»Für israelische Forschende ist es nicht leicht, deutsche Partner zu finden«, sagt der Präsident der drittgrößten israelischen Universität in Haifa, Gur Alroey. Er sitzt mit anderen Koryphäen in einem Stuhlkreis auf Schloss Elmau zusammen und denkt darüber nach, wie man die Popularität der Deutsch-Israelischen Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, kurz GIF, in Deutschland stärken und die Förderung für junge Wissenschaftler noch attraktiver gestalten könnte.
Der Historiker, der zu der von deutschen Häfen ausgehenden jüdischen Migration nach Palästina zu Beginn des 20. Jahrhunderts forscht, ist einer von 40 israelischen und deutschen GIF-Alumni, die ins bayerische Elmau gereist sind, um das 40-jährige Jubiläum der vom deutschen und vom israelischen Staat zu gleichen Teilen getragenen Forschungsstiftung zu begehen.
Gegründet wurde die GIF am 4. Juli 1986. Initiatoren waren der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der israelische Ministerpräsident Schimon Peres. Seitdem fördert die GIF gemeinsame Projekte deutscher und israelischer Forscher für eine Dauer von drei Jahren mit bis zu 200.000 Euro jährlich. Bislang wurden im regulären Programm mehr als 2000 Forschungsskizzen unterstützt. In Israel ist die GIF populär: Für viele der Ehemaligen ebnete der »GIF-Grant« die Forschungskarriere.
Gegründet wurde die GIF im Juli 1986. Initiatoren waren der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der israelische Ministerpräsident Schimon Peres.
Auch für Sigal Abramovich, neu gewählte Dekanin der Naturwissenschaften an der Ben-Gurion-Universität im Negev, markiert die erste Förderung durch die GIF 2006 den Start in ihr heutiges Spezialgebiet an der Schnittstelle zwischen Mikropaläontologie, Geochemie und Umweltwissenschaften. Gemeinsam mit ihrem langjährigen deutschen Forschungspartner, Michal Kucera, Professor für Mikropaläontologie und Paläoozeanografie am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, erforscht sie marine einzellige Protisten, äußerst empfindliche Indikatoren für Umweltbedingungen und Klimaveränderungen in den Ozeanen.
Über die gemeinsame Forschung entstanden Freundschaften
Über die gemeinsame Forschung freundeten sich die Israelin und der Deutsche schnell an. »Die Freundschaft unserer Familien ist das größte Geschenk, das aus der GIF-Förderung entstand«, sagt die Meeresforscherin. Auch die an der Bar-Ilan-Universität forschende und lehrende Shulamit Michaeli – sie wurde gerade mit der höchsten Kulturauszeichnung des Landes, dem Israel-Preis, für ihre wegweisende Arbeit zu Parasiten ausgezeichnet – betont die besondere Freundschaft, die sie mit ihrem deutschen Forschungspartner, dem Biochemiker Albrecht Bindereif von der Universität Gießen, verbindet. Die Familien besuchten einander; ihr Vater, der 1939 mit der Jugend-Alija aus Deutschland fliehen konnte, sprach mit Bindereif sogar Deutsch.
»Die Förderung durch die GIF hat mein Leben verändert«, sagt Shulamit Michaeli. Sie besuchte Gießen und Würzburg und hielt dort Seminare ab; in ihren Laboren arbeiten häufig deutsche Studierende. Die Nachfrage verwundert nicht, denn Shulamit Michaelis Studien haben die Forschung zur genetischen Informationsübertragung weit über die Parasitologie hinaus beeinflusst und zu umfassenderen Erkenntnissen in der Molekularbiologie beigetragen. Für den gefährlichen, auch in Deutschland auftretenden Parasit Leishmaniose entwickelt sie derzeit ein Nano-Medikament – winzige Transporter, die Wirkstoffe direkt zu den Zellen bringen und diese abtöten – und hofft, bald mit klinischen Studien zu beginnen.
Warum israelische Forscher gern mit deutschen Partnern zusammenarbeiten, hat seine Gründe auch in der gemeinsamen internationalen Sichtbarkeit: Daniel Zajfman, Physiker und von 2006 bis 2019 jüngster Präsident des Weizman-Instituts in Rehovot, hat sein halbes wissenschaftliches Leben der deutsch-israelischen Forschungszusammenarbeit gewidmet. In Deutschland wurde er dafür 2023 mit der renommierten Harnack-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft ausgezeichnet.
»Deutsche und Israelis forschen sehr unterschiedlich«, sagt er. Aber wenn sie sich zusammentun, »dann ergibt eins plus eins mehr als zwei«. Diese Exzellenz zeige sich in der durchschnittlichen Wirkung der gemeinsamen Veröffentlichungen, die deutlich höher sei als die der jeweiligen Einzelpublikationen.
Auch die deutschen Alumni haben gute Gründe für die Forschungskooperation mit Israel. »Wo wir oft erst einmal Probleme sehen, sehen meine israelischen Forschungskollegen Lösungen«, sagt Tanja Klenk von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr Hamburg. Es herrsche einfach ein anderer Geist.
»Deutsche und Israelis forschen sehr unterschiedlich«, sagt der Physiker Daniel Zajfman.
Die Politikwissenschaftlerin erhielt 2018 gemeinsam mit dem Politik- und Verwaltungswissenschaftler Nissim Cohen von der Universität Haifa eine Förderung der GIF. In ihrer vergleichenden Forschungsarbeit gingen die beiden Hochschullehrer der Frage nach, ob sich der Sozialstaat im Zuge seiner Liberalisierung neu erfinde oder nicht. Besonders schätzt Tanja Klenk, dass sich durch die Zusammenarbeit ihr Netzwerk in Israel stark vergrößert habe und sie heute mit Kollegen weiterer sozialwissenschaftlicher Fakultäten beispielsweise an der Hebräischen Universität, der Bar-Ilan-Universität und dem Sapir College in der nordwestlichen Negevwüste zusammenarbeite.
»Wenn Menschen reagieren würden wie Mäuse, dann hätten wir bald eine Therapie für bisher unheilbare neurodegenerative Erkrankungen«, sagt Christian Griesinger, Biochemiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften in Göttingen. Er wurde von der GIF gleich zweimal gefördert, zuletzt 2020.
»Deutsche Firmen scheuten das Risiko«
Insbesondere die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts mit dem Chemiker Shai Rahimipour von der Bar-Ilan-Universität, das sich mit den zu Alzheimer führenden Eiweiß-Verklumpungen und einer neuen Methode zum Nachweis im Gehirn von Mäusen und letztlich auch beim Menschen befasste, treibt Griesinger voran. Für die aktuelle Entwicklung der Therapeutika wurde die von dem Leibniz-Preisträger mitgegründete Biotech-Firma in Petach Tikwa fündig. Das israelische, multinationale Pharmaunternehmen Teva war risikofreudig genug, die klinische Anwendung zu finanzieren. »Deutsche Firmen scheuten das Risiko«, bedauert Griesinger.
In Reflexion über die vergangenen 40 Jahre GIF fasst Michael Brenner, internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts, des wichtigsten Forschungsinstituts für das Erbe des deutschsprachigen Judentums, und Direktor des »Center for Israel Studies« an der American University Washington D.C., in Elmau die Bedeutung der deutsch-israelischen Forschungsstiftung zusammen: »Die GIF hat mehr zur Förderung des deutsch-israelischen Verständnisses beigetragen als jede andere akademische Organisation.« Vor allem für die nächste Generation der Stipendiaten wünsche er sich aber, dass die Bedingungen vor Ort, vor allem in Israel, wieder einen lebhafteren Austausch ermöglichten.