Als Adam Nathaniel Yauch am 12. Mai 2012 in Folge einer Ohrspeicheldrüsenkrebserkrankung im NewYork-Presbyterian Hospital starb, war dies neben der persönlichen Tragödie auch das Ende einer musikalischen Ära. Denn Adam Yauch war unter seinem Künstlernamen MCA Teil der legendären Band Beastie Boys. Als solche feierten Yauch und seine Mitstreiter Adam Horovitz (Ad-Rock) und Michael Diamond (Mike D) über nahezu drei Jahrzehnte riesige Erfolge und erspielten sich eine ebensolche Fan-Gemeinde, denn auf die Beastie Boys konnten und können sich Musikliebhaber über Genregrenzen hinweg verständigen.
Die Anfänge der Beastie Boys liegen ganz eindeutig im Punkrock der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, der wenig später vom Rap abgelöst wird, ohne gänzlich aus ihrem Sound zu verschwinden. Das Debütalbum Licensed to Ill, mit dem die Beastie Boys Platz 1 der US-Charts stürmten, enthielt auch gleich einen ihrer größten Hits, der zur Hymne einer Generation wurde, ihnen Millionen Fans eintrug und en passant das Genre des Crossover mit aus der Wiege hob: »(You Gotta) Fight for Your Right (To Party!)«.
Während viele – kommerziell – erfolgreiche Bands ihren Trademark-Sound konservieren, kann man zwar fast immer einen »typischen Beastie Boys-Sound« identifizieren, aber eigentlich gibt es diesen gar nicht. Dies liegt daran, dass die Band reifte, mithin erwachsener wurde und sich musikalisch weiterentwickelte. Die Alben Paul’s Boutique und Check Your Head, auf denen die Boys viel weniger beasty auftreten, spiegeln die Experimentierfreude der Band wider. Wirtschaftlich konnte Paul´s Boutique mit dem Erstlingswerk nicht mithalten, schaffte es aber auf Platz 48 der Apple Music 100 Best Albums-Liste und Platz 156 der 500 Greatest Albums of All Time des »Rolling Stone«.
Die nachfolgenden Longplayer der Beastie Boys Ill Communication, Hello Nasty und To the 5 Boroughs erreichten allesamt Platz 1 der US Billboard-Charts und schenkten der Musikwelt die Megahits »Sabotage« und »Intergalactic«, mitsamt ikonischen Musikvideos, bei denen u.a. der legendäre Regisseur Spike Jonze Pate stand. Die Beastie Boys gewannen drei Grammys und Musikpreise rund um die Welt.
Im April 2012 wurden die Beastie Boys in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, just an jenem Tag, an dem Adam Yauch ins Krankenhaus eingeliefert wurde, das er lebend nicht mehr verlassen sollte. Obwohl Yauch sich gewünscht hatte, dass seine Mitstreiter weiter gemeinsam Musik machen, beschlossen Horovitz und Diamond, keine Musik mehr unter dem Namen Beastie Boys zu veröffentlichen.
Trotzdem wurden beide auch nach dem Ende der Band kreativ tätig, veröffentlichten ein Buch, das die Apple TV-Dokumentation Beastie Boys Story von Spike Jonze und die Anthologie Beastie Boys Music nach sich zog.
Musikalisch wurden die verbliebenen Beastie Boys nur noch sporadisch aktiv. Hier und da ein Remix und ein Auftritt als Produzent. Das war’s - bis ja bis Michael Diamond alias Mike D. im Mai dieses Jahres plötzlich und unerwartet sein Solo-Debüt mit der Single »Switch Up« präsentierte und in den folgenden Wochen zwei weitere Singles nachlegte und das Solo-Album Thank You ankündigte.
Die mittlerweile überwiegend etwas angejahrten Fans der Band konnten ihr Glück kaum fassen, dass es so etwas wie die Fortsetzung des musikalischen Erbes ihrer Helden geben sollte. Und so manche Best Ager-Krise fand ihr vorübergehendes Ende, als eben jener Mike D. eine Konzerttour ankündigte.
