Essay

Darf es mir gut gehen …?

»Ich denke an die Menschen im Iran, im Libanon, in der Ukraine, in Israel und in all den Ländern, in denen unschuldige Kinder leiden.« Foto: Getty Images

»Ich hoffe, es geht dir so irgendwie ganz gut …«, begann eine Mail, die mich erreichte, während ich gerade eine Nachricht schrieb, die ähnlich begann: »Ich hoffe, dass es dir, angesichts der Lage, wenigstens einigermaßen …!« Und so weiter. Wie viel Relativierung passt in einen Satzanfang? »Es geht mir gut« – wagt kaum noch jemand zu sagen. Wäre auch irgendwie vermessen.

Die Welt brennt an allen Ecken und Enden. Menschen bangen, leiden unter Todesangst, Schmerz, Hunger, Verlust und Verzweiflung, und mir geht es einfach nur gut? Darf eine Nachricht beginnen, ohne mögliches Leid weiterer Familienmitglieder oder Freunde in Krisenregionen mitzudenken? Und darf es mir gut gehen? Darf ich das auch noch aussprechen? Schwierig.

Wie gut, dass meine Oma diese aus den Fugen geratene Welt nicht mehr erleben muss.

In Anbetracht der Forderung meiner Oma Helenka, die zum Titel meines ersten Buches wurde – Sag, dass es dir gut geht – ein echter Spagat für mich. Wir, die Nachkommen von Holocaustüberlebenden, haben schließlich die Verpflichtung, glücklich zu sein. Warum sonst hätte sich ihr Über- und Weiterleben gelohnt?

Wie gut, dass meine Oma diese aus den Fugen geratene Welt nicht mehr erleben muss. Darf es uns auch in dieser Zeit gut gehen? Auf Bar- und Batmizwa-Festen feiere ich ausgelassen, gröle mit der israelischen Musik (obwohl ich kein Hebräisch kann). Ich springe, tanze mir die Füße wund. Und wenn zum Abschluss der DJ oder die Band die Hatikwa (»Hoffnung«) spielt, stehe ich mit allen anderen Gästen gerührt vor der Bühne und fühle ergriffen den Schmerz. Sehr pathetisch – vielleicht zu pathetisch.
Darf ich feiern, entspannen, obwohl andere leiden? Mein Gewissen schlägt Alarm.

Ich schlafe nachts in einem warmen, kuscheligen Bett mit vielen Kissen, stehe manchmal viel zu lange unter der Dusche, einfach nur, weil ich heißes Wasser so liebe, koche, worauf ich gerade Lust habe, shoppe ein neues Top, wenn mir danach ist, und trinke einfach so abends mal ein Glas Wein, weil’s schmeckt. Darf ich all das? Ausgelassen feiern, genießen und dekadent entspannen, obwohl andere leiden? Mein Gewissen schlägt Alarm. Aber das mit dem schlechten Gewissen kenne ich ohnehin ganz gut – wie vermutlich die meisten Leser.

Erneut schaue ich mir all die relativierenden Anfangssätze diverser Nachrichten und Mails an, schmunzle und erkenne: Eines haben sie alle gemein, sie beginnen mit: »Ich hoffe, dass …« Mit dem wohl Wichtigsten in diesen Zeiten: der Hoffnung. Ohne sie wären wir alle längst verloren. In einer Welt, in der der Mensch emsig Waffen und brutale Möglichkeiten des Angriffs erschafft, Menschen ermordet und gleichzeitig Schutzschirme gebaut und Hilfspakete geschnürt werden, Empathie eingefordert, Hass gesät und Gewalt geerntet wird … Seltsame Lebewesen sind wir. Voller Widersprüche. Voller Hass und Liebe. Voller Gewalt und Zärtlichkeit. Voller Ignoranz und Mitgefühl. Voller Energie und Erschöpfung. Voller Erwartung und Dankbarkeit. Voller Stolz und Kränkung.

Ich denke an die Menschen im Iran, im Libanon, in der Ukraine, in Israel und in all den Ländern, in denen unschuldige Kinder leiden.

Doch uns alle eint die Hoffnung. Die Hoffnung, dass es besser werden, dass das Gute siegen kann, wir aufatmen und das düstere Märchen zuklappen können mit dem Satz: »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.« Wie sonst hätten meine Großeltern die Lager, später den Kommunismus und den Neubeginn in einem fremden Land ohne Geld und Sprachkenntnisse bewältigen sollen?

Ich denke an die Menschen im Iran, im Libanon, in der Ukraine, in Israel und in all den Ländern, in denen unschuldige Kinder leiden. An die Menschen, die andere verloren haben, die auf der Flucht sind, an die, die sich verstecken, schützen oder aber den Kopf hinhalten müssen, und an all jene, die im Exil leben und tatenlos zusehen müssen. Ich denke auch an die Gäste der Bahnhofsmission, in der ich arbeite, von denen viele ein elendes Leben auf der Straße führen. Wo nehmen all diese Menschen ihren Lebenswillen her? Ohne Sicherheit, Freiheit, ein weiches Bett, warmes Wasser, frische Kleidung, regelmäßige Mahlzeiten, »dekadenter« Entspannung, ohne ein Zuhause.

Die mir einzig plausible Erklärung für die tägliche Entscheidung weiterzuleben, ist die Hoffnung – die eine Kraft, die selbst in dunkelsten Zeiten Überlebenswillen zu sichern vermag. Hoffnung darauf, dass es ihnen womöglich einmal so gehen könnte wie jenen, die in Frieden, Freiheit, in Wohlstand und Gesundheit leben. Jenen, die einfach sein dürfen, wie sie sind, die reisen, lachen und angstfrei singen, die lernen, arbeiten und sich vergnügen dürfen. Die ihre Meinung sagen und ihre Gefühle aufschreiben dürfen.

Also jenen wie mir. Ja, es geht mir gut. Es geht mir verdammt gut! Und das darf es auch, denn mein simples Leben kann anderen Hoffnung machen. … Die »Red Alert«-App, die Raketenalarm in Israel meldet, ertönt. Mehrfach täglich, treibt meine Kinder in den Wahnsinn. »Warum hast du das an, Mama? Was soll das?« Ganz ohne schlechtes Gewissen und Relativierung meines Glücks kann ich eben irgendwie doch nicht.

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