Ausstellung

Dynamik des Schreckens

Das Grauen beginnt oft unscheinbar, zum Beispiel mit einem kleinen grünen Zettel. Darauf steht die nüchterne Aufforderung an die jüdischen Männer von Paris, sich am 14. Mai 1941 in der Turnhalle des Gymnasiums Japy einzufinden. Offiziell dient die Maßnahme der besseren Erfassung ausländischer Juden in der französischen Hauptstadt. Die meisten stammen aus Osteuropa.

Insgesamt 6500 solcher »Vorladungen« wurden vor 85 Jahren verschickt. 3774 Juden folgten der Aufforderung, ohne zu ahnen, was ihnen bevorstand. Die übrigen, von denen nur wenige rechtzeitig untertauchen konnten, wurden später gefasst. Die meisten überlebten die Schoa nicht.
Die Ahnungslosigkeit zu Beginn der Verfolgung sowie die Dynamik des Schreckens, das alles hat der 1903 in Berlin geborene Fotograf Harry Croner auf Zelluloid gebannt.

»Rafle du Billet Vert«

Im Auftrag der Wehrmacht hat er die »Rafle du Billet Vert«, die »Grüne-Zettel-Massenverhaftung«, wie die bislang fast unbekannte »Aktion« genannt wurde, für Propagandazwecke fotografiert. Das Ergebnis taugte allerdings nicht für die nationalsozialistische Selbstdarstellung, dafür waren die Aufnahmen viel zu emotional. Jetzt sind diese Bilder erstmals in Berlin zu sehen.

In einer von der Claims Conference kuratierten Ausstellung in der Französischen Botschaft werden die 98 bislang verschollenen Fotos von Harry Croner präsentiert, die heute im Besitz des Mémorial de la Shoah sind. Sie dokumentieren die ersten großen Verhaftungsaktionen während der Schoa in Frankreich.

»Antisemitismus trägt heute keine Uniform mehr, manchmal erscheint er auch auf Schulhöfen«, sagte Jacques Fredj, Direktor der Pariser Holocaust-Gedenkstätte, bei der Ausstellungseröffnung in Berlin. »Heute erleben wir den Beginn der Ausgrenzung von Juden erneut«, ergänzte Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference. In dieser Ausstellung werde der Beginn der Ausgrenzung vor genau 85 Jahren bei einer Razzia gezeigt. »Wenn ihr die Fotos gleich näher betrachtet, schaut nicht auf die Massen, schaut auf die einzelnen Menschen«, fordert er die Schülerinnen und Schüler auf, die zur Ausstellungseröffnung in die Botschaft gekommen sind.

Harry Croner, Sohn eines jüdischen Vaters – und deshalb später aus dem Dienst der Wehrmacht entlassen und in einem Arbeitslager interniert –, wirft in seinen Fotografien einen einfühlsamen Blick auf das Geschehen. Die einzigartigen Zeugnisse zeigen Männer, die sich Schlange stehend an der Sammelstelle einfinden, Frauen, die ihren Männern Essen für die kommenden Tage bringen, Kinder und Babys, die mit bangen Blicken nach ihren Vätern Ausschau halten, ein Liebespaar, das sich zum Abschied flüchtig küsst, nicht ahnend, dass diese Berührung wohl die letzte Begegnung in ihrem Leben sein wird.

»Die Fotografien zeigen die Chronologie eines einzigen Tages«

»Die Fotografien zeigen die Chronologie eines einzigen Tages, diese Aufnahmen markieren den Beginn der Schoa in Frankreich«, erklärt Lior Lalieu vom Pariser Museum und Dokumentationszentrum Mémorial de la Shoah. Als Leiterin der Fotothek und Mitkuratorin der Ausstellung, die einen Tag zuvor in Paris eröffnet wurde, hat sie die Texte für die Ausstellung verfasst und auch ein Buch darüber geschrieben.

»Heute erleben wir den Beginn der Ausgrenzung von Juden erneut.«

Rüdiger Mahlo

Croners lange Zeit verschollen geglaubte Aufnahmen wurden 2020 durch Zufall auf einem Trödelmarkt entdeckt. Zwei Sammler waren auf die sorgfältig nummerierten und auf Pappe geklebten Kontaktabzüge mit den bedrückenden Motiven gestoßen und übergaben sie der Pariser Gedenkstätte.

Ohne diese Fotos gäbe es heute so gut wie keine Bilddokumente von den Massenverhaftungen der französischen Polizei während der Zeit der deutschen Besatzung. Das Vichy-Regime beteiligte sich in vorauseilendem Gehorsam an den Verhaftungen. Croners Bilder sind historisch überaus wertvolle Dokumente, da sie in einer Zeit entstanden, in der es strikt verboten war, Fotos von Juden zu machen, und schon gar nicht während der Verhaftungen oder Deportationen.