Diese führte ihn am Mittwochabend ins ausverkaufte Säälchen am Berliner Holzmarkt, wo einige Hundert Fans gespannt dem Auftritt von »Mike D 5 D« entgegenfieberten. Nach einem etwas länglichen DJ-Set als Warm up ging es pünktlich um 21.08 Uhr los, schließlich mussten bei radioeins, das live übertrug, ja noch die Nachrichten verlesen werden. Zur »B-Boy Bouillabaise«, einem Instrumental-Medley von 1989, betrat Mike D mit seiner Band die Bühne und begrüßte mit typisch New Yorker Herzlichkeit das Publikum: »What’s up y’all, all I’ve got to say is: Hello Berlin!«.
Die Show beginnt mit einer Panne: Dit is Berlin!
Und los geht die Show – und bricht sofort wieder ab: Der Sound ist da, knackig und krachend, doch das Mikrofon des Hauptdarstellers ist nicht zu hören, also allgemeines Gelächter im Saal. Das Publikum ist natürlich nachsichtig, schließlich konnte man Mike D zuletzt bestenfalls vor 18 Jahren irgendwo live auf der Bühne sehen. Und auch der Künstler nimmt es sportlich und die Schuld auf sich. Der Neustart klappt.
Die drei E-Gitarren, der Bass, ein Synthesizer und die Drummachines füllen brachial den Raum und werden doch zum Hintergrund, als Mike D die Vocals ins Mikrofon rapt, dass es dem Zuhörer durch Mark und Bein geht. Das (Muskel-)Gedächtnis erinnnert ein Vierteljahrhundert zurückliegende Konzerterlebnisse, es fehlt nur ganz wenig und man möchte auf und ab und kreuz und quer springen. Wie es der Mann mit der grell verzerrten Stimme auf der Bühne auch tut. Unglaublich, dass dieser inzwischen 60 Jahre alt ist und nicht nur so nebenbei eine Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt als Kurator begleitet.
Doch die Ernsthaftigkeit des Abends besteht darin, Spaß zu bereiten. Und dies gelingt durchweg! Die neuen Songs, untermalt von wilden Klangcollagen aus »handgemachter« Musik, elektronischen Soundteppichen und mitreißenden Drum’n’Bass-Kaskaden, zünden das ohnehin wohlwollende Publikum nahezu an. Ein Übriges tun dann einige wenige Preziosen aus der Beastie Boys-Ära. Mike D verzichtet darauf, mit den Gassenhauern von einst die Nostalgiewelle abzureiten. Doch »Looking down the Barrel«, »So What´cha Want« und das Delta5-Cover »Mind your own Business« spannen die Brücke in ein Zeitalter, als die Beastie Boys sich immer neu erfanden und Innovation und kommerzieller Erfolg keinen Widerspruch bedeuteten.
Der zwischenzeitlich zur klassischen Klampfe vorgetragene Titelsong des angekündigten Albums Thank You sorgt für leicht irritierte Rührung – und den Einsatz eines einzelnen Feuerzeugs im Publikum. Das durchweg begeisterte Auditorium wird dann auch noch Zeuge eines urkomischen Moments, als Mike D seinem als Keyboarder auf der Bühne stehenden Sohn Skyler zuruft »Like Rihanna said, shine like a diamond«.
Nach einer Stunde ist der Spaß vorbei. Mit einem kurzen Dank ans Publikum verabschieden sich der Star und die Band von einem begeisterten Publikum. Mike D wird in den nächsten Tagen noch auf einigen wenigen Bühnen in Porto, Barcelona und Paris zu sehen sein. Doch das angekündigte Album und das Konzert vom Mittwochabend wecken sicher bei vielen Fans die Hoffnung auf ein nicht allzu weit entferntes Wiedersehen. cru