Meinung

Wer definiert das Judentum?

Am 16. November 2026 verleiht die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland Mark S. Kinzer, dem emeritierten Präsidenten des Messianic Jewish Theological Institute in Kalifornien, die Ehrendoktorwürde. Die Mitteilung der Fakultät, datiert vom 21. April 2026, spricht von einem »international anerkannten Theologen, Bibelwissenschaftler und messianisch-jüdischen Rabbiner«, dessen Werk »zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum« beigetragen habe.

Worüber zu reden ist, ist nicht die Person. Kinzers Werk, sein dialogisches Ethos, seine ausdrückliche Zurückweisung von Judenmission und Substitutionstheologie sollen nicht in Zweifel gezogen werden. Worüber zu reden ist, ist die institutionelle Geste und das, was sie über das Selbstverständnis der größten römisch-katholischen Fakultät der Schweiz aussagt.

Grenze, die nicht zufällig ist

Das Judentum hat seit nahezu zwei Jahrtausenden eine theologische Grenze gezogen, die nicht verhandelbar ist: Wer Jesus von Nazaret als Messias bekennt, hat eine Schwelle überschritten, die ins Christentum hinein und aus dem religiösen Judentum hinausführt. Diese Linie ist keine Sektierer-Linie. Sie wird gleichermaßen von orthodoxen Rabbinaten, konservativen, liberalen und Reform-Gemeinden, vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund wie von der Jewish Agency und vom Obersten Gerichtshof Israels getragen.

Christen definieren nicht, wer Jude ist; Juden definieren nicht, was christliche Theologie zu sein hat.

Die Selbstbezeichnung »messianische Juden« versucht, eben diese Grenze offenzuhalten – nicht durch dialogische Vermittlung zwischen zwei eigenständigen Traditionen, sondern durch die Behauptung, das eine könne gleichzeitig das andere sein. Genau hier liegt der Bruch. Die Wirkungsgeschichte dieser Bewegung speist sich überwiegend aus evangelikalen, oft missionarisch motivierten Quellen. Dass Kinzer sich persönlich davon distanziert, ehrt ihn; an der Verortung seines Lehrinstituts ändert es nichts.

Die Folge aus Nostra Aetate

Mit dem Dokument Nostra Aetate (1965) des Zweiten Vatikanischen Konzils hat die römisch-katholische Kirche das Judentum nicht in eine christologische Logik zurückgeholt, sondern als eigenständige, bleibende Glaubensgemeinschaft anerkannt. Die Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum hat in der Verlautbarung »’Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt’ (Röm 11,29). Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von ‘Nostra aetate’ (Nr. 4)« präzisiert: Eine institutionelle Judenmission widerspricht der katholischen Lehre.

Es ist die Wiederaufnahme eines alten Musters, in dem christliche Institutionen sich angemaßt haben, zu wissen, wer »der wahre Jude« sei.

Aus dieser Konzilstradition lebt der Dialog seit sechzig Jahren. Seine Voraussetzung ist eine einfache, mühsam erarbeitete Symmetrie: Christen definieren nicht, wer Jude ist; Juden definieren nicht, was christliche Theologie zu sein hat. Nach den Jahrhunderten christlicher Anmaßung in genau dieser Frage ist das nicht banal.

Was die Geste praktisch tut

Wenn nun eine renommierte römisch-katholische Fakultät einen »messianisch-jüdischen Rabbiner« auszeichnet und in der Begründung dessen Verortung »im Schnittfeld von Judentum und Christentum« würdigt, schreibt sie – bewusst oder nicht – eine Definition fort, die im organisierten Judentum nicht gilt. Sie behandelt eine Position, die aus jüdischer Sicht keine innerjüdische Position ist, als jüdische Gesprächspartnerin (mag sich die Gruppe auch so sehen). Damit verschiebt sich, leise und ohne Streit, die Geometrie des Dialogs: nicht mehr zwischen Judentum und Christentum, sondern in einem Feld, das die Fakultät aus eigener Vollmacht als jüdisch deklariert.

Lesen Sie auch

Das ist nicht antisemitisch. Es ist nicht einmal unfreundlich gemeint. Es ist die Wiederaufnahme eines alten Musters, in dem christliche Institutionen sich angemaßt haben, zu wissen, wer »der wahre Jude« sei, hier in dialogischer Sprache, und gerade deshalb subtiler. Eine Fakultät, die sich auf Nostra Aetate beruft, müsste die Sensibilität haben, zu erkennen: Wenn die jüdische Seite des Dialogs nahezu geschlossen festhält, dass messianische Juden nicht zu ihr gehören, ist es nicht an der christlichen Seite, diese Selbstabgrenzung zu unterlaufen, schon gar nicht durch eine akademische Würdigung.

Der Schweizer Kontext

Die Schweiz ist nicht irgendein Ort für eine solche Geste. Hier hat der frühe Nachkriegsdialog zwischen Judentum und Christentum 1947 seine institutionelle Form in den Seelsisberger-Thesen nach den Wirren der Shoah gefunden. Die Theologische Fakultät Freiburg, mit ihrer dominikanischen Tradition und ihrer Verankerung im deutschen wie im französischen Sprachraum, gehört zu den einflussreichsten katholischen Bildungsinstanzen des Landes mit internationaler Strahlkraft weit über den europäischen Kontinent hinaus. Was sie tut, hat Signalwirkung weit über das Üechtland hinaus.

Es wäre ihr zu wünschen gewesen, das vor der Verleihung zu erkennen. Sie hätte den Austausch mit den jüdischen Gemeinschaften der Schweiz suchen oder die Würdigung so rahmen können, dass die theologische Asymmetrie sichtbar bleibt: Kinzer als christlich-theologischer Grenzgänger, dessen Werk im katholischen Diskurs Bedeutung erlangt hat, nicht als Repräsentant jüdischer Theologie. So aber bleibt ein Eindruck, der das Vertrauen der jüdischen Gemeinden in den katholischen Dialogpartner in einem Detail belastet. Die Geste ist klein. Aber sie ist nicht nichts.

Der Autor hat zu Antijudaismus und Antisemitismus in der Schweiz publiziert und arbeitet gegenwärtig an einer Studie zur jüdischen Bildungsgeschichte. Er ist Research Fellow an der Universität Basel.

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026

Meinung

Entlarvte Gesinnung

Ausgerechnet jener Schweizer Politiker, der sich im Parlament gegen das Hamas-Verbot stellte, lädt die französische Abgeordnete und Israelhasserin Rima Hassan nach Bern ein

von Nicole Dreyfus  04.06.2026

Großbritannien

Unterhausabgeordneter unterstellt Israel »Blutdurst«

In einer Parlamentsdebatte zu Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon verstieg sich ein Parlamentarier zu antisemitischen Aussagen

 04.06.2026

Essay

Sündenfall des Big Apple

New Yorks Bürgermeister macht den Nahostkonflikt zur Innenpolitik und feiert BDS, während seine Frau den 7. Oktober rechtfertigt. Hinter der Fassade der Wohltäter steht die harte Ideologie der Ausgrenzung

von Louis Lewitan  04.06.2026

Brnenec

Museum in Oskar Schindlers Fabrik - Politiker sagen Unterstützung zu

Auf dem Gelände der früheren Fabrik von Oskar Schindler gibt es heute ein Museum. Noch zwickt es dort finanziell ordentlich. Aber Hilfe für die NS-Gedenkstätte ist zumindest am Horizont

von Alexander Brüggemann  03.06.2026

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026