Mein zweites Leben als Hobbyautor begann spät – im Jahr 2010. Seither sind neben einer Romantrilogie 16 Kriminalromane sowie meine 2024 im Verlag Hentrich & Hentrich erschienene Familienchronik Verhasst-geliebtes Deutschland veröffentlicht worden. Heute gehöre ich zu den letzten Zeitzeugen, die mit Lesungen an Schulen die Erinnerung an die Schoa wachhalten und sich gegen den wieder erstarkenden Judenhass und Rechtsextremismus einsetzen. Schließlich habe ich einiges zu erzählen.
Ich wurde 1935 in München geboren. Meine Eltern waren jüdisch. Mein Vater Erich Eisner wurde 1897 in Prag geboren. Als er ein Jahr alt war, zogen meine Großeltern mit ihm nach München. Bereits als Jugendlicher studierte er Harmonie, Komposition und Dirigieren an der Münchner Akademie der Tonkunst. Studienbegleitend hospitierte er als Bühnenassistent und Korrepetitor unter Maestro Bruno Walter an der Oper des Münchner Nationaltheaters.
Ich wusste nichts von der Machtergreifung Hitlers
Ab 1929 nahm der Judenhass massiv zu, sodass kaum noch ein Intendant wagte, seinem Publikum einen jüdischen Kapellmeister zu präsentieren. Und so wurde mein Vater arbeitslos. Er engagierte sich für den Kampf gegen Antisemitismus, dirigierte das »Jüdische Kammerorchester München« und vertonte zahlreiche Gedichte jüdischer Autorinnen und Autoren. Zudem war er Organist an der Hauptsynagoge München, bis sie 1938 vom NS-Regime zerstört wurde.
1927 lernte er im Jüdischen Jugendverband München meine damals 20-jährige Mutter Elsa Knoblauch kennen. Ein paar Jahre später, am 14. Juni 1934, wurden meine Eltern in der Synagoge an der Reichenbachstraße von Rabbiner Leo Bärwald getraut.
Mein zweites Leben als Autor begann 2010. Ich habe 16 Krimis und eine Romantrilogie verfasst.
Meine ersten Lebensjahre verliefen sehr froh und unbeschwert. Ich blieb verschont von den furchtbaren Ereignissen, die uns und meine Umgebung mit Beginn 1933 trafen. Ich wusste nichts von der Machtergreifung Hitlers und dessen schrecklichen Folgen für uns Juden, die auch den Alltag unserer Familie vergifteten. Ich habe viele schöne Erinnerungen an meine frühe Kindheit, auch geprägt durch die zahlreichen Fotografien, mit denen mein Onkel Hermann, ein leidenschaftlicher Fotograf, unser Familienleben dokumentierte.
Als Vierjähriger ahnte ich nichts davon, dass mein Vater nach der Pogromnacht, seiner Verhaftung und der Internierung im KZ Dachau nach England flüchten musste. Für meine Mutter waren es bange und schmerzvolle Monate. Sie harrte in München aus und hoffte, auch für Vaters Mutter Hermine Erka ein englisches Visum zu bekommen – vergeblich. Meine Großmutter wurde nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet.
Zwei Versuche, der Judenverfolgung zu entkommen und Vater wiederzusehen, der sich inzwischen in Bolivien aufhielt – dem letzten damals für uns Juden noch erreichbaren Asylland –, scheiterten. Die Niederländer ließen uns nicht mehr in ihr Land. Der Grund dafür war Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939. Dann wurden uns auch noch die Schiffspassagen nach Südamerika gestohlen. Erst der dritte Versuch meiner Mutter, auszureisen, gelang. So sahen wir meinen Vater im Mai 1940 in La Paz endlich wieder.
Die Gottesdienste fielen meist aus, da kein Minjan zusammenkam
Die erzwungene Umsiedlung in eine uns bis dahin vollkommen fremde Kultur stellte meinen Vater vor beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten. Erst 1941 wurde er an der Escuela Normal de Maestros in Sucre zur Ausbildung von Musiklehrern zugelassen. Dort existierte eine kleine jüdische Gemeinde. Die Gottesdienste fielen jedoch meist aus, da kein Minjan zusammenkam. Hier komponierte mein Vater die Cantata Bolivia für großes Orchester, Solisten und Chor, als Dank an das Land, das uns während der Schoa Asyl gewährte.
Im Jahr 1942 wurde ich eingeschult und besuchte drei Jahre lang die Grundschule in Sucre, bis mein Vater vom Kulturministerium nach La Paz zurückgerufen wurde, um dort das Orquesta Sinfónica Nacional zu gründen und zu leiten. Dort gab es mit der Escuela Boliviano-Israelita eine jüdische Schule, die ich bis zum Abschluss der sechsten Klasse besuchte.
Da fast alle Lehrkräfte aus Deutschland oder Österreich immigriert waren und nur wenig Spanisch sprachen, erteilten sie ihren Unterricht auf Deutsch. Im selben kleinen Gebäude unterhielt die Comunidad Israelita La Paz einen Gebetsraum, in dem ich auch zu meiner Barmizwa gerufen wurde.
