemeinde nahezu vollständig aus, mehr als 40.000 Menschen wurden nach Treblinka deportiert und fast ausnahmslos ermordet.
Übrig blieb nur das sogenannte Kleinere Ghetto mit einer Handvoll jüdischer Zwangsarbeiter. Zu den wenigen Überlebenden aus diesem Kleinen Ghetto gehörte der junge Shlomo Birnbaum, der nach dem Krieg nach München gelangte und sich hier ein neues Leben aufbaute. Geboren 1927 in Kattowitz, erlebte er den Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Alter von knapp zwölf Jahren. Seine behütete Kindheit fand damit ein jähes Ende: Seit dem Überfall der Nationalsozialisten liege ein Stein auf seinem Herzen, so heißt es in seiner gleichnamigen, gemeinsam mit Rafael Seligmann verfassten Autobiografie aus dem Jahr 2016. Und »alle Freude und Genugtuung vermochten nicht, diesen Stein abzuschütteln«.
Anstelle von Shlomo Birnbaum, der 2018 hochbetagt in München gestorben ist, sprach zur Jom-Haschoa-Gedenkstunde in der Synagoge »Ohel Jakob« am Jakobsplatz sein Sohn Ilan. Dank einer großzügigen Spende der Familie konnte an diesem Abend das Buch mit Shlomos Erinnerungen, aus dem auch Ilan Birnbaum vortrug, an die Zuhörenden verteilt werden. Gedemütigt, verprügelt und in tiefster Angst war der junge Shlomo vor einem SS-Mann im Kleinen Ghetto geflohen.
Dass Shlomo Birnbaum in seinem Versteck unentdeckt blieb, bezeichnete sein Drittgeborener Ilan als ein Wunder.
Die Stimme seines Vaters hatte ihn dazu gedrängt, immer weiter zu rennen. Obwohl sein Körper schmerzte und selbst das Atmen eine Qual war, entkam er seinen Verfolgern und konnte sich verstecken. Seinen Vater bezeichnete Shlomo deshalb später als seinen Malach HaGoel, seinen rettenden Engel. Aus der engeren Familie überlebten nur die beiden, Shlomos Mutter und alle vier Geschwister wurden ermordet.
Dass Shlomo Birnbaum in seinem Versteck unentdeckt blieb, bezeichnete sein Drittgeborener Ilan als ein Wunder. In seinem Vortrag konzentrierte er sich eigenen Angaben zufolge auf die Traumata, die den Vater zeit seines Lebens am meisten verfolgt hatten. »Er hat eine Familie gegründet, hier in Deutschland, und er hat ein Buch geschrieben über das, was er durchgemacht hat«, erklärte Ilan, »aber ich hatte dieses Buch bisher nie richtig gelesen. Das fertige Werk aufzuschlagen und das Leid meines Vaters in eigenen Worten zu lesen, das vermochte ich nicht.«
Der anschließende Bericht über die Auflösung des Großen Ghettos ist eines von unendlich vielen Zeugnissen der Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten. Es geschah in der Nacht von Jom Kippur: Der Schoa-Zeitzeuge Shlomo Birnbaum schildert, wie er das Vorgehen des kaltblütigen Schutzpolizei-Hauptmanns Paul Degenhardt mitansehen musste, der die Menschen durch die Straßen treiben und erschießen ließ. Sein Vater, der als Fuhrmann gebraucht und daher zunächst verschont wurde, durfte einen Helfer benennen – Shlomo. Auf dem Weg zur Tür fiel dessen Blick auf die Mutter, die den kleinen Bruder Abraham im Arm hielt und ihn ermutigte zu gehen. Er sollte beide nie wiedersehen.
Seiner getöteten Vorfahren gedachte Ilan Birnbaum abschließend sehr gegenwärtig: »Mord verjährt nicht. Und er kann weder vergessen noch vergeben werden.« Scharf kritisierte er auch angesichts dieser Erinnerungen den aktuellen Antisemitismus, der den Begriff des Genozids missbrauche, um eine Täter-Opfer-Umkehr gegenüber dem jüdischen Staat zu betreiben.
Neben Birnbaum trugen Jonathan Glassman, Dana Pekler und Jonathan Zoller vom Jugendzentrum Neschama Texte im Andenken an die Opfer des Holocaust vor, in denen die Verbundenheit mit den Liebsten im Mittelpunkt stand. Einer davon stammt aus einer Flaschenpost, die in der Erde vergraben überdauerte, »der letzte Gruß von Chaim«. Darin bezeugt der Autor das »Sterben in Einsamkeit im Namen derer, die keine Stimme haben«.
Er erlebte den Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Alter von knapp zwölf Jahren.
Der letzte Brief der gemeinsam mit ihrem Sohn in Auschwitz ermordeten Vilma Grunwald an ihren Mann hingegen ist das Zeugnis einer tiefen Liebe im Angesicht des sicheren Todes. Neben den Vertretern des Jugendzentrums kamen an diesem Abend auf Initiative des Lehrers Eitan Küppers-Levi auch Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 12 des Helene-Habermann-Gymnasiums. Sie entsprachen damit auch dem Wunsch von IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch nach einer Weitergabe des Staffelstabs künftigen Gedenkens.
Der Synagogenchor Schma Kaulenu unter der Leitung von David Rees und mit Luisa Pertsovska am Klavier intonierte das Lied »Halicha LeKesarya«, »Ein Spaziergang nach Caesarea«. Der Text stammt von der 1944 hingerichteten Widerstandskämpferin Hannah Szenes. Als eine inoffizielle Hymne Israels ist das bewegende Lied für seine Eingangsworte »Eli, Eli!«, vertont von David Zehavi, bekannt geworden.
Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman gemahnte in seiner Einführung an die dringende Aufgabe, das Erinnern 81 Jahre nach Kriegsende aufrechtzuerhalten, und dankte Ilan Birnbaum dafür, seinem »Vater seine Stimme zu leihen und zu zeigen, was es bedeutet, als Kind von Holocaust-Überlebenden groß zu werden«. Shlomo Birnbaum habe mit der Gründung einer Familie in München gezeigt, dass er auch an eine Zukunft glaubte.