Der Fall eines israelischen Militärpostens am Gazastreifen hat am 7. Oktober 2023 den Weg für den palästinensischen Terrorangriff auf den Kibbuz Be’eri freigemacht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der israelischen Armee. Demnach war die dort stationierte Einheit auf einen groß angelegten Überraschungsangriff nicht ausreichend vorbereitet. Beim mehrstündigen Kampf um den Posten Paga wurden 18 Soldaten und Kommandeure getötet, 22 weitere wurden verletzt. »The Times of Israel« und andere israelische Publikationen berichteten.
Der Stützpunkt liegt westlich von Be’eri und trägt offiziell die Bezeichnung »Magen Be’eri«, also »Beschützer von Be’eri«. Am Morgen des 7. Oktober wurde er von schätzungsweise 60 bis 80 Hamas-Terroristen angegriffen und schließlich überrannt. Nach Einschätzung der Ermittler ermöglichte dies weiteren Terroristen das Eindringen in das nahegelegene Be’eri.
In dem Kibbuz wurden an diesem Tag 101 Zivilisten und 31 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet. 30 Bewohner sowie zwei weitere Zivilisten wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Die Untersuchung des Paga-Postens gehört zu einer Reihe von militärischen Aufarbeitungen der Kämpfe und Massaker während des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober.
Ausrüstung und Verteidigungsanlagen
Die Untersuchung wurde von Oberst Ori Ron geleitet, dem israelischen Verteidigungsattaché in Brasilien. Sie umfasste die Kämpfe am Posten und in dessen Umgebung. Die Ermittler besuchten den Schauplatz und werteten nach Angaben der Armee unterschiedliche verfügbare Informationsquellen aus.
Das Ergebnis fällt für die damalige Einsatzvorbereitung deutlich aus. Die für den Posten zuständige Kompanie sei »nicht ausreichend auf die Mission vorbereitet« gewesen. Das betraf laut der Untersuchung sowohl die Ausrüstung der Soldaten als auch die Verteidigungsanlagen des Stützpunkts.
Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass das Geschehen auf eine grundsätzliche Schwäche bei der Vorbereitung auf einen koordinierten Überraschungsangriff hindeutete. Das Ergebnis der Schlacht »spiegelt das systemische Versagen wider, sich auf einen umfassenden Überraschungsangriff vorzubereiten und die Verantwortung für die Verteidigung des Sektors gegen einen solchen Angriff wahrzunehmen«, heißt es in der Untersuchung.
»Heldenhafte Leistungen«
Gleichzeitig hebt der Bericht auch das Verhalten einzelner Soldaten hervor. Trotz der extrem schwierigen Lage habe es »heldenhafte Leistungen und bemerkenswerte eigenständige Handlungen« von jüngeren Kommandeuren und Soldaten gegeben.
Alltag vor dem 7. Oktober
Am Paga-Posten waren damals Soldaten des 13. Bataillons der Golani-Brigade sowie ein Panzerzug der 7. Panzerbrigade an einer benachbarten Stellung eingesetzt. Hinzu kam der Beduine Muhammad el-Atrash, ein Späher der Gaza-Division. Auch er wurde am 7. Oktober getötet. Seine Leiche wurde in den Gazastreifen verschleppt und später nach Israel zurückgebracht.
Vor dem Angriff bestand ein wesentlicher Teil des militärischen Alltags an dem Posten aus der Reaktion auf gewaltsame Unruhen am Grenzzaun. Diese Situation habe die Wahrnehmung der Soldaten sowie deren Ausbildung und Übungen beeinflusst. Das Training habe nicht dem Szenario entsprochen, dass der gesamte Sektor gleichzeitig von einem Überraschungsangriff getroffen werden könnte.
Lücken bei der Abstimmung
Auch die israelischen Luftangriffe konnten den Kampf am Posten nicht entscheidend beeinflussen. Die Untersuchung führt dies unter anderem auf Lücken bei der Abstimmung zwischen den Luftstreitkräften und den Bodentruppen zurück.
Um 6.29 Uhr begann der massive Raketenbeschuss auf den Süden Israels. Kurz darauf durchbrachen Hamas-Terroristen an mehreren Stellen die Grenze und rückten auf den Paga-Posten vor. Die Soldaten bezogen zunächst geschützte Stellungen, während die Besatzung der benachbarten Panzerposition versuchte, den Angreifern am Grenzzaun entgegenzutreten.
Zwischen 6.41 und 6.45 Uhr beschossen israelische Panzer die eindringenden Terroristen. Einer der Panzer wurde durch einen von einer Hamas-Drohne abgeworfenen Sprengkopf getroffen und außer Gefecht gesetzt. Seine Besatzung kämpfte dennoch noch etwa eine Stunde weiter.
Sich nähernde Fahrzeuge
Gegen 6.49 Uhr eröffneten die Terroristen das Feuer auf den Posten. Ein Soldat, der an einem Wachposten am Eingang stand und über kein Funkgerät verfügte, bemerkte den Angriff und lief los, um die übrigen Kräfte zu warnen. Die Information erreichte jedoch ein Mörserteam des 13. Bataillons nicht.
Wenige Minuten später wurden die Soldaten über sich nähernde Fahrzeuge informiert und erhielten den Befehl, ihre Verteidigungspositionen zu verstärken. Um 6.55 Uhr drangen die ersten neun Terroristen in den Posten ein. Sie teilten sich auf und griffen aus mehreren Richtungen an.
Bereits gegen 7 Uhr forderten die Soldaten Verstärkung an und begannen damit, Verwundete zu evakuieren. Im weiteren Verlauf gingen jedoch Ausrüstung und Munition aus. Um 7.43 Uhr griff eine Drohne der israelischen Luftwaffe den nördlichen Teil des Postens an. Die Wirkung blieb nach Einschätzung der Ermittler begrenzt, weil den Luftstreitkräften wichtige Informationen fehlten und die Kommunikation mit den Bodentruppen nicht ausreichend funktionierte.
Tod der Führungskräfte
Die Lage verschärfte sich weiter. Mehrere Kommandeure waren gefallen, darunter schließlich auch der Kommandeur des Postens. Der für die Kompanie verantwortliche Offizier konnte den Stützpunkt wegen der Kämpfe und blockierter Straßen nicht erreichen. Nach Einschätzung der Ermittler beeinflusste der Tod der Führungskräfte die Entscheidungen und den weiteren Verlauf der Verteidigung erheblich. Verwundete können zunächst nicht gerettet werden
Im Laufe des Vormittags versuchten die verbliebenen Soldaten, die Verwundeten mit gepanzerten Mannschaftstransportern aus dem umkämpften Gelände zu bringen. Ein bereits beschädigtes Fahrzeug wurde jedoch von einem Terroristen mit einem Sprengsatz versehen. Die Explosion beschädigte die hintere Tür, woraufhin die Soldaten den Evakuierungsversuch abbrechen mussten.
Gegen 10.25 Uhr ordnete der Postenkommandeur an, die verbliebenen Kräfte zusammenzuführen. Die Verteidigung des Stützpunkts wurde immer schwieriger. Kurz darauf griff ein israelischer Kampfhubschrauber ein.
Vorübergehend gebremst
Um 10.35 Uhr stellten sich der Kommandeur und ein weiterer Soldat den angreifenden Terroristen am Wachposten entgegen. Auch dies geht aus der Untersuchung hervor. Sie töteten mehrere von ihnen, bevor beide selbst ums Leben kamen.
Eine weitere Attacke auf den Posten folgte gegen 11 Uhr. Zwischen 11.30 und 11.35 Uhr konnte eine Drohne der israelischen Luftwaffe mehrere Terroristen töten und den Angriff vorübergehend bremsen.
Angesichts der zunehmend aussichtslosen Lage entschied sich eine Gruppe von sechs Soldaten unter Führung des Zugfeldwebels, den Stützpunkt zu verlassen. Gegen 11.50 Uhr setzten sie sich unter schwerem Beschuss in Bewegung. Sie erwiderten das Feuer, töteten einen Terroristen und erreichten zwischen 12 und 12.15 Uhr einen gepanzerten Transporter in einem östlich gelegenen Obstgarten.
Rauch in Klimaanlage
Andere Soldaten harrten weiterhin im befestigten Speisesaal des Postens aus. Sie verbarrikadierten die Eingänge und setzten den Kampf fort. Gegen 13 Uhr legten die Terroristen Matratzen und Diesel an beiden Seiten des Gebäudes in Brand und leiteten anschließend Rauch durch eine Öffnung der Klimaanlage. Die Soldaten im Inneren litten unter dem Rauch und verloren teilweise das Bewusstsein.
Wenige Minuten später verließ ein Soldat das Gebäude und tötete zwei Terroristen. Um 13.13 Uhr versuchten fünf weitere Soldaten, den Speisesaal zu verlassen und die Angreifer zu bekämpfen. Alle fünf wurden dabei getötet. Nach diesem Gefecht begannen sich die Terroristen allerdings zurückzuziehen.
Erst am späten Nachmittag erreichten Rettungskräfte und weitere israelische Soldaten den Posten. Zwischen 16.20 und 16.50 Uhr wurde das Gelände gesichert, die verbliebenen Soldaten wurden gefunden und die Verwundeten abtransportiert. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich keine Terroristen mehr innerhalb des Stützpunkts.
Von Panzerabwehrrakete getroffen
Später kehrte eine Rettungseinheit zurück, um die Leichen der getöteten Soldaten zu bergen. Auf dem Weg zum Posten wurde der Konvoi von einer Panzerabwehrrakete getroffen. Dabei wurde ein weiterer israelischer Soldat getötet und ein anderer verletzt.
Die nun veröffentlichte Untersuchung befasst sich ausdrücklich mit den Vorgängen am Paga-Posten und den unmittelbaren taktischen Umständen des Kampfes. Größere Fragen zur langjährigen Einschätzung der Hamas und der Bedrohung aus dem Gazastreifen waren nicht Gegenstand des Berichts. Diese Aspekte werden in anderen Untersuchungen der israelischen Armee behandelt. im