Frauenfußball

Der Ball war nicht nur rund, sondern auch weiblich

Ella Zirner-Zwieback mit Pelz und Hut in einer Aufnahme von 1919 Foto: ullstein bild - d‘ Ora

Frauenfußball

Der Ball war nicht nur rund, sondern auch weiblich

Wie die österreichische Jüdin Ella Zirner-Zwieback zur Pionierin in einer von Männern dominierten Sportdisziplin wurde

von Martin Krauß  13.07.2026 09:51 Uhr

Der Schauspieler August Zirner ist stolz auf seine Großmutter Ella Zirner-Zwieback. Über die Fußballpionierin ist derzeit im Holocaust Museum in Los Angeles die Ausstellung The Beautiful Game – The Untold Story zu sehen. Sie wurde zusammen mit dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund konzipiert. Zeitgleich zur WM in Nordamerika dreht sich alles um Juden und Fußball. Und damit auch um Großmutter Ella. Die war im Wien der 1920er- und 30er-Jahre nicht nur Inhaberin eines Modehauses, sondern auch Präsidentin der 1935 gegründeten »Damen-Fußball-Union«.

Zirners Entdeckung, dass die Oma Fußballpionierin war, geht einher mit der Erkenntnis, aus einer jüdischen Familie zu stammen. »Das Judentum spielte in unserer Familie keine Rolle«, erzählt Zirner. »Meine Eltern wollten nicht, dass ich weiß, warum ich in Amerika aufgewachsen bin.«

Die Familiengeschichte im Schnelldurchlauf: Der Geschäftsmann Ludwig Zwieback hatte 1877 in Wien ein Konfektionshaus gegründet. Ihm folgte seine Tochter Ella, die es zum »Maison Zwieback« ausbaute. Das Frauenbild, das man in Österreich »süße Mädels« nannte, mochte sie überhaupt nicht. 1938 wurde ihr Unternehmen »arisiert«. Die Familie emigrierte nach New York. Ellas Sohn Ludwig, der Vater von August, wurde Pianist, der auch eine Opernschule gründete.

Die Damen-Fußball-Union war in Europa einzigartig.

Nach 1945 begann der Kampf um Restitution, aber die Familie erhielt nur das Gebäude zurück. Nicht mehr. Ella wollte, dass Ludwig nach Wien geht, den Kampf ausficht und das Kaufhaus wiedereröffnet. Doch Ludwig wollte nicht. August Zirner zitiert, was sein Vater 1948 in einem Interview gesagt hatte: »Vielleicht sollte ich Herrn Hitler dankbar sein, denn ohne ihn müsste ich jetzt ein Kaufhaus in Wien leiten, anstatt hier in Amerika eine Opernschule zu gründen.« Augusts Kommentar dazu: »Das war sein Humor.«

1956 kam August Zirner in Urbana im US-Bundesstaat Illinois zur Welt. Nachdem er die Schule beendet hatte, wurde er Schauspieler. Als er 2010 in Wien in Der Fall Furtwängler mitspielte, begann er, sich mit der Geschichte seiner Familie zu beschäftigen. »Nach der Halacha bin ich kein Jude«, sagt er. »Aber meine Großmutter war Jüdin, mein Vater war Jude, und meine Mutter musste Österreich verlassen, weil sie für eine Jüdin gehalten wurde.« Bei dieser Familiengeschichte fragt er: »Wer macht einen zum Juden?« August Zirner ist christlich getauft, fügt jedoch hinzu: »Drei meiner Taufpaten waren jüdisch.«

Zusammen mit seiner Tochter Ana schrieb August Zirner ein Buch

All das hat er herausgefunden und darüber mit seiner Tochter Ana zusammen ein Buch geschrieben: Ella und Laura: Von den Müttern unserer Väter (2021). Bei den Recherchen stieß er auch auf den Frauenfußball. »Warum sie sich da engagierte, weiß ich nicht«, sagt August Zirner. »Meine Vermutung ist, dass sie in einer männerdominierten Welt etwas fördern wollte, das gegen den männlichen Mainstream geht.«

Manuel Neukirchner, Direktor des Deutschen Fußballmuseums, berichtet, dass Zirner-Zwieback die Emanzipation von Frauen auch immer körperlich gedacht habe. »Sie hat sich etwa für Sportunterricht für Mädchen eingesetzt.« August Zirner kann das bestätigen. »Meine Großmutter setzte sich beispielsweise auch dafür ein, dass Frauen Knickerbocker tragen durften.«

»Meine Großmutter setzte sich auch dafür ein, dass Frauen Knickerbocker tragen durften«, sagt der Schauspieler August Zirner.