Eindruck einer gewissen »Normalität«

Jene Bildzeugnisse bestätigen auf erschreckende Weise den Eindruck einer gewissen »Normalität«. Alles geht seinen Gang, es herrscht Nüchternheit und Ordnung. Wir sehen Aufseher, die auf einer Seite eines provisorisch aufgebauten Tischs inmitten der Turnhalle stehen, während auf der anderen Seite ein Mann im Nadelstreifenanzug gewissenhaft ein Formular ausfüllt. Nur wer genauer hinsieht, wird oben am Bildrand die angespannten Gesichter der Wartenden entdecken.

Die beiden Ebenen ziehen sich wie ein roter Faden durch Croners Bilder. Sie zeigen zugleich die Sicht des Beobachters und die Angst der Betroffenen.

Neben einer Auswahl an gerahmten Fotos haben die Besucher der Ausstellung die Möglichkeit, weitere Motive auf bereitstehenden Dias mithilfe von sogenannten Guckis, kleinen Diabetrachtern, zu erkunden. Dieser Retro-Effekt komme besonders bei den Schülern gut an, sagt Cornelia Maimon Levi von der Claims Conference. »Wenn man die Gesichter von Menschen aus nächster Nähe wahrnimmt, macht es die Geschichte plötzlich begreiflich.« Haptik als Teil des Ausstellungskonzepts begeistere besonders junge Leute, die überwiegend in der digitalen Welt unterwegs seien.

Die Zeitzeugin Liliane Rysz­feld liest einige Zeilen aus dem letzten Brief ihres Vaters.

Die Schüler betrachten die Fotos der Ausstellung mit großem Interesse. Folgt man einigen Gesprächen, sind etliche der Jugendlichen über die Qualität der Motive erstaunt. Die Nahaufnahme eines unbekannten Mannes, der gerade in den Bus steigt, um später mit dem Zug weiter ins Lager transportiert zu werden, wirkt wie ein vor nicht allzu langer Zeit gemachter Schnappschuss.

Einige Motive wurden mithilfe transparenter Folien auf den bodentiefen Fenstern zum Innenhof der Botschaft platziert. Durch die Fotos schimmert die Fassade der gegenüberliegenden Seite. Die Szene der Verhaftung von Jüdinnen und Juden unter den neugierigen oder gleichgültigen Blicken ihrer französischen Nachbarn zeichnet sich wie ein Schatten aus der Vergangenheit vor der Kulisse der Gegenwart ab. Das hat etwas Gespenstisches.

Audiodokumente von Zeitzeugen

Zur Ausstellung gehören auch Audiodokumente von Zeitzeugen, die für die Besucher zum Anhören bereitstehen. Zusammen mit ihrer Enkelin ist eine Zeitzeugin zur Ausstellungseröffnung nach Berlin gekommen. Die 91-jährige Liliane Rysz­feld spricht mit dem Publikum, darunter auch Schülerinnen und Schüler des Berliner Albert-Einstein-Gymnasiums.

Ob sie angesichts des wieder erstarkten Antisemitismus Angst habe, wird sie von einem der Schüler gefragt. Die alte Frau verneint, die Situation für Juden sei nie einfach gewesen, sagt sie. Deshalb besuche sie auch Schulen, um Erinnerungsarbeit zu leisten. Doch solle man optimistisch in die Zukunft schauen, so ihr Credo.

Zum Abschluss liest Ryszfeld einige Zeilen aus dem letzten Brief ihres Vaters vor, der verschleppt und später ermordet wurde. Vor seiner Deportation habe er als Dolmetscher in einer Reederei gearbeitet. Liliane Rysz­felds Eltern hatten sich einst auf einem Ozeandampfer kennengelernt und sich ineinander verliebt.

»Mein Liebling, ich wollte dir noch viel schreiben«

Als ihr Vater verschwand, war Liliane erst vier Jahre alt. Nur ein einziges Mal habe sie ihn noch sehen dürfen. »Mein Liebling, ich wollte dir noch viel schreiben, glaub mir, dass ich viel an dich und an deine Mutter denke. Bleibt immer zusammen, sei eine gute Schülerin, mein einziger Schatz, meine Liebe, sei mutig!«, liest Ryszfeld aus einem Brief von ihm vor. Bei diesen Worten ist es im Saal der Französischen Botschaft plötzlich ganz still.

Mutig sei sie immer gewesen, sagt die alte Dame, die die Schoa in einer katholischen Klosterschule überlebte, wo sie als einziges jüdisches Kind versteckt war. Am Ende der Ausstellungseröffnung machen die Schüler noch zahlreiche Selfies mit ihr. Und Ryszfeld verspricht zum Schluss: »In zehn Jahren komme ich wieder nach Berlin, um euch zu besuchen.«

Die Ausstellung kann bis zum 7. Juli während der Öffnungszeiten der Botschaft besichtigt werden.

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