Am Ende wird sogar ein bisschen getanzt. Auch Sonja Bohl-Dencker steht auf, klatscht und versucht zu lächeln, während ihre Tochter Carolin auf dem großen Schwarz-Weiß-Foto vor der Bühne für immer eine hinreißende Schnute zieht. Am Sonntagnachmittag hat die Deutsch-Israelische Gesellschaft Gifhorn in der örtlichen Volkshochschule zu einem Benefiz-Erinnerungskonzert für Carolin Bohl und den Kibbuz Nir Oz eingeladen. Bohl war 22 Jahre alt, als sie am 7. Oktober 2023 im Schutzraum eines Hauses in Nir Oz – einem der am stärksten von den Hamas-Massakern getroffenen Orte im Süden Israels nahe der Grenze zum Gazastreifen – ermordet wurde.
Sie hatte bis dahin keinerlei Verbindung zu Israel, wollte jedoch ihren Freund Danny Darlington nach einer gescheiterten Beziehung aufmuntern. Dessen Familie hatte lange in Nir Oz gelebt, und er wollte Bohl die grüne Oase zeigen. Es sei der »Himmel auf Erden«, schwärmte Bohl im Telefonat mit ihrer Mutter. Dann kamen die Terroristen.
Das Programm des Benefiz-Nachmittags ist eine Mischung aus Konzert und Lesung: Die Klezmerband Cladatje spielt auf, und der Sprecher Robert Levin liest aus Etgar Kerets Kurzgeschichtensammlung Die sieben guten Jahre, in denen sich Witz und Schmerz immer wieder genial verbinden. Cladatje stimmt »Sheyn vi di levone« an – »Schön wie der Mond, strahlend wie die Sterne, ein Geschenk des Himmels«. Auf dem großen Foto auf der anderen Seite der Bühne fliegen Bohls lange blonde Haare, und sie strahlt über das ganze Gesicht.
Doch wie beim Soundcheck im Saal gab es schon Wochen vor dem Benefizkonzert eine ohrenschmerzende Rückkopplung. Im November 2025 hatte Karen Beatrice Wegner, Leiterin der DIG Gifhorn, in Kooperation mit dem Kulturreferat des Landkreises Gifhorn mit der Planung der Veranstaltung begonnen, wie sie der Jüdischen Allgemeinen berichtet. Der Saal wurde reserviert, die Künstler engagiert, über die nötige Technik beraten, und Anfang Februar habe sie Landrat Philipp Raulfs (SPD) angefragt, ob er ein Grußwort sprechen wolle, was dieser aus Zeitgründen abgesagt habe. Sie zuckt verständnisvoll mit den Schultern.
Einen Monat später tut sie das nicht mehr: Eine Mitarbeiterin des Kulturreferats habe sie angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sich »die Situation aufgrund des aktuellen Krieges geändert« habe und der Saal deshalb nicht mehr zur Verfügung stehe, so Wegner. Wenige Wochen vor der Veranstaltung.
Nach kurzer Fassungslosigkeit beriet sie sich mit DIG-Kollegen und beschloss zu klagen. »Denn wenn wir uns immer zurückziehen, sind wir irgendwann nur noch in Kirchen.« Und selbst die seien nicht mehr so offen für Veranstaltungen mit Israel-Bezug, sagt Wegner. Außerdem verschickte die DIG Gifhorn eine Pressemitteilung: »Trotz bereits erteilter Zusage wurde der Veranstaltungsort kurzfristig mit Verweis auf eine angebliche ›Neutralität‹ entzogen. (…) Weder Kapazitätsprobleme noch verfassungswidrige Inhalte seien hier gegeben. (…) Besonders kritisch wird bewertet, dass Solidarität mit den Opfern eines terroristischen Angriffs offenbar als ›politisch‹ eingestuft wird. Dies erwecke den Eindruck, dass nicht das humanitäre Anliegen, sondern die Identität der Opfer – israelische Zivilisten und Carolin Bohl als deutsches Opfer – ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen sein könnte.«
Als Bohls Mutter von der Absage und deren Begründung erfährt, sagt sie: »Es belastet mich doch sehr, dass man hier in Deutschland teilweise der Meinung ist, dass man Carolin nicht gedenken kann.« Zu Beginn der Veranstaltung legt sie nach: »Wenn wir hier in Deutschland keine Gedenkveranstaltungen für Opfer terroristischer Gewalt mehr durchführen können – Großveranstaltungen, wo Hass und Hetze gepredigt werden, aber schon –, was ist unser Rechtsstaat dann noch wert?« Der ganze Saal applaudiert.
Doch dann kam alles wieder anders. Auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen schrieb der Landkreis Ende März, dass es nie zu einer Absage gekommen sei. Der Durchführung des Benefizkonzerts stehe nichts im Wege, hieß es in der offiziellen Antwort an diese Zeitung. Auch der DIG Gifhorn war gerichtlich mitgeteilt worden, dass das Benefizkonzert wie geplant stattfinden könne. Woher der Sinneswandel letztlich rührte, ob es Druck oder Einsehen war, bleibt offen.
Auf der Bühne lässt Sprecher Levin Etgar Keret davon erzählen, wie sich die politische Wirklichkeit in die eigene Realität schleicht und wie die Shiva für seinen Vater auch zu neuen Erkenntnissen geführt habe. Dann ist wieder der Klezmer dran. »Für mich sind diese Veranstaltungen wichtig und ganz wertvoll«, sagt Bohl-Dencker in der Pause. »Ich will das machen, aber es ist auch unheimlich anstrengend.« Immer wieder senkt sie den Blick. Die Bilder anzusehen, sei immer noch sehr schwer, sagt sie.
Bohl-Dencker ist Juristin, und die professionelle Rationalität ist wohl auch eine Stütze im Ringen mit dem unfassbar großen Schmerz. Seit dem 7. Oktober 2023 will sie nur eines wissen: wie der Tod ihrer Tochter überhaupt möglich war. Seitdem war sie dreimal in Israel. »Ich habe die Zerstörung dort selbst gesehen«, betont sie immer wieder. Sie fährt regelmäßig nach Nir Oz, um beim Wiederaufbau mitzuhelfen. Von mehr als 200 Häusern sind sechs unbeschädigt. Ende Januar wurde das, in dem ihr Kind ermordet wurde, abgerissen.
Inzwischen gehe es ihr vor allem darum, Geld für den Kibbuz zu sammeln und etwas gegen den Antisemitismus zu tun, sagt sie. »Ich will den Leuten nicht die Erinnerung aufzwingen, ich will kein Mitleid, sondern Verständnis und Empathie. Jeder, der an Carolin denken will, soll das tun, und wer nicht, der eben nicht.« Zwei Tage nach der Konzertlesung in Gifhorn wurde diese in Verden, im Gymnasium, das Bohl einst besuchte, wiederholt. Das werde erst mal die letzte Veranstaltung sein, sagt Bohl-Dencker. Eine Konzertbesucherin kommt zu ihr und fragt, ob sie das Schwarz-Weiß-Foto von Carolin fotografieren dürfe.
Nach fast zwei Stunden und der kleinen Tanzeinlage wird die Musik wieder ruhiger. Als die Geige fast schweigt, denken viele, dass mit dem Lied der Abend vorbei ist, und beginnen mit dem Schlussapplaus. Doch da zieht die Musik wieder an, die Geige singt. Sonja Bohl-Dencker lacht laut auf, dreht sich um und sagt: »Es geht noch weiter!«