Die Damen-Fußball-Union war in Europa einzigartig: eine Liga für Frauen. Sie war erfolgreich, das ärgerte den Männerverband. Nicht nur, dass der selbst Frauen nicht aufnahm, er bestrafte auch Vereine, die Frauen ihre Plätze zur Verfügung stellten. »Wer unsere reschen Wiener Mädel aber kennt, der musste erwarten, dass sie sich so leicht nicht unterkriegen lassen und ihre schönen Zähne zeigen werden«, schrieb eine Zeitung.

»Die Damen-Fußball-Union teilt mit«, hieß es in einer anderen Zeitungsmeldung von 1937, sie wolle künftig zusammen mit den Funktionären und Spielerinnen aller Damenvereine »um ihr begründetes Recht kämpfen«. Dafür wurde ein »Komitee aus Wiener Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens« gegründet, das eigene Plätze errichten wollte.

»Fakt ist, dass der Frauenfußball in Wien in dieser Zeit massiv behindert wurde, sowohl seitens der austrofaschistischen Sportorganisation, der ›Sport- und Turnfront‹, als auch seitens des Fußballverbandes«, weiß der Wiener Sport­historiker Matthias Marschik zu berichten. Er selbst hat 2020 zusammen mit Helge Faller das Buch Eine Klasse für sich: Als Wiener Fußballerinnen einzig in der Welt waren geschrieben. Zur Rolle Zirner-Zwiebacks sagt er: »Mit der Übernahme des Präsidentinnenamtes hat sie sich zweifellos politisch exponiert. Das dürfte ihr auch bewusst gewesen sein.«

Ella Zirner-Zwieback war nur neun Monate Präsidentin der Liga

Zirner-Zwieback war nur neun Monate Präsidentin der Liga, von Herbst 1936 bis Sommer 1937. »Es ist keine einzige Entscheidung oder Aktivität im Kontext des Frauenfußballs überliefert«, sagt Marschik. Abgegeben habe sie ihr Amt wegen »beruflicher Überlastung«. Warum sie es aber angetreten hatte, weiß auch Marschik nicht. »Vielleicht aus tatsächlichem Engagement oder weil einige ihrer Arbeiterinnen fußballerisch aktiv waren und die Chefin gebeten haben, dem Frauenfußball zu mehr Bekanntheit zu verhelfen«, mutmaßt er.

Verbindungen zu Zirner-Zwiebacks Judentum sieht Marschik nicht. »Jüdisch konnotiert war der Frauenfußball in Wien sicher nicht«, sagt er. Aber interessante Aspekte tun sich dennoch auf. Als 1934 Edith Klinger den ersten Wiener Frauenfußballverein gründete, den »DFC Kolossal«, da sandte sie eine Kopie ihres Antrags auch an die Israelitische Kultusgemeinde. »Warum sie das tat, das haben wir nicht herausgefunden«, sagt Marschik. Klinger war katholisch, aber ihr Vater war Jude.

Einen Zusammenhang zwischen dem Fußballengagement seiner Großmutter und ihrem Judentum sieht auch August Zirner nicht. »Vielleicht ist der rollende Fußball ja eine freundliche Metapher für die Diaspora.«

Bei der Ausstellung in Los Angeles reiht sich Ella Zirner-Zwiebacks Biografie in die anderer berühmter jüdischer Fußballpersönlichkeiten ein: die des ungarischen Weltklassetrainers Bela Guttmann etwa oder des Bayern-München-Präsidenten Kurt Landauer. Für Ella Zirner-Zwieback ist es eine Rückkehr in die Vereinigten Staaten, ihr Exilland, und zugleich eine Rückkehr in den Sport, mit dem sie in Österreich verbunden war.

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