Das Jüdische Museum Frankfurt am Main hat eine Web-Anwendung freigeschaltet, mit der Nutzerinnen und Nutzer sich in die Frankfurter Judengasse von 1864 hineinversetzen können. Die Simulation der Häuser, Gegenstände und Menschen sei nach aufwendiger historischer Recherche erstellt worden, sagte die Direktorin Mirjam Wenzel am Freitag in Frankfurt am Main. Das Neuartige sei die Möglichkeit, mit einzelnen Charakteren in der Judengasse mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) Gespräche führen zu können. Das Museum wolle mit dem Konzept »Story Asking« insbesondere Jugendliche ansprechen: Sie könnten sich Geschichte aktiv durch Fragen aneignen.
Die Anwendung sei ein »Meilenstein der Geschichtsvermittlung«, sagte die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU). Das von Hessen mit 1,3 Millionen Euro geförderte Projekt könne ein Vorbild für andere Orte, Länder und Konzepte sein. Auch durch KI werde die Erinnerungsarbeit revolutioniert, sagte die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Diese müsse sich in der Wissensvermittlung auf die Welt junger Menschen einstellen. Wertvoll an dem Projekt sei auch, dass es lebendige jüdische Geschichte über Verfolgung und Vernichtung hinaus erfahrbar mache.
Unterhaltung mit fünf Charakteren
Die Anwendung »Realtalk 1864« erlaubt es Nutzerinnen und Nutzern, sich in der historischen Judengasse wie mit Google Street View umzusehen, fünf Charaktere zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten. Die Fassaden und Straßenansicht seien nach historischen Fotos nachgebildet und die Charaktere aus einer Vielzahl historischer Lebensläufe destilliert worden, erklärte die Projektleiterin Tanja Neumann. Die Figuren böten Jugendlichen sowohl eine Identifikation an, wie mit dem 17-jährigen Botenjungen Josef Löwy oder der 20-jährigen Köchin Ella Spiegel, als auch Abgrenzung, wie zum Rechtsanwalt Maximilian Jacoby, ergänzte die Pädagogin Vera Braun.