Sommerferien! Meine Zwillinge bekomme ich kaum noch zu Gesicht, ständig hängen sie bei irgendwelchen Kumpels herum. Darum habe ich bei uns allen diese tolle Tracking-App auf dem Handy installiert und weiß jederzeit, wo sich alle herumtreiben. Und ich kann außerdem jeden Tag live mitverfolgen, wo mein Göttergatte gerade im Feierabendstau steht und wo er das Auto geparkt hat, was sehr praktisch ist – er ist nämlich etwas vergesslich.
Neulich also verfolge ich wieder einmal, einen Drink in der Hand, seinen quälend langsamen Fortschritt am Antwerpener Ring. Auf meinem Handybildschirm sehe ich kurz darauf unser kleines Auto als blauen Punkt, wie es die Autobahnausfahrt nimmt, um anschließend eine geschlagene Viertelstunde auf der Suche nach einem Parkplatz herumzugurken.
Schließlich stoppt der Wagen direkt vor der Ohel-Mosche-Synagoge um die Ecke. Ich rufe an, um zu fragen, wie es mit dem Abendessen aussieht. Mein Mann sitzt gerade im Auto, isst wie jeden Tag seine After-Work-Banane und hört sich noch schnell die Ergebnisse des letzten Fußballspiels im Radio an. Ich schiebe also schon einmal das Essen in die Röhre. Eine halbe Stunde später ist mein Mann immer noch nicht zu Hause. Ich rufe an, er geht nicht ans Telefon. Ich beschließe, nach dem Rechten zu sehen, und mache mich auf den Weg zur Synagoge.
Da steht auch wirklich unser Auto. Direkt davor kraucht der Rabbiner auf allen vieren auf dem Asphalt, neben ihm mein Mann, ebenfalls auf allen vieren, sowie einige eifrige Jeschiwe-Bochers von der Ohel-Mosche-Lehranstalt, außerdem der Wachmann der Synagoge. Sie alle suchen anscheinend nach unserem Autoschlüssel. »Er muss irgendwo im Auto sein oder vielleicht unter dem Auto? Oder daneben?«
Verzweifelt rauft mein Mann sich die Haare. Ich schicke die ganze Bagage nach Hause, die Bochers, den Rabbiner und auch den Wachmann.
Verzweifelt rauft mein Mann sich die Haare. Ich schicke die ganze Bagage nach Hause, die Bochers, den Rabbiner und auch den Wachmann. Denn hier sind glasklarer Verstand und mein sagenhaftes Kombinationsvermögen gefragt. Wir setzen uns ins Auto, damit ich die Sache in Ruhe »klären« kann, so wie einst der Rebbe im Schtetl.
»Die Banane ist der Schlüssel des Rätsels um den verlorenen Autoschlüssel«, doziere ich genüsslich. Mein Mann rollt mit den Augen. Ich aber doziere unbeirrt weiter. »Wie jeden Morgen hast du heute bei Hershkovitz ein Thunfischbrötchen sowie zwei Bananen gekauft. Wie jeden Tag vergisst du eine der Bananen, noch in der Plastiktüte von Hershkovitz, im Auto, wo sie den ganzen Tag in der Sonne liegt. Du isst sie, wieder in Antwerpen angekommen, völlig zermatscht und als kleine Stärkung, nachdem du endlich einen Parkplatz gefunden hast – den Autoschlüssel noch in der Hand. Gleichzeitig versuchst du, den Radiosender für das Fußballspiel zu finden. Keine leichte Aufgabe, mit der Banane und dem Schlüssel in der Hand! Da klingelt das Telefon. Ich bin dran. Und dir, völlig überfordert von dem Multitasking, bleibt nur ein Ausweg.«
Nun greife ich unter den Sitz und ziehe effektvoll die blau-weiß gestreifte Hershkovitz-Tüte hervor. Darin eine Bananenschale und der Autoschlüssel. »Du bist ein Genie!«, stößt mein Mann hervor. »Wo wäre ich ohne dich!« Wohl wahr. Wir steigen aus dem Auto, mein Mann schließt ab, ich verwahre den Schlüssel in meiner Handtasche – und dann gehen wir gemeinsam nach Hause. Wieder neigt sich ein ebenso ereignisreicher wie erfolgreicher Tag dem Ende zu. Und ich wünsche allen »A gitn Zomer!«, wie man hier in Antwerpen so schön sagt.