Das erste Jahr meiner sechsjährigen Gymnasialausbildung verbrachte ich noch an einer staatlichen Schule; danach besuchte ich bis zum Abitur das American Institute. Ich war Mitglied der Jugendgruppe Macabi Hatzair, aus der später die Mapai-orientierte Tnua Gordonia Macabi Hatzair hervorging. Im Laufe der Jahre wurde ich zum Maskir (Sekretär) gewählt und leitete die Bewegung bis zu meinem Abitur Anfang 1953.
Anschließend hielt ich mich mit verschiedenen Tätigkeiten über Wasser: unter anderem als Korrektor bei einer englischsprachigen Zeitung.
Von Anfang 1954 bis Juli 1955 studierte ich in Montevideo Veterinärmedizin. Aufgrund schwieriger Umstände musste ich das Studium jedoch aufgeben. Anschließend hielt ich mich mit verschiedenen Tätigkeiten über Wasser: unter anderem als Korrektor bei einer englischsprachigen Zeitung, als kaufmännischer Angestellter in einer Import-Export-Firma und zuletzt als Auszubildender in der Buchhaltung einer Sperrholzfabrik.
Kurz nach dem Tod meines Vaters kehrte meine Mutter 1957 nach Deutschland zurück. Ich folgte ihr nach München, zog Ende 1957 ins damalige West-Berlin und studierte Lebensmitteltechnologie an der Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau, wo ich die Fachrichtung Obst- und Gemüseverwertung in einem der Technischen Universität angegliederten Institut besuchte.
Ich wechselte als Technologieberater nach Hamburg
1959 erwarb ich den Technikertitel und nach dreijähriger Berufspraxis den Abschluss als Diplomingenieur. Bis Ende 1962 arbeitete ich als Leiter der Qualitätskontrolle in Konservenfabriken in Schleswig-Holstein und München. 1963 wechselte ich als Technologieberater nach Hamburg. Ich veröffentlichte zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften, hielt Vorträge und schrieb ein Fachbuch. Nebenbei unterrichtete ich an der KIN-Technikerschule in Neumünster die Fächer Produkttechnologie und Haltbarmachung von Lebensmitteln.
1972 geschah es dann: Bei einem Treffen mit Freunden lernte ich Anke Schmidt aus Brokdorf kennen, die fortan mein Leben begleiten sollte. Am 15. Mai 1985 heirateten wir in Hamburg. Da wir beide, obwohl durchaus gläubig, keine Religion praktizieren, ließen wir uns standesamtlich trauen. Kinder haben wir keine. Meine Frau war Treasurer-Assistentin bei der Reederei Deutsche Afrika-Linien in Hamburg.
Als sie im Jahr 2000 in Rente ging, zogen wir von Hamburg nach Brokdorf, ein kleines Dorf an der Elbe in Schleswig-Holstein. Meinen Lebensmittelpunkt hatte ich bereits zwei Jahre zuvor in eine reetgedeckte Kate am Elbdeich verlegt, die ich 1979 erworben hatte, und war dort als Industrieberater tätig.
In diesem 1000-Seelen-Dorf bin ich wohl der einzige Jude weit und breit. Ich bin gut integriert und wurde von Anfang an von Nachbarn und neu gewonnenen Freunden herzlich aufgenommen. Meine jüdische Identität hat dabei in all den Jahren nie zu Ablehnung oder Distanz geführt.
Unseren Alltag verbringen wir mit den Familienangehörigen meiner Frau und guten Freunden. Wir sind viel gereist, waren auf Kreuzfahrten und haben die vielen Eindrücke genossen, die sich uns weltweit eröffneten – von der Antarktis bis zum Nordkap. Mehrmals besuchten wir Israel, zuletzt im November 2022, ein Jahr vor dem Massaker der Hamas am Nova-Musikfestival und in den Kibbuzim im Süden des Landes. Dort trafen wir auch Freunde aus Bolivien wieder.
Mehrmals besuchten wir Israel, zuletzt im November 2022
Außerdem bin ich häufig als Autor bei Lesungen und Veranstaltungen unterwegs, vor allem als einer der letzten Zeitzeugen der Schoa. Meine Frau begleitet mich dabei stets und gern.
Zu meinem 90. Geburtstag hat mich der Gemeinderat für mein ehrenamtliches Engagement als Deutschlehrer für Geflüchtete aus Afghanistan und dem Nahen Osten mit der Brokdorfer Ehrenmedaille in Gold ausgezeichnet.
Es gelang mir außerdem, eine Aufführung der Cantata Bolivia – der Komposition meines Vaters – als Dank an Bolivien in Deutschland zu initiieren. Das Jewish Chamber Orchestra Hamburg, Nachfolger des vom NS-Regime vernichteten Jüdischen Kammerorchesters Hamburg, führte das Werk unter der Leitung des jungen Dirigenten und Bratschers Emanuel Meshvinski im Lübecker Dom auf. Das war für mich ein sehr bewegender Moment.
Aufgezeichnet von Heike Linde-Lembke