Nach der Parlamentswahl

Israels Präsident beauftragt Eisenkot mit Regierungsbildung

Israels Präsident Izchak Herzog
Israels Präsident Izchak Herzog (Archivbild) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Der israelische Präsident Isaac Herzog hat den Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot am Sonntag offiziell mit der Regierungsbildung beauftragt. Eisenkots Mitte-Partei Jaschar lag bei der Parlamentswahl zwar hinter der rechtskonservativen Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der frühere Generalstabschef erhielt bei den Konsultationen des Präsidenten mit allen Parteien aber die meisten Empfehlungen. Eisenkot ist der wichtigste Gegenspieler des langjährigen Regierungschefs, der nach der Wahl um sein Amt bangen muss.

Fraktionen, die zusammen auf 67 der 120 Sitze in der Knesset kommen, hatten Eisenkot für eine Regierungsbildung empfohlen.

Diese Empfehlungen garantieren aber noch keine erfolgreiche Koalitionsbildung. Denn es gibt verschiedene Konflikte zwischen und innerhalb der politischen Lager sowie zahlreiche rote Linien, die Kompromisse erschweren.

Netanjahu stünde als Ersatzkandidat bereit

Eisenkot hat zunächst 28 Tage Zeit, eine Regierungskoalition zu formen. Der Präsident kann diese Frist um maximal 14 Tage verlängern. Scheitert Eisenkot, kann Herzog ein anderes Mitglied des Parlaments beauftragen. Dafür stehen weitere 28 Tage zur Verfügung.

Als möglicher Kandidat für diesen Fall gilt Netanjahu. Bei der Parlamentswahl am 27. Oktober wurde seine rechtskonservative Likud-Partei mit 27 Mandaten stärkste Kraft. Dahinter folgte die von Eisenkot neu gegründete Partei Jaschar mit 21 Abgeordneten.

Streit um Regierungsbildung eskaliert

Netanjahu rief die Oppositionsparteien praktisch in letzter Minute zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit auf. Dieser sollten neben seinem Likud und den beiden ultraorthodoxen Parteien auch die rechtsextremen Parteien Religiöser Zionismus von Finanzminister Bezalel Smotrich sowie Ozma Jehudit von Polizeiminister Itamar Ben-Gvir angehören. Wer eine solche Regierung führen solle, sagte Netanjahu nicht.

Zugleich warnte der am längsten amtierende Ministerpräsident Israels die Opposition vor einer Regierung, die auf die Unterstützung der beiden arabischen Parteien angewiesen wäre. Eine solche Regierung würde Israel von innen heraus zerstören, behauptete Netanjahu.

Eisenkot spricht von »billiger PR-Masche«

Eisenkot bezeichnete Netanjahus Aufruf als »billige PR-Masche«. Ausgerechnet jener Mann, der die israelische Gesellschaft gespalten und Zwietracht gesät habe, spreche nun von Einheit - aber eben nur, weil er inzwischen erkannt habe, dass seine Tage im Amt gezählt seien. Netanjahu habe nie eine Vereinbarung eingehalten, die er mit politischen Partnern unterzeichnet habe. Sollten Netanjahus Partei und ihre Verbündeten also plötzlich an »Einheit« und einer breiten Regierung interessiert sein, könnten sie gern öffentlich ihr Bündnis mit den Extremisten auflösen und ihre Bereitschaft zum Beitritt in eine Regierung unter seiner Führung verkünden, sagte Eisenkot.

»Jetzt ist es an der Zeit, eine nationale Notstandsregierung zu bilden«, schrieb Eisenkot auf der Plattform X. »Ich werde alles tun, um sicherzustellen, dass wir dieser Aufgabe gewachsen sind.« Aus seiner Sicht ist es dringend nötig, eine stabile Regierung zu etablieren, eine weitere Wahlrunde zu verhindern und Netanjahu aus dem Amt zu drängen.

Wer die Königsmacher sein könnten

Das aus vier Parteien bestehende Oppositionslager verfügt über 48 der 120 Sitze in der Knesset. Für eine Mehrheit fehlen ihm also 13 Stimmen. Diese könnten von den beiden arabischen Parteien Vereinte Liste und Raam kommen, die insgesamt 19 Mandate gewonnen haben. Beide haben Eisenkot für den Auftrag zur Regierungsbildung empfohlen.

Das Problem: Innerhalb des Oppositionslagers gibt es erhebliche Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien. Umstritten sind sowohl deren Beteiligung an einer Koalition als auch die Möglichkeit, eine Minderheitsregierung von ihnen tolerieren zu lassen.

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Auch ultraorthodoxe Parteien könnten entscheidend werden

Rein rechnerisch könnten die entscheidenden Stimmen auch von den ultraorthodoxen Parteien Vereinigtes Thora-Judentum (UTJ) und Schas kommen, die bislang Netanjahus Lager angehören. Sie verfügen zusammen über 13 Stimmen, eine Regierungskoalition käme damit auf eine knappe Mehrheit von 61 der 120 Stimmen.

Allerdings: Die Schas-Partei empfahl Netanjahu für die Regierungsbildung, während UTJ auf eine Empfehlung verzichtete. Der Sender Channel 12 berichtete, dass Schas keinen Widerstand leisten werde, sollte der geistliche Führer der UTJ einer Regierung unter Ministerpräsident Eisenkot zustimmen.

Dem Sender Channel 12 zufolge soll auch der Oppositionspolitiker und frühere Außen- und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, bisher Gegner einer Zusammenarbeit mit den Ultraorthodoxen, inzwischen zu einem Bündnis mit UTJ bereit sein.

Als ein wesentliches Hindernis galt bislang der Streit über die Wehrpflicht, ein großes Aufregerthema in Israel. Schas und UTJ verlangen weitreichende Ausnahmen für ultraorthodoxe Juden. Eisenkot hingegen fordert bislang eine allgemeine Dienstpflicht, die alternativ zum Militärdienst auch durch einen Zivildienst erfüllt werden könnte.

Und dann bleibt noch der Likud - aber ohne Netanjahu

Eine große Koalition des Oppositionslagers mit dem Likud wäre rechnerisch ebenfalls möglich. Allerdings käme nur eine Zusammenarbeit ohne Netanjahu an der Spitze infrage. Ob es zu einem Führungswechsel kommen könnte und sich die Parteien auf ein gemeinsames Regierungsprogramm verständigen würden, ist jedoch völlig offen. dpa

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