Menschen sind keine mehr am Start in einer Redaktionssitzung des Jahres 2106. Längst sind alle Redakteurinnen und Redakteure durch Bots ersetzt, die ihre Aufgaben übernommen haben – schließlich können diese in Sekundenschnelle Ereignisse aus der ganzen Welt und darüber hinaus auch aus dem Universum erfassen, analysieren und das Geschehene in Bild und Wort weiter verarbeiten. Außerdem machen Bots weder Orthografiefehler, noch nehmen sie Urlaub und sind automatisch motiviert, weshalb sie der Traum eines jeden Chefredakteurs sind. Aber der ist dann auch nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern quasi der Oberbot.
Die Welt dreht sich auch in 80 Jahren ständig weiter. Auch manche Themen bleiben aktuell: Gibt es eine Renaissance der Religion in der Politik, was die Säkularen nicht unbedingt begeistert? Oder umgekehrt: Ist ein Comeback des Säkularen zu erwarten, was wiederum die Religiösen auf die Palme bringt? Manchmal sind es jedoch die ganz unpolitischen Fragen, die die Gemüter erhitzen: Wo bekommt man die beste Babka oder Challe? Oder die These, dass Aschkenasim immer noch unfähig sind, perfektes Chraime zuzubereiten. Gerade davon kann der Bot, der das Ressort »Unsere Woche« betreut, ein Lied singen. Es bleibt also kompliziert.
Die Redaktionskonferenz findet alle zwei Minuten statt
Kurzum, Hilfe zum besseren Verständnis des Tages- und Nachtgeschehens, Kommentare oder Reportagen dürften auch noch in 80 Jahren gefragt sein. Das unterscheidet die jüdische Welt nicht von der nichtjüdischen. Also vernetzen sich alle Bots der Jüdischen Allgemeinen zu einer Redaktionskonferenz, die wahlweise einmal die Woche oder – in einer Hightech-Redaktion ebenfalls eine Option – alle zwei Minuten stattfindet.
Ob die Bots dann noch vom Oberbot mit einem herzlichen »Hallo, schön dass ihr alle da seid« begrüßt werden, darüber kann man nur spekulieren. Aber auch im Jahr 2106 will eine Ausgabe geplant sein, vor allem, wenn diese in gedruckter Form verkauft wird. Denn Zeitungen aus Papier erleben plötzlich – wie im Jahr 2026 die Schallplatte aus Vinyl – eine Renaissance, weswegen sie gleichfalls zu begehrten Sammelobjekten geworden sind. Deshalb gibt es nach wie vor heftige Diskussionen darüber, welche Geschichten Präferenz haben und auf die virtuelle – oder physische – erste Seite kommen sollen. Die Leiter der einzelnen Ressorts argumentieren weiter, auch wenn es sich um Bots handelt.
Nur der Bot, der für die Religionsseiten zuständig ist, klinkt sich dabei regelmäßig aus, und zwar während des Schabbats. Ist dieser vorbei, wird er dafür umso lauter. »Wir müssen unbedingt die jüngsten Trends bei den Orthodoxen in Israel aufgreifen«, dröhnt er. »Sie wollen jetzt alle zur Armee, sogar die Frauen.« Auch das Thema Geburtenkontrolle hätten sie nun für sich entdeckt. »Plötzlich will niemand mehr als fünf Kinder.«
Zeitungen aus Papier erleben plötzlich eine Renaissance, wie 2026 die Schallplatte aus Vinyl.
»Das hat die Demografie stabilisiert«, weiß dazu der »Israel«-Ressort-Bot zu berichten. Denn der jüdische Staat existiert und gedeiht weiterhin – neben einem Staat der Palästinenser, der inzwischen gegründet wurde – entsprechend der alten Forderung »From the River to the Sea«. Nur liegt dieser Staat östlich des Jordan, und statt des Mittelmeers wurde der Persische Golf seine andere Grenze. Dafür aber herrschen in der Region nun ewiger Frieden und Wohlstand.
Sogar aus der Schweiz haben sich Juden im Nahen Osten angesiedelt. Denn Klimawandel und das technische Know-how Israels verwandelten die Region in eine Landschaft, die mittlerweile so grün und idyllisch ist wie einst die Gegend um den Zürichsee. Auf die Erderwärmung folgte prompt eine kleine Eiszeit, und in Europa wurde es ungemütlich. »In einigen Ländern wie dem ebenfalls neu gegründeten Staat Kurdistan haben sich sogar jüdische Gemeinden etabliert«, weiß der »Jüdische-Welt«-Ressort-Bot zu berichten. »Wenn wir unsere Sonderausgabe zum 100. Jubiläum der Abraham-Abkommen planen, sollten wir das alles unbedingt aufgreifen.«
Volatil und nachrichtenreich
Dafür sieht es in anderen Ecken der Welt nicht mehr ganz so rosig aus für Juden. Diese Entwicklungen werden vom »Zeitgeschehen«-Ressort-Bot genauestens beobachtet. Ginge es nach ihm, würde man in der Redaktionskonferenz ausschließlich seine Themen berücksichtigen – so volatil und nachrichtenreich ist das internationale Parkett geworden. »Schließlich ist die Weltordnung eine multipolare geworden.« Das erhöhe die Zahl der gewichtigen Akteure, beispielsweise Nigeria.
»Stimmt«, sagt der »Jüdische Welt«-Ressort-Bot. »Das ist eine große Story. Die jüdische Gemeinde dort wächst seit Jahrzehnten, und jetzt, wo das Land zur Supermacht geworden ist, hat das globales Gewicht. Besonders seit der Internationale Strafgerichtshof in dessen Hauptstadt Abuja verlegt wurde.« Dort wurde gerade auf Initiative von Palästina Klage gegen Irland eingereicht. Dublin ließ nach einem Überfall protestantischer Terroristen seine Armee in Nordirland einfallen und hat dort ein Blutbad angerichtet. »Auch die Synagoge von Belfast wurde zerstört.«
Dann meldet sich der »Kompakt«-Bot zu Wort und berichtet, dass die russischsprachige Version der Jüdischen Allgemeinen gerade den renommierten ukrainischen Design-Preis für ihr innovatives Layout bekommen hat. »Nur mal am Rande: ›Kompakt‹ ist mittlerweile die wichtigste jüdische Publikation in dem Land geworden, mit eigenen regionalen Ausgaben für Luhansk und den Donbass.« Die KI liefert perfekt auf die ukrainische Zielgruppe abgestimmte Berichte.
»Wie sieht es eigentlich mit Donald Trump XIV. aus?«
»Wie sieht es eigentlich mit Donald Trump XIV. aus?«, will der »Debatte«-Ressort-Bot nun wissen. »Haben wir jemanden, der die KI einen Beitrag schreiben lässt, warum seine Präsidentschaft gut für Israel ist? Und gibt es einen, der die gegenteilige Position vertritt?« Keine fünf Minuten später sind beide Texte da und werden von der Community heftig diskutiert.
»Und wie wäre es mit dem Thema ›50. Jahrestag des Aus für den Eurovision Song Contest‹?«, fragt der »Kultur«-Ressort-Bot. »Welchen Schaden haben die Boykotte erst gegen Israel, dann gegen andere Länder angerichtet, und wie konnte sich der Musikbetrieb davon erholen?« Prompt wird die Redaktion mit dem israelischen Sieger-Titel von 1979 beschallt. »Hallelujah!«, dröhnt es aus den Hightech-Boxen, von denen man 2026 nur träumen konnte. Und alle Bots singen automatisch mit. Denn Nostalgie beherrschen sie auch